Kapitel 1

 

Dejà - Vu

 

Semir Gerkhan fuhr in seinem silbernen BMW die A1 von Köln entlang. Aus seinem Radio erklangen die neusten Hits der Liederschreiber und operierten Sängerinnen. Ein Nichts - im Gegensatz zu Bens schönem Gesang zu seinen Gitarrenklängen. Doch er war nun mal nicht im Wagen und so musste er sich dies einvernehmen. Es war besser als gar nichts. Es war der 06. April. 10.00. Nach einem ausgiebigem Frühstück mit seiner Frau Andrea und seiner kleinen, zweijährigen Tochter Aida, machte sich Semir auf dem Weg zur Arbeit. Frau Krüger, seine Chefin, hatte Urlaub ab diesem Tag. Für über zwei Wochen! Dies, so dachte er, würden die zwei schönsten und ruhigsten Wochen seines Lebens werden. "Guten Morgen Köln, ich hoffe ihr hattet um halb Zehn euer Knopers und seit nun bereit für die neue Woche!" Die Stimme des Radiomoderators war tief, dennoch voller Freude. Neben Semir wahrscheinlich einer der wenigen Personen, die so gut gelaunt waren an einem Montag. Der Moderator kündigte einen Song von Max Mutzke an. "Just can wait until tonight". Einer von Semirs Lieblingsliedern. Begeistert begann der Deutschtürke zu diesem Lied zu pfeifen und zog aus seiner Jackentasche sein Mobiltelefon. Er warf es in die Luft, liess es zwei Mal drehen und fing es dann wieder auf. In seinem Telefonbuch suchte er eine Nummer aus, wählte sie an, drückte sein Handy an sein Ohr und liess es klingeln, während er weiter begeistert zu dem Lied pfiff.

 

Ben Jäger lag in seinem Bett und schreckte auf, als sein Handy vibrierte. Mit einem Murren richtete er sich auf, öffnete die Vorhänge und liess die Sonne in sein Zimmer scheinen. Er blickte auf den Display, lächelte und nahm ab. "Das nenn ich doch einmal einen Weckdienst", begrüsste er seinen Anrufer. "Das will ich doch meinen!", erwiderte Semir lachend und holte Luft. "Wie geht's deiner Verletzung?" Ben hob sein T-Shirt und löste ein Pflaster das sich auf der rechten Brustseite befand. Eine längliche, rötliche Narbe kam zum Vorschein. "Sie verheilt und tut weh." In einem letzten Fall, wurde Ben von einem Täter angegriffen, der ihm sein japanisches Küchenmesser in die Brust rammte. Der Hauptkommissar musste eine Woche im Krankenhaus verbringen. "Hat dir dein Arzt sein okay gegeben?" fragte Semir neugierig und Ben bejahte. "Heute kann ich wieder zur Arbeit kommen!", verkündete er freudig und stand auf. "Sehr gut, dass freut mich. Meide aber heute Fenster! Ich will nicht, dass ich dich wieder aus der Scheisse ziehen muss!" Ben wusste genau, worauf Semir anspielte. Ben hatte eins einen Mord beobachtet. Und geriet so in einen Komplott, dem ihn beinahe seinen Job gekostet hätte. "Ich werde mich hüten!", erwiderte er mit einem Lachen und ging zur Küche, wo er eine Packung Orangensaft hinausholte.

 

Er stellte ein Glas auf die Theke und goss sich von dem leckeren Fruchtsaft ein. "Ist nicht ab heute die Chefin im Urlaub?", erinnerte sich Ben und Semir bestätigte dies mit einem freudigem Lachen. "Zwei Wochen absolute Ruhe." Ben grinste, als er ein wenig vom Orangensaft trank. "Besteht nicht das Risiko, dass deine Wunde aufbricht?" Ben drückte zwei Tabletten aus der Packung und legte sie in den Mund, um sie mit dem Saft runterzuspülen. "Quatsch!", sagte er dann und sah auf die Uhr. "Muss man dich abholen?" fragte Semir und Ben lachte. Wieder dieselbe Frage wie damals. "Nein lass' mal! Ich habe ja meinen Wagen! Mein treuloses Stück Blech! Aber ich denke, ich werde den Bus nehmen! Zur Sicherheit!" Semir sagte mit einem erleichterten Aufseufzen, dass Ben die zweite Variante nehmen solle. "Keine Sorge Semir! Mir geht's wieder gut! Ist lieb von dir dass du dir Sorgen machst aber, "Daddys kleiner Liebling" muss auch mal alleine zur Bushaltestelle gehen können!" Semir lachte herzlich. "Na dann meinetwegen! Aber lass' dich nicht überfallen!" Ben schüttelte mit dem Kopf, was Semir natürlich nicht sehen konnte. Schwieg aber.

 

Semir wollte gerade aufhängen, als er brutal von einem Wagen gestossen wurde. Einhändig versuchte der Kommissar, seinen Wagen unter Kontrolle zu kriegen. Er stiess einen Schreckenslaut hervor. "Semir was ist los?" hörte er Ben aus dem Hörer doch er konnte nicht antworten. Ohne aufzuhängen, schmiss er das Handy auf den Sitz und konnte seinen Wagen wieder in die Spur bringen. Doch es war nicht vorbei. Wieder wurde er gestossen und nun konnte er den Wagen erkennen. Einen pechschwarzen Hummer. Die Luftverpester schlechthin. "Sag' mal geht's noch?" schrie Semir, im Klaren, dass der Fahrer des Wagens ihn nicht hören konnte. "Semir verdammt antworte!" Semir ignorierte Bens verzweifelte Rufe nach ihm. Er war zu beschäftigt, seinen Wagen unter Kontrolle zu halten. Immer wieder drängte ihn den Hummer auf die Seite. Schliesslich stiess der prächtige Wagen mit aller Kraft in die Seite von Semir und dieser verlor schliesslich die Beherrschung. Sein Wagen verlor die Spur, begann sich zu drehen und fiel in den Graben, der sich neben dem Pannenstreifen befand. Zitternd, konnte sich Semir befreien und aus dem Wagen steigen. Ein seltsames Geplätscher, liess ihn aufhorchen und er rannte davon, wurde aber von der Druckwelle der Explosion erfasst. Aus dem Wagen war Benzin ausgelaufen.

 

Als Semir sich umsah, erblickte er den Hummer, ebenfalls im Graben. "Na dem werde ich was erzählen!", keuchte der Deutschtürke und fasste sich an die Stirn, die schmerzte. Die Stelle fühlte sich feucht an und als er die Hand wegzog, war seine Hand mit Blut benetzt. Noch wütender, ging er zu dem Wagen und gesellte sich auf die Fahrerseite. Er wollte gerade beginnen zu fluchen, als er seinen Augen nicht traute. Der Fahrer, beziehungsweise die Fahrerin, lag mit dem Kopf auf dem Lenkrad. War sie bewusstlos? Semir lehnte sie nach hinten und stiess einen spitzen Schrei aus. In der Brust der Frau befand sich eine gigantische Schusswunde, aus der eine Menge Blut geflossen war. Wie konnte das sein? Semir schüttelte noch einmal den Kopf und fühlte den Puls. Nichts. Die Frau war tot. Aber, wer war gefahren?


Kapitel 2

 

Sorge

 

"Semir!" Bens Stimme überschlug sich beinahe und der junge Kommissar rannte sofort zu seiner Couch, wo seine vorbereiteten Sachen lagen. Schnell zog er sich seine Jeans, seinen schwarzen, dünnen Pullover, das weisse T-Shirt darüber und die Socken an. Das Handy liess er dabei an, schaltete es auf "Lautsprecher", in der Hoffnung, dass Semir antworten würde. Als er mit dem Pullover über das Pflaster fuhr, durchzog ihn ein schwacher, stechender Schmerz. Als er fertig war, rannte er wieder zu dem Mobiltelefon und drückte es wieder an sein Ohr. "Semir! Komm' schon antworte!", flehte er doch nichts. Er hängte auf und wählte sofort Susanne Königs Nummer in der Dienststelle. Diese meldete sich, wie immer, freundlich und beherzt. "Susanne du musst mir sofort Semirs Handy orten!", befahl Ben etwas schroff und Susanne zuckte an dem Ende der anderen Leitung zusammen. "Sofort, aber wieso?"

"Tu' es einfach! Ich weiss nur, dass Semir auf der A1 ist!" Ben hatte sich seine Chucks angezogen - befand sich schon auf dem Treppenansatz und lief zu seinem Wagen, als er auflegte und eine völlig verwirrte Susanne hinterliess. Ein bisschen tat es Ben schon Leid aber, die Sorge um Semir war stärker als jede Vernunft, geschweige denn jeder Manier. Mit einem Satz sprang er in seinen Porsche und steckte den Schlüssel. Mit einer Handbewegung zündete er den Motor und drückte das Gaspedal durch. Die Reifen quietschten unter dieser Anstrengung. Mit einem Eiltempo fuhr Ben auf die Autobahn und horchte bei einer Durchsage beim Radio auf. "Liebe Hörer, gerade habe ich eine SMS von Holger bekommen, dass sich auf der A1, nahe der Ausfahrt "Stadt Mitte" ein Unfall ereignet hat. Die Polizei ist gerade dabei, das Gebiet zu sperren. Benutzt bitte die Umleitung und fahrt vorsichtig!" Ben beschleunigte seinen Wagen noch stärker und fuhr auf das angekündigte Gebiet zu. Sein Handy klingelte. Er steckte es in die Halterung am Armaturenbrett und stellte auf Lautsprecher. "Hier Susanne", kündigte der Anrufer an. "Semir befindet sich auf der..." "...A1 Richtung Stadtmitte", vollendete Ben den Satz. "Woher weisst du...?" Susannes Stimme wirkte verwirrt und perplex. "Ich habe geraten", erwiderte Ben und hielt vor der Polizeiabsperrung.

 

Ein junger, uniformierter Polizist stand davor und sah, wie Ben ausstieg und auf ihm zukam. "Moment, hier ist gesperrt!" wies er mit freundlicher, aber doch mahnender Stimme hin und zeigte auf das Absperrband. Ben zog seinen Ausweis hervor. "Oh, Hauptkommissar Jäger, entschuldigt!" Mit einer kleinen Geste hob der Mann das Absperrband und Ben lief mit einem dankenden Nicken unten durch. Er sah die Krankenwagen, die Streifenwagen und den Wagen des Gerichtsmediziners. Bitte nicht, dachte Ben und rannte zu Hotte und Dieter, die er neben dem Wagen des Pathologen vorfand. "Da bist du ja", sagte Hotte erleichtert und Ben sah sich um. "Wo ist Semir?" fragte Ben hastig und mit zitternder Stimme. Dieter wies auf einen Krankenwagen. "Er wird gerade untersucht!" Ein kleiner Stein fiel Ben vom Herzen, doch vollkommen erleichtert war er noch nicht. Wie schwer war Semir verletzt? Er bedankte sich bei den Beiden und rannte auf den Krankenwagen zu, wo Semir auf einer Trage sass und sich in aller Ruhe verarzten liess. Als er Ben erblickte, lächelte er müde. "Hab' ich dir einen Schrecken eingejagt?" Ben rollte mit den Augen. "Mein Herzinfarktrisiko hat sicher gerade auf 30% gestiegen! Wegen dir mach ich's sicher nicht mehr lange!" Semir grinste und sah dann Bens besorgtes Gesicht. Der junge Kommissar setzte sich neben Semir und atmete tief durch. Semir bemerkte wie sein Partner keuchte und schweissüberströmt war. "Wie geht's dir?" Semir nickte zum Arzt. "Er meint dass ich nur diese nervige Platzwunde habe. Ansonsten bin ich gesund wie ein Backfisch!" Ben atmete erleichtert aus.

 

"Hast du dir solche Sorgen um mich gemacht?" Ben liess sich nach hinten auf die Trage fallen und stöhnte. "Hör mal! Ich möchte dich sehen, wenn es am Ende deiner Leitung kracht, du im Radio was von einem Unfall hörst und als erstes den Wagen des Docs siehst!" Semir klopfte Ben auf die Brust und erwischte gerade die Stelle, an der er verletzt war. Sofort schoss der Jüngere hoch und stiess ein lautes "Aua!" hervor. "Entschuldige!" Ben zog einen Schmollmund und sah den Arzt an. "Gibt es noch weiter Verletzte?" Der Arzt schüttelte mit dem Kopf. "Eine Frau hat einen Schock erlitten. Ansonsten sind alle wohlauf!" Er vollendete Semirs Verarztung und liess ihn dann ziehen. Gemeinsam mit Ben ging er zum Hummer, wo sich der Pathologe bereits über die Frau gebeugt hatte. "Und?" fragte er neugierig und der Gerichtsmediziner drehte sich um. "Sieh' an! Ben! Geht's dir wieder besser?" "Bis vorhin schon", begann Ben und sah vorwurfsvoll auf Semir, "trotzdem danke der Nachfrage!" Der Doc konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. "Todesursache?", fragte der Deutschtürke ablenkend. "Eindeutig die Schusswunde im Bauch. Wahrscheinlich ein Schrotgewehr. Da der Blutverlust noch grösser sein sollte, ich hier aber kaum Blut sehe, denke ich, sie wurde erschossen, bevor sie in den Wagen gelegt wurde." Ben sah sie sich an. Die Frau war sicherlich gerade erst 20 geworden. Hatte langes, schwarzes Haar und wirkte ausländisch. "Zeitpunkt?" "Ich denke vor zwei Stunden! Genaueres natürlich wie immer erst nach der Obduktion!" Semir nickte und der Pathologe winkte die Männer mit dem Sarg zu sich.

 

Ben besorgte sich Einweghandschuhe und öffnete den Kofferraum. Ihm war nicht ganz geheuer, wieso eine Frau einen Hummer fuhr. Für ihn war dies ein Machoauto. Für Männer, deren die Umwelt vollkommen egal war und etwas mit der Grösse des Wagens kompensieren wollten. Im Kofferraum lag bloss ein Koffer mittlerer Grösse. Schwarz und aus Leder. Ben hievte ihn aus dem Wagen, legte ihn auf den Boden und öffnete ihn. Zunächst ein normaler Koffer mit Wäsche, Badezeug und Duschutensilien. Als er jedoch die Kleidung anhob, erblickte er etwas Sonderbares. "Semir, komm' doch mal her!" Der Deutschtürke verabschiedete sich vom Gerichtsmediziner und ging auf seinen Partner zu. Ben zog aus dem Koffer eine Glock. Eine Waffe mit fulminanter Schusskraft. "Nicht gerade eine Frauenwaffe", bemerkte Semir trocken und Ben nickte. "Allerdings. Und sieh dir das an. Lauter Pässe." "Wahrscheinlich alle gefälscht!" Wieder nickte Ben. "Das passt irgendwie alles nicht zusammen! Ein Hummer, eine Glock! Alles nicht typisch Frau!" Semir hob die Schultern. "Frauen spielen inzwischen Fussball, haben hohe Stellen in den Chefetagen, korrigieren Autobahnpolizisten nach Lust und Laune!" Bens Mundwinkel zogen bei Semirs Kommentar nach oben. "Ich meine nur. Das ist doch nicht der Style einer Frau. Eine Frau fährt, wenn sie schon die Kohle hat, einen Jaguar und Schiesswaffen sind doch meistens handlich und doch gefährlich. Wieso hatte sie diesen Weg gewählt?"

"Das Ben, ist nun an uns herauszufinden!"


Kapitel 3

 

Autos und ihre Bedeutung

 

Semir sah sich die Pässe noch einmal genau durch. "Alle auf verschiedene Namen ausgestellt!" Ben sah auf, pickte sich ein Paar heraus und las laut vor: "Sandra Spears, Brittany Moore...alles Namen von berühmten Schauspielerinnen!" "Nicht gerade sehr kreativ!", meinte der Deutschtürke als er die Pässe zurücknahm und sie in Plastikbeuteln eintütete. "Immerhin besser wie «Gretel Wurmschwanz» oder «Trudi Koschwitz»." Semir sah Ben mit einer hochgezogenen Augenbraue an. Der Junge bemerkte sofort den Blick seines Partners und hob die Schultern. "Was ist?", fügte er seiner Geste hinzu und Semir schüttelte mit dem Kopf. "Hatte ich eben gerade einen Unfall oder bist du mit deinem Kopf auf das Lenkrad geknallt?" Ben erwiderte nichts. Er zog sich die Latexhandschuhe aus und warf sie auf den Boden. Beide drehten sich um, als die laute Stimme Hartmuts in ihr Gehör drang und der rothaarige Spezialist der KTU, der Kriminaltechnischenuntersuchung, kam auf sie zu. "Na Ben? Alles wieder fit?" Der Angesprochene nickte auf die liebgemeinte Frage Hartmuts. "Da habt ihr ja wieder was Schönes angerichtet!" Ben wies galant auf Semir. "Ich bin diesmal unschuldig!", fügte er seiner Geste hinzu und Hartmut grinste. "Semir kann eben nicht aus seiner Haut!" Der Deutschtürke errötete. "Ich möchte euch mal sehen", begann er mit schmollender Stimme, "wenn euch jemand in die Seite fährt!" Hartmut winkte ab und wies auf den Hummer. "Und den soll die Frau gefahren haben?" Ben und Semir nickten. "Allerhand! Nicht gerade ein Auto für eine Frau!" Er ging auf das Auto zu und gab immer wieder komische Laute von sich. "So ein schöner Wagen!" Ben ging auf den Rothaarigen zu. "Eher so ein Luftverpester! Ausserdem übersiehst du doch mit solch einem Monster die Kinder auf der Strasse!" Hartmut sah Ben mit einer hochgezogener Augenbraue an. Eine kleine Falte hatte sich auf der Stirn gebildet.

 

"Für dich sind Autos wirklich nur Mittel zum Zweck nicht wahr?" Semir kam auf die Gruppe zu, während Hartmut diesen Satz aussprach und musste lachen. "Sicher", mischte er sich in die Diskussion ein, "oder wieso meinst du, hat mir Ben seinen restaurierten Porsche ausgeliehen!" Ben rollte mit den Augen. "Herrgott! Ein Auto muss einen von A nach B fahren und gut aussehen! Das ist doch kein Lebewesen!" Hartmut rümpfte die Nase. "Du klingst wie eine Frau!" Bens Kiefer klappte bei diesem Kommentar nach unten, während Semir zuerst prustete und dann sich vor Lachen nicht mehr einkriegen konnte. Hartmuts Stimme hatte sich nämlich bei diesem Kommentar beinahe überschlagen und klang angewidert. Angewidert, von dem was Ben ausgesprochen hatte. Für den rothaarigen Hobbyturner war es ein absolutes «No-Go», dass ein Mann nicht eine innige Freundschaft zu einem Wagen aufbauen konnte. "Hast du nicht alle Locken auf dem Kopf?", fragte Ben entgeistert und Hartmut hob die Schultern. "Entschuldige aber deine Wortwahl in Sachen Autos könnten wirklich von einer Frau stammen!" Ben stemmte die Hände in die Hüfte. Seine Halsschlagader spannte sich sichtlich unter der Haut. "Du hast sie wohl nicht mehr alle!", stiess er beleidigt hervor und erblickte seinen Partner, der sich die Hand vor den Mund hielt, um sein breites Grinsen zu verstecken. "Das findest du wieder komisch!" Semir nickte nur leicht.

 

Ohne sich von Hartmut zu verabschieden, stampfte Ben auf seinen Porsche zu und Semir hatte Mühe, dass Tempo einzuhalten. Bens Gesichtsausdruck glich dem eines schmollenden Kindes. "Hey, Hartmut hatte es sicher nicht böse gemeint." Ohne was zu antworten stieg der Jüngere der beiden Kommissare in seinen Wagen und schnallte sich an. Semir tat es ihm gleich. "Da sterbe ich beinahe vor Angst und dann muss ich mir noch anhören, dass ich wie eine Frau rede? Ich hasse Montage!" Semir musste sich wieder bemühen, nicht zu lachen. Denn Ben sah ihn schon drohend mit zusammengekniffenen Augen an. "Hör' mal, nicht jeder denkt über Autos so wie du. Und jeder denkt nicht so positiv über Türken wie du! Was meinst du wie oft ich mir schon das Wort «Kanake» anhören durfte? Hätte ich jedes Mal genauso wie du reagiert würde ich heute noch schmollen!" Ben steckte den Schlüssel und zündete den Motor. "Mag sein", erwiderte er knapp und fuhr los. "Du kannst nicht für immer auf mich sauer sein", säuselte Semir und riss seine Augen so weit auf, damit er den bettelnden Blick eines Hundes nachahmen konnte. Ben sah ihn an und grinste. "Hör' auf, du machst einem nur Angst damit!", gab er schliesslich auf und Semir klopfte ihm auf die Schulter. "Was hältst du davon, wenn wir noch was Frühstücken gehen? Ich habe noch nichts in den Magen gekriegt!" Ben nickte und bog in die Einfahrt zur Stadt ein.

 

In einem gemütlichen Café bestellten sich beide je ein Sandwich und eine Tasse Kaffee. "War wirklich die Frau gefahren?" fragte Ben mit vollem Mund und Semir zuckte mit den Achseln. "Ich hatte anderes zu tun, als mich auf die Fahrerin zu achten", gab er zu und Ben konnte nur nicken. "Willst du mich etwa verhören?" fragte Semir und Ben biss in sein Sandwich, kaute kurz und schluckte. "Immerhin wurdest du angegriffen Semir! So wie sich das am Telefon angehört hatte, war man dir ja absichtlich in die Seite gefahren!" Semir nickte. "Allerdings. Wer immer das auch war, dem habe ich nun eine Platzwunde und einen kaputten Dienstwagen zu verdanken!" Mit einer tiefen Falte auf der Stirn, nahm Semir seine Tasse und genehmigte sich einen Schluck Kaffee. "In der letzten Zeit haben wir keine Fälle bearbeitet, da ich ja für drei Wochen ausgeschaltet war. Hattest du eine Affäre?" Semir verschluckte sich bei Bens Frage und hustete. Ben musste ihm auf den Rücken klopfen, damit er sich wieder beruhigte. "Sag' mal spinnst du?" stiess der Deutschtürke hervor und Ben hob die Hände. "Na hör' mal! Einmal bist du ja beinahe einer Frau verfallen!", verteidigte er sich und Semir wusste nichts zu erwidern. Ja, er hatte sich einmal beinahe der Versuchung hergegeben. Aber eben - beinahe! Es war zu nichts gekommen und nie und nimmer würde er seine Frau betrügen! Er liebte sie und ihre gemeinsame Tochter zu sehr.


Kapitel 4

 

Die Superchefin

 

Ben trank gerade seinen Kaffee, als sein Handy klingelte. Er zog es aus der Hosentasche und blickte auf das Display. "O-oh!" Semir blickte von der Zeitung auf, die er ergattert hatte und legte den Kopf schief. "Die Chefin", erklärte Ben seinen Laut und nahm ab. "Frau Krüger! Ja, genau dass haben Bonrath und Herzberger Ihnen richtig erklärt!" Angewidert streckte Semirs junger Partner die Zunge aus. "Semir geht es soweit gut! Eine Platzwunde am Kopf, mehr nicht!" Semir war über die Frage nach seinem Zustand erstaunt. Zwar hatten er und Kim Krüger inzwischen ein besseres Verhältnis wie zu Anfang, doch richtig schmecken konnten sich die Beiden noch lange nicht. "Ich werde es ihm ausrichten. Wie, Sie wissen wer unser Opfer ist?" Bens Augen rissen sich weit auf und er sah Semir mit irritiertem Blick an. "Natürlich, wir kommen sofort!" Semir beobachtete Ben dabei, wie dieser sein Handy wieder verstaute und seine Geldbörse, die auf dem Tisch lag, aufklappte. Er winkte die Kellnerin zu sich. "Alles zusammen bitte!" Semir wollte etwas erwidern aber Bens Blick sprach Bände. Keine Widerworte! Der Sohn eines reichen Unternehmers überreichte der Kellnerin einen Zwanziger, winkte mit einem "Gut so", ab und stand auf. "Wir müssen zurück!" Semir trank in einem Schluck seinen Kaffee aus und folgte Ben zum Wagen. "Wieso kennt die Chefin unser Opfer?", dachte Ben laut als er einstieg und sah, wie Semir sich neben ihn gesellte. "Vielleicht hat sie 'ne finstere Vergangenheit?" Bei Semirs Kommentar gingen Bens Augenbrauen immer weiter nach oben. "Das glaubst du doch wohl selber nicht!" Der Deutschtürke liess dies offen im Raum stehen. Ben schüttelte, leicht irritiert, den Kopf, startete den Motor und fuhr los.

 

Ben parkte seinen Wagen und betrat mit Semir die PAST, wo Susanne schon am Eingang stand und sie ansah. Besonders Semir, musterte sie genau. "Geht's dir gut?" fragte sie besorgt und Semir nickte. "Mich kriegt man nicht so leicht!", scherzte er und Susanne atmete erleichtert aus. "Schön dass du wieder da bist Ben!" Ben nickte dankend und zog Semir zum Büro der Chefin. Diese stand auf als sie ihre Männer eintreten sah. "Das hat aber gedauert", begann sie mit ihrer bekannten, strengen Stimme und wies auf die Stühle die sich gegenüber ihrem Schreibtisch befanden, "nehmen Sie Platz!" Semir und Ben taten wie ihnen befohlen. Krüger setzte sich ebenfalls und faltete die Hände. "Als ich als junge Polizistin im Dienst unterwegs war, absolvierte ich eine kurze Zeit meine Arbeit im BKA. Und zwar in der Abteilung "Organisiertes Verbrechen"!" Ihre Stimme war ruhig und doch irgendwie bewegt. "Dort traf ich auf Daniela Meier. Eine Frau mit aussergewöhnlichem Talent. Bis sie in die falschen Hände geriet." Krüger zog aus ihrem Schreibtisch eine Akte hervor und liess sie über den Tisch zu Semir gleiten. "Das ist sie!", stiess er hervor und sah Ben an. "Als ich das Foto der Toten von Bonrath bekam, erkannte ich sie sofort. Sie ist, beziehungsweise war, eine Auftragskillerin! Als sie bei einem Einsatz in das Verbrechen fiel, konnte sie niemand mehr daraus holen! Deshalb bin ich auch gegangen!" Semir hörte Krüger gar nicht mehr zu, sondern las sich die Akte genau durch. "Frau Krüger", begann Ben, "wir haben aussergewöhnliche Dinge entdeckt. Zum Beispiel fuhr die Frau einen Hummer und ihre Waffe war eine Glock!" "Und?", fragte Krüger mit verschränkten Armen. "Entschuldigen Sie meine Meinung aber, für mich nicht gerade Utensilien, die eine Frau benutzt!" In Krügers Gesicht bildete sich ein schwaches Lächeln. "Herr Jäger, genau dass wollte sie immer damit erreichen!" Ben zog eine Augenbraue hoch. "Ich verstehe nicht..." "Daniela konnte so steht's den Verdacht von sich lenken. Da niemals Fingerabdrücke auf der Glock zu finden waren, vermutete man, dass man ihr die Waffe heimlich zugespielt hatte. Und den Hummer, ist einfach ihr Lieblingsgefährt. Es gibt solche und solche Herr Jäger!"

 

Semir stand auf und bedankte sich. "Das BKA hängt mir im Nacken! Lösen Sie diesen Fall also so schnell wie möglich!" Ben salutierte auf Krügers Befehl hin und ging mit Semir ins Büro. "Eine Auftragskillerin am Montag Morgen! Was will man mehr?" Semir hob die Schultern und setzte sich an seinen Schreibtisch. Sofort war er wieder in der Akte versunken. Vieles wurde der Frau zur Last gelegt, jedoch konnte man es nie beweisen. "Wirklich geschickt!", meinte er und sah auf, als Ben sich mit einem Stöhnen hinsetzte. "Alles okay?" fragte Semir besorgt und Ben winkte ab. "Geht schon! Nur eines verstehe ich nicht! Wieso wollte dich, wenn es wirklich sie war, eine Auftragskillerin umbringen? Das ergibt doch keinen Sinn!" Semir zuckte mit den Achseln. "Keine Ahnung...vielleicht muss ich ja wieder mal was ausbaden, was du angerichtet hast!" "N' Clown zum Frühstück gehabt?", gab Ben zurück. "Jedenfalls wollte dich irgendwer von der Strasse drängen und dich so in den Graben zwingen. Irgendwas steckt da schon dahinter!" "Meinst du, der hat's auch auf meine Familie abgesehen?" Ben schüttelte mit dem Kopf. "Ein Auftragskiller macht alles auf einmal! Hätte er wirklich auch Andrea und Aida töten wollen, wäre das doch sicher schon längst geschehen!" Nur langsam nickte Semir und massierte sich kurz die Augenlider. "Jedenfalls brauchen wir ein Profil von dieser Meier." Ben nickte, nahm die Akte entgegen und öffnete die Türe. "Susanne?" Die Angesprochene kam auf ihn zu. Ben gab ihr den Auftrag und überreichte ihr die Akte.

 

Mit einer ungewöhnlichen Sorgfalt reinigte er sein Gewehr. Sein Schatz! Seine Partnerin! Noch immer schmeckte er den erregenden Duft von Schiesspulver, der sein Schätzchen von sich gab. Wie wohltuend! Vor kurzem hatte sie einer Frau ihr Leben genommen. Schnell, unbarmherzig, brutal! Das Blut war an die Wand gespritzt und hinterliess sanfte, rote Pünktchen. Er hatte sie nicht weggewischt! Sie waren eine reine Verzierung für sein Gebäude. Beinahe hätte er zwei Fliegen mit einer Klatsche umbringen können, doch es war gescheitert. Aber in diesem Spiel hatte er mehrere Leben. Und sein Gegner nur eines! Doch er würde ihn nicht so einfach umbringen wie diese Frau. Nein! Ihm würde er zuerst noch die Seele töten und dann erst seinem Körper den Rest geben! Sein Werk! Seine jahrelange Planung sollte sich bald ausbezahlt machen! Er drückte die Waffe fest an seinen Körper. Schmiegte sich an sie. "Warte nur ab Semir Gerkhan!", zischte er leise und begann hämisch zu lachen.


Kapitel 5

 

Erkenntnisse und ein lauter Knall

 

Ben nahm den Hörer seines Telefons, als dieses klingelte und begrüsste den Anrufer. "Alles klar, wir kommen!" Mit diesen Worten wurde das kurze Gespräch wieder beendet. "Der Gerichtsmediziner, er hat einige Ergebnisse für uns!" Semir stand auf, blieb aber kurz stehen und stützte sich an seinem Schreibtischstuhl auf. "Alles okay?" fragte Ben besorgt und der Deutschtürke nickte. "Bin wohl zu schnell aufgestanden!" Ben zog eine Augenbraue hoch. "Was wenn die Kopfverletzung doch härter ist als vermutet?" Semir schüttelte schon wieder heftig mit dem Kopf. Wahrscheinlich auch um Ben zu demonstrieren, dass es ihm gut ging. "Mach' dir keine Sorgen, mir geht es gut!" Kapitulierend nahm Ben seine Jacke und ging mit seinem Partner Richtung Parkplatz, wo er dieses Mal seinen Mercedes, seinen Dienstwagen, ansteuerte. Semir liess er in diesem Zustand trotzdem nicht fahren, da alle Zweifel noch nicht behoben wurden. Im Auto schliesslich rieb sich Semir noch einmal übers Gesicht. "Vielleicht sollte ich heute doch allein weitermachen!" Der Deutschtürke winkte bei Bens Kommentar ab. "Mir geht's wirklich gut! Ausserdem habe ich schon unter schlimmeren Bedingungen weitergearbeitet!" Nachdem Semir diese Worte ausgesprochen hatte, zündete Ben den Motor und fuhr los. Im Radio wurde gerade bekanntgegeben, dass die Sperre endgültig aufgehoben wurde. Nach über vier Stunden Wartezeit. "Hartmut scheint wohl fertig zu sein!", murmelte Semir und Ben nickte. "Willst du nach dem Doc noch zu ihm?" "Besser nicht, er wird sicher noch nicht mit seiner Arbeit fertig sein!"

 

Der Gerichtsmediziner erwartete Semir und Ben bereits. Mit einem Lächeln hob er das Lacken von der Leiche und präsentierte sie wie bei einer Ausstellung. "Viel Neues zu berichten habe ich euch leider nicht", begann er und wies auf die gigantische Schusswunde, "dies hat sie ohne Zweifel getötet. Ausserdem hat sich mein Verdacht bestätigt. Sie starb nämlich an hohem Blutverlust!" "Im Wagen war bei weitem nicht so viel Blut, dass es tödlich sein hätte können!" Der Arzt nickte auf Bens Satz hin. "Sie muss also irgendwo anders angeschossen worden sein und dann in den Wagen gesetzt worden." Semir verschränkte die Arme. "Was sonst noch?" Die Mundwinkel des Docs zuckten hoch. "Euer Fräulein hatte kurz vor ihrem Ableben noch Geschlechtsverkehr. Die Spermien waren noch ziemlich frisch!" "Also ein Quieckie vor dem Sterbebett!" Ben wurde auf diesen Kommentar hin von eindeutigen Blicken durchbohrt. "Was?" fragte er und Semir schüttelte bloss mit dem Kopf. "Die Proben habe ich zu Hartmut geschickt. Mehr gibt es nicht zu berichten!" Er überreichte Ben den Bericht und dieser nickte dankend. "Also dann, man sieht sich!" Mit diesen Worten zog Semir Ben mit sich und sie verliessen die Pathologie.

 

"Sie musste also ihren Täter gekannt haben", murmelte Semir und Ben sah ihn an. "Wenn sie wirklich kurz vor ihrem Tode Sex hatte, musste sie wirklich ihren Mörder gekannt haben!" Ben nickte zustimmend und hielt an. "Hartmut wird sich die Probe ja anschauen, dann kommen wir bestimmt weiter! Schliesslich ist auf ihn ja immer Verlass!" Semir grinste breit. "Und dass sagst du, nachdem er dich als Frauenversteher verschrien hat?" Ben lachte. "Das kriegt der noch zurück, versprochen!" Semir klopfte Ben gegen die Brust. Wieder genau dort, wo er verletzt war. Und wieder stiess einen kleinen, spitzen Schrei aus. "Entschuldige!" sagte Semir und Ben biss sich kurz auf die Unterlippe. "Manchmal denke ich echt, du machst das mit Absicht!" Semir hob entschuldigend die Hände. "Nein wirklich, dass wollte ich nicht!" Ben winkte ab und nahm seinen Autoschlüssel hervor. "Lass' uns lieber mal losfahren, sonst stehen wir morgen noch da!" Semir schnappte sich den Schlüssel. "Ich fahre!" Ben wollte kräftig protestieren, als ihm etwas am Wagen auffiel. Er hatte doch mit dem Heck nach vorne geparkt. Wieso stand der Wagen nun umgekehrt? Ausserdem piepte es leise im Hintergrund. Bens Alarmglocken schlugen Alarm. "Semir weg von dem Wagen!" schrie er. Seine Stimme kratzte und überschlug sich beinahe. Semir drehte sich zu Ben um. Er vertraute seinem Partner und als auch er noch das Piepen hörte, rannte er los. Doch zu spät.

 

Mit einem lauten Knall zerbarst der Mercedes und riesige Flammen stiegen in den Himmel. Semir wurde von der Druckwelle erfasst und zu Boden gedrückt, während Ben knapp noch die Balance halten konnte. Der Deutschtürke schlug mit seinem angeschlagenen Kopf so hart auf den Beton, dass er das Bewusstsein verlor. "Semir!" Ben rannte auf ihn zu, roch das auslaufende Benzin und stützte seinen Partner, bevor eine zweite Druckwelle auch ihn im Weglaufen zu Boden brachte. Nachdem nur noch das leise Knistern des Feuers zu vernehmen war, richtete Ben sich auf und sah sich Semir an, aus dessen Hinterkopf Blut floss. "Semir!" Ben fühlte den Puls, er war noch voll da. Der junge Polizist nahm sein Handy hervor und atmete schwer. "Ja? Hier Ben Jäger. Vor der städtischen Pathologie hat sich eine Explosion ereignet! Es gibt einen Verletzten!" Der Mann der Notrufzentrale versprach, dass sich sofort ein Krankenwagen auf den Weg machen würde. Ben versuchte inzwischen, Semir mit kleinen Backpfeifen wach zu kriegen. Die Wunde am Hinterkopf, versuchte er mit Papiertaschentücher zu stillen. "Komm' schon!", forderte er. "Komm' schon Semir! Wach auf!“


Kapitel 6

 

Angst

 

Andrea rannte durch die Gänge des Marienkrankenhauses. Der Atem brannte in der Kehle und über ihre Wangen lief Schweiss. Sie hatte Angst. Pure Angst! Ben Jäger, der Kollege ihres Mannes, hatte sie angerufen, dass auf sie ein Attentat verübt wurde und Semir dabei verletzt wurde. Aus dem Hinterkopf war angeblich eine Menge Blut geflossen. Bens Stimme hatte hörbar gezittert. Und er wurde sichtbar. Er sass auf der Wartebank vor dem OP und hatte den Kopf auf den zusammengefalteten Händen gebettet. Sichtbar atmete er ein uns aus. An der Wand hatte sich Hotte gelehnt, der eine Hand auf Bens Rücken gelegt hatte. Sie sahen auf, als Andrea auf sie zugerannt kam und schwer atmend stehen blieb. "Wie geht es ihm?" fragte sie keuchend und Ben stand auf. "Wir wissen es nicht", antwortete er ehrlich und Andrea umarmte ihn. "Sah es schlimm aus?" Ihre Stimme zitterte und war beinahe nur noch ein Flüstern. Ben nickte nur, was Andrea auf ihrer Schulter spürte. "Sein Puls war zwar voll da, aber ich habe trotzdem Angst!" Andrea setzte sich, nachdem sie sich von Ben gelöst hatte und fuhr sich durchs Haar. "Wo ist Aida?" "Bei meinen Eltern", antwortete Andrea auf Hottes Frage und sah zu Ben hoch, der sich wieder setzte. "Wie geht es dir?" Ben zuckte mit den Achseln. "Mir ist nichts passiert!", antwortete er und Andrea sah ihn sich genauer an. Tatsächlich wirkte Ben, bis auf eine Schramme an der rechten Augenbraue, unversehrt. "Was ist denn genau geschehen?" Hotte erzählte Andrea dies, was er von Ben gehört hatte. "Also wollte euch jemand wirklich umbringen?"

 

"Ich denke nicht, dass ich mit eingeplant war!" Andreas Augen weiteten sich bei Bens Kommentar. "Du meinst..." "...allerdings! Semir wurde heute Morgen von der Strasse gedrängt. Zwar sass am Steuer eine tote Frau, aber ich denke, dass der Anschlag schon Semir galt!" "Wie kannst du dir da so sicher sein?" fragte Hotte verwirrt und Ben atmete tief durch. "Ich weiss nicht, es ist einfach ein Gefühl!" Andrea schlug sich mit den flachen Händen auf die Oberschenkel und verkniff sich die Tränen. "Aber wer?" Ben hob die Schultern. "Ich werde ihn finden Andrea, dass schwöre ich! Dieter wird mir helfen, er hat's mir schon angeboten!" Andrea sah zu Hotte. "Ich werde hier bei dir und Semir bleiben. Sicher ist sicher!" Andrea lächelte warm. "Dann brauche ich mir keine Sorgen zu machen", sagte sie mit sanfter Stimme und Hotte lächelte. Die Tür des OP-Raumes ging auf und eine junge Ärztin kam hervor. "Frau Gerkhan?", fragte er und ging auf Andrea zu. Sie nickte. Die Ärztin blickte Ben und Hotte an. "Sie gehören beinahe zur Familie", erklärte Andrea und die Ärztin atmete tief durch. "Schwere Gehirnerschütterung. Ausserdem war der Blutverlust für eine Kopfverletzung recht hoch. Aber ihr Mann schwebt nicht in Lebensgefahr. Morgen möchte ich ihn neurologischen Untersuchungen unterziehen, um Gehirnschäden auszuschliessen!" Andrea schluckte hörbar und nickte. "Kann ich zu ihm?" Die Ärztin nickte und sah, wie Ben seine Nervosität zu unterdrücken versuchte. "Er ist sein Partner", erklärte Andrea, "dürfte er bitte mitkommen?" "Natürlich!"

 

Sie liefen den langen Gang zu einem Zimmer, wo ihnen die obligatorischen grünen Kitteln übergezogen wurden. Andrea öffnete die Türe und sie schritten gemeinsam herein. Semirs Kopf war verbunden worden. In seiner linken Hand wurde eine Kanüle befestigt, die an einer Infusion mit Medikamenten angeschlossen war. Ebenfalls wurden durch einen dünnen Nasenschlauch, Medikamente zugeführt. Andrea ging mit hastigem Schritte auf ihren Mann zu, während Ben sich nur langsam vom Boden lösen konnte. Dieses Bild von Semir war ihm einfach nur fremd. So kannte er seinen Partner gar nicht. Andrea, setzte sich auf einen Stuhl neben dem Bett und ergriff Semirs Hand. Der Deutschtürke schlief. Sie wusch sich Tränen aus den Augen. Eigentlich sollte ihr das Bild inzwischen vertraut sein, hatte sie ihren Mann doch öfters im Krankenhaus besucht, doch jedesmal tat ihr der Anblick weh. Jedesmal war dies ein feuerheisser Stich ins Herz. Ben ging auf sie zu und legte seine Hände auf ihre Schultern. "Er sieht wirklich zum fürchten aus", sagte er mit leiser Stimme und Andrea stiess einen leisen Lacher aus. "Du hast in noch nie im Koma gesehen", erwiderte sie heiser und schluchzte kurz. "Das will ich lieber auch gar nicht", antwortete Ben ehrlich und atmete schwer durch. Er hatte wirklich Mühe, sich mit diesem Anblick anzufreunden.

 

"Eine Autobombe also?" fragte Andrea und Ben nickte. "Ich habe sie zu spät bemerkt", sagte er voller Reue und Andrea biss sich auf die Unterlippe. "Hauptsache du hast sie bemerkt. Ansonsten hätte ich meinen Mann und einen guten Freund verloren!" Ben setzte sich neben Andrea und sah Semir direkt ins Gesicht. "Werd' ja schnell wieder gesund!" forderte er mit trauriger Stimme. "Kriege bitte diesen Schweinehund Ben! Wenn du deinem Instinkt bisher immer Vertrauen konntest, vertraue ich ihm auch!" Andrea lächelte, als Ben sie ansah. "Ich weiss, dass du das kannst!" Ben nickte dankend und stand auf. "Meldest du mir bitte, wenn er aufwacht?" Andrea nickte. "Natürlich", fügte sie ihrer Geste hinzu. Ben strich Semir noch einmal über den Oberarm und ging dann aus dem Zimmer. Er legte seinen Kittel ab und legte ihn auf die Bank im Gang. Eine Schwester würde ihn bestimmt mitnehmen. Tausend Gedanken kreisten in seinem Kopf. Wer hatte es auf Semir abgesehen? Wer war so dreist, deswegen auch ein paar andere Menschenleben mit in den Tod zu reissen?


Kapitel 7

 

Ein Verdächtiger?

 

"Wie bitte?" Krügers Stimme überschlug sich beinahe, als Ben die momentanen Stände der Ermittlungen mitteilte. "Semir ist im Krankenhaus! Ich werde mit Dieter Bonrath weiterermitteln", wiederholte Ben noch einmal und die Krüger winkte ab. "Ich habe es schon verstanden", sie atmete tief durch, stützte sich an ihrem Schreibtischstuhl auf, "wie geht es Herrn Gerkhan?" Ben war über den besorgten Ton von Kim Krüger erstaunt. Auch ihre Augen zeigten die pure Sorge um ihren Mitarbeiter. "Er ist zurzeit noch bewusstlos. Die Ärzte vermuten eine schwere Gehirnerschütterung. Ob das Gehirn Schaden genommen hat, wollen sie morgen testen!" Krüger seufzte schwer, setzte sich und legte ihren Kopf auf die gefalteten Hände. "Wenn Ihre Vermutung stimmt...ist jemand bei Herrn und Frau Gerkhan?" Ben nickte zögerlich. "Herr Herzberger", antwortete er dann und Krüger schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. "Finden Sie den Typen Jäger! Das BKA sitzt mir im Nacken und sucht nach jedem Fehler! Wenn sie erst mal Blut gerochen haben, kann ich sie nicht mehr aufhalten!" Ben schluckte. Er kannte das BKA und auch das LKA. Zwei Organisationen der Polizei, deren Arbeiter schon beinahe skrupellos waren, um die Wahrheit aufzudecken. Selbst Leichen würden sie wahrscheinlich in Kauf nehmen. Doch verrichteten sie ihre Arbeit stets diskret. Im Sinne der Regierung. "Ich werde tun, was ich kann", versprach Ben und ging aus dem Büro.

 

In seinem Büro, wartete Dieter bereits auf ihn und sah ihn mit sorgenvollen Augen an. "Alles in Ordnung?" Ben nickte, wenn auch nur langsam. Das Bild Semirs wollte einfach nicht aus seinem Kopf. Es schmerzte in seinem Herzen. Beinahe unerträglich. Er fragte sich, wie Andrea dies bloss aushielt. "Hat Hartmut angerufen?" fragte er mit schwerer Stimme und Dieter zog sich die Jacke an. "Dazu wollte ich gerade kommen!", sagte er mit einem Lächeln und Ben tat es ihm gleich. Sie gingen aus der PAST und schritten auf Dieters Porsche zu, den er zusammen mit Hotte teilte. Ohne sich zu wehren oder einen Kommentar abzugeben, setzte sich Ben auf den Beifahrersitz und schnallte sich an. Dieter zog den Autoschlüssel aus der Hosentasche und stieg ebenfalls ein. "Wie geht es Semir?" Ben sah Dieter an und seufzte schwer. "Er sah furchtbar aus. Richtig blass! Die Diagnose kennst du?" Dieter nickte und startete den Motor. "War er denn schon wach?" Bedrückt schüttelte Ben den Kopf und sah aus dem Fenster. Die gerade blühenden Bäume zogen an ihm vorbei. Immer schneller. Die Sonne wurde immer wieder von einigen Quellwolken verdeckt und begann allmählich, unterzugehen. Ein rötlicher Schimmer begann sich über den Horizont zu ziehen. Ebenso rot wie das Blut von Semir, dass Ben an seinen Händen hatte. Tief atmete der junge Polizist durch und hörte dumpf durch seine Trance Dieters Stimme, die ihn immer wieder rief.

 

"Was ist?" fragte Ben verwirrt und Dieter seufzte. "Ich habe gefragt wie es dir geht?" Ben lächelte gequält. "Wieso?" fragte er zurück und Dieter schüttelte mit dem Kopf. "Du wirkst echt niedergeschlagen!" Ben erwiderte nichts. Spürte nur den leichten Druck des Wagens, als Dieter vor der KTU bremste und ausstieg. Gemeinsam gingen sie zu Hartmuts Abteil, wo der Rothaarige schon auf sie wartete. Auf seiner Stirn, eine tiefe Falte. "Ich habe es von Susanne gehört", murmelte er leise, als Ben und Dieter eintraten. "Jemand will Semir wirklich an den Kragen?" Ben nickte betrübt und erblickte die ausgebreiteten Beweise, die auf dem Tisch waren. "Meine Kollegen werden mir auch noch die Sachen der Explosion bringen", begann er und wies auf den Tisch, "aber zuerst dass was ich bisher herausgefunden habe." Er zog ein Blatt Papier hervor. "Euer Sperma ist von einem gewissen Herrn Kevin Sanders. 41 Jahre alt. Er war aktenkundig! Susanne sollte diese schon herausgepickt haben!" Hartmut zeigte auf ein Schälchen, dass ein Kügelchen enthielt. "Ganz klar die Munition eines Schrotgewehrs. Äusserst wirksam, wenn man jemanden umbringen will. Jedoch eine Universalmunition. Ich konnte sie keiner Waffe zuweisen!" Ben massierte sich die Stirn. "Sonst?" Hartmut klatschte in die Hände. "Krüger hatte mit ihrem Verdacht Recht. Euer Frau ist wirklich Daniela Meier. Die DNA hat's deutlich beweisen. Man hatte ihr mehrere Verbrechen angehängt, jedoch konnte man sie nie verhaften! Die Pässe, sind sehr gute Fälschungen! Sie musste also gute Kontakte gehabt haben!"

 

Ben nickte und Dieter bedankte sich für Hartmuts Mühe, bevor er sich mit Ben wieder auf den Weg in die PAST machte, wo Susanne aufstand, als sie die Beiden eintreten sah. "Hier ist die Akte von diesem Kevin Sanders!" Ihre Stimme war leise und ziemlich suspekt. "Ich sage dir eins Ben. Gefallen, wird dir das nicht!" Mit hochgezogener Augenbraue ging Ben mit Dieter ins Büro, zog sich die Jacke aus und setzte sich. Er las sich die Akte durch und seine Augen rissen sich weit auf. "Ach du Scheisse", stiess er hervor und Dieter ging auf ihn zu. "Was ist?" fragte er und Ben wies mit dem Bleistiftspitz auf einen bestimmten Vermerk. "Kevin Sanders hat zusammen mit Semir gegen Tayfun ausgesagt gehabt! Die Beiden kennen sich also!" Dieters Mundwinkel zogen sich nach unten. "Meinst du, er wollte Semir...?" Ben faltete die Hände und liess seine Stirn darauf sinken. "Hoffentlich nicht...", murmelte er leise und atmete tief durch. Er sah, wie der Himmel immer dunkler wurde und die Sonne endgültig verschwand. "Lass' uns nach Hause gehen Dieter! Bis Morgen früh, können wir eh' nichts erreichen!" Dieter stimmte dem vollkommen zu. Gemeinsam zogen sie sich wieder die Jacken an, gingen aus dem Büro und Ben löschte noch das Licht aus.


Kapitel 8

 

Schlaflose Nacht

 

Entnervt schmiss Ben seine Sachen in eine Ecke und ging in die Küche, wo er sich aus dem Kühlschrank eine Flasche Bier holte. Erschöpft sank er in seine Couch und genehmigte sich einen Schluck des alkoholischen Getränkes. Er sah aus dem Fenster, wo kleine Regentropfen an das Fenster peitschten und in tausend kleinere Tröpfchen zerbarst. Noch immer kam kein Anruf von Andrea und das machte ihm Sorgen! Ausserdem hatte er während der Heimfahrt höllische Kopfschmerzen bekommen. Die ganzen Ereignissen waren ihm zu Kopf gestiegen. Er drückte sich die eiskalte Flasche an die Stirn und lehnte sich zurück. Mit geschlossenen Augen lauschte er dem Regen und atmete tief durch. Immer wieder sah er den bewusstlosen Semir und versuchte dieses Bild aus seinen Gedanken zu kriegen.

Wieso hatte Andrea noch nicht angerufen? Diese Ungewissheit machte ihn noch ganz krank! Er hatte ja schon Kopfschmerzen davon. Er legte sich auf die Couch und hielt die Augen geschlossen. Jedoch konnte er nicht schlafen. Zu sehr strengten sich seine Ohren an. Immer wieder wollte er den Klingelton seines Telefons hören. "Klingle doch!", forderte er zischend doch der Apparat machte keine Anstalten. Diese technischen Geräte taten nie etwas auf Abruf. Und in solchen Situationen war dies immer besonders schlimm!

Andrea hatte Mühe, ihre Augen offen zu halten. Also ging sie kurz zum Kaffeeautomaten hinaus, um sich eines der Koffeingetränke zu gönnen. Sie nahm den Becher mit ins Zimmer und trank einen Schluck davon. Semirs Augen waren noch immer geschlossen. Andrea nahm die Hand ihres Mannes und drückte zu. Sagte aber nichts. Schweigend sass sie da, in der einen Hand den Becher Kaffee, mit der Anderen hielt sich Semirs Hand. Ihre Eltern hatten sie noch durch das Krankenhaus angerufen. Auch sie waren über die Gesundheit ihres Schwiegersohnes besorgt. Besonders Andreas Vater verstand sich sehr gut mit Semir. "Du musst aufwachen", flehte Andrea flüsternd, "bitte Semir, wach doch auf!"

 

Seine Muskeln spannten sich ins unermessliche. Noch immer hielt er den Arm fest umklammert. "Du musst mich loslassen!" schrie die Person, die dem Arm gehörte. "Ich lass dich nicht los", erwiderte er und spürte, wie seine Kraft nachzulassen begann. "Du musst! Bitte! Es ist sinnlos wenn wir Beide sterben!" Sein Partner hing nur noch an ihm. In extremer Höhe. "Du kannst deine Familie doch nicht alleine lassen!" Immer mehr wurden die Adern und die Sehnen im Arm sichtbar. "Bitte, bitte! Lass mich los!" Er hörten das aufklappen eines Messers. "Das wagst du nicht!" Doch! Der Mann den er hielt wagte es. Er rammte das Messer in den Handrücken und reflexartig liess er los. Der Körper fiel lange und schlug dann mit einem Blutschwall auf den Boden auf. "NEIN! SEMIR!" schrie Ben und seine Stimme überschlug sich beinahe.

 

Mit einem grellen Schrei wachte Ben auf und bemerkte, dass dies nur ein Traum war. Er musste eingeschlafen sein. Anders konnte er es sich nicht erklären. Sein ganzer Körper zitterte und war kaum zu kontrollieren. "Oh Gott", stiess Ben hervor und rieb sich die Oberarme. "Oh Gott, oh Gott!" Er massierte sich das Gesicht und stand auf. Die Bierflasche war auf den Teppich gefallen und der Inhalt war ausgelaufen. Doch das war Ben egal. Er ging ans Fenster und öffnete es. Die eiskalte Luft drängte an seinen Körper. Was sollte das gerade? Er hatte noch nie so einen Alptraum. Und irgendwas sagte ihm, dass dies nicht nur ein Traum war.


Kapitel 9

 

Erwachen

 

Andrea erwachte, als jemand ihr die Hand auf den Haarschopf legte und sanft darüber strich. Sie schreckte auf und sah Semir, der aufrecht sass und sie anlächelte. Sein Gesicht war leicht schmerzverzerrt, aber glücklich. "Oh Schatz", stiess Andrea erleichtert aus und das Ehepaar umarmte sich. "Gott bin ich froh." Semir sah Andrea ernst an. "Wie geht es Ben?" Zuerst verstand sie nicht recht. "Ist seine Wunde aufgebrochen? Ich meine, bei der Explosion!" Andrea schüttelte mit dem Kopf. "Nein, bis auf einen Kratzer ist er unversehrt. Mach dir da keine Sorge. Er hat dich noch gerettet und mich sogar beauftragt ihn anzurufen wenn du aufwachst!" Semir legte sich langsam ins Kissen und atmete tief durch. In seinem dick einbandagierten Kopf pochte es höllisch. Um gar nicht zu sagen tierisch. "Wer ist an Bens Seite?" Andrea erklärte, dass es Dieter sei, der zusammen mit Ben ermitteln würde und Hotte auf sie aufpassen würde. Dieser betrat gerade das Zimmer und hatte ein grosses Lächeln im Gesicht. "Mensch Semir, wie geht's dir?" fragt er besorgt. Der Deutschtürke lächelte und kniff kurz die Augen zusammen. "Tierische Kopfschmerzen." Hotte hob die Schultern. "Ich werde Ben anrufen und sagen, dass du wach bist!" Er zwinkerte Andrea zu und diese nickte dankend.

So ging der kräftige Polizist aus dem Krankenhaus und wählte mit seinem Handy die Kurzwahl, unter die er Ben eingespeichert hatte.

 

Ben kam mit einem lauten Murren zu sich und schreckte auf als er bemerkte, dass er wieder auf der Couch eingeschlafen war. "Ach du Scheisse", flüsterte er leise und blickte zu seinem Handy, dass einen nervösen Tanz auf dem Tisch vorführte. "Ich bin ja wach." Er nahm das Mobiltelefon in seine Hände, nahm ab und drückte sich das Handy ans Ohr. "Hotte was gibt's?" Hotte erzählte ihm, was gerade geschehen war. Bens Gesicht erhellte sich und er stand auf. Noch immer komplett gekleidet. "Wie geht es ihm? Kopfschmerzen? Is' ja logisch bei einer Gehirnerschütterung Hotte! Mensch!" Mit einem kurzen Abschiedsgruss hängte Ben auf und wählte Dieters Nummer. "Hey Dieter ich bin's! Ja genau! Semir ist wach! Wir gehen ihn zuerst besuchen okay?" Dieter stimmte ohne Erwiderung zu und hängte auf. Ben rannte aus seiner Wohnung und holte Dieter mit seinem Mercedes ab, den er zuvor in der PAST geholt hatte. Sie hielten vor dem Krankenhaus an und liefen hastig zu Semirs Zimmer, wo Dieter anklopfte.

 

Semir bat seine Besucher herein und begrüsste Ben mit einem Strahlen, dass dieser erwiderte. "Hey Partner!", Semirs Stimme war kräftig und erleichternd. Ben setzte sich auf den Bettrand. "Du siehst besser aus als gestern!" Semir bemerkte in Bens Stimme, wie dessen eine riesige Last von der Schulter gefallen war. Auch sah der Deutschtürke des Kratzer oberhalb der Augenbraue. "Ist alles in Ordnung mit dir?" Ben nickte. "Keine Sorge, mein Arzt hatte volle Arbeit geleistet!", er deutete auf seine Brustwunde, "Die Fäden wurden ja bereits gezogen Semir, mir kann also nichts mehr passieren!" Semir lächelte. Dieter und Ben sahen sich vielsagend an. "Semir, ein gewisser Kevin Sanders war der Letzte, der mit unserem skurrilen Opfer geschlafen hat!" Auf Bens Satz weiteten sich Semirs Augen. "Kevin? Aber, wieso dass denn?" Dieter hob die Schultern. "Ich dachte, du könntest uns vielleicht etwas über ihn erzählen!" Semir atmete durch. "Was gibt's da schon gross zu erzählen. Er half mir gegen Tayfun auszusagen und seitdem sind wir die besten Freunde. Wir haben auch Geheimnisse voreinander! Deshalb..." Ben winkte ab. "Schon klar. Ich werde ihn befragen gehen! Werd du einfach bitte wieder gesund!" Er sah zu Andrea. "Er soll noch eine Woche im Krankenhaus bleiben", sagte sie und Ben nickte dankend.

 

Sie gingen aus dem Krankenhaus und Ben verschränkte die Arme. "Alles in Ordnung?" fragte Dieter besorgt und Ben nickte. "Ja, alles klar!" Er versuchte, diesen dämlichen Traum aus seinem Gedächtnis zu löschen. Ein bedeutungsloser Traum, redete er sich immer wieder ein. Einfach bedeutungslos. Er und Dieter stiegen in den Wagen ein und fuhren los. Zu Kevin Sander.

Dieser lebte in einer Wohnung in einem Blockhaus. Nichts Besonderes. Ben klingelte und die Tür wurde sofort geöffnet. Der Polizist blickte in das Gesicht eines durchtrainierten blonden Mannes in Semirs Alter. Seine blauen Augen wirkten freundlich und zuvorkommend. "Ja?" fragte er und Ben hob seinen Ausweis. "Jäger, Kripo Autobahn!" Kevin legte den Kopf schief. "Sind Sie etwa Semirs neuer Partner?" Ben nickte. Er dachte sich schon, dass Semir seinem besten Freund mitgeteilt hatte, dass er einen neuen Partner hätte. Sowas erzählt man immer. "Herr Sanders, ich müsste Ihnen ein paar Fragen stellen." Der Mann wies in die Wohnung. "Bitte, kommen Sie nur herein!"


Kapitel 10

 

Ein schwerer Fehler

 

Sanders Wohnung war klein, aber herzlich eingerichtet. Er machte mit einfachen Mitteln das Beste daraus. Semirs Freund bat seine Besucher, auf der Couch Platz zu nehmen. "Wie kann ich Ihnen helfen?", fragte er mit freundlicher Stimme. "Herr Sanders, Semir wurde Opfer eines Angriffes auf der Autobahn. Die Fahrerin, hatte kurz vor ihrem Tod Geschlechtsverkehr!" Sanders schien im ersten Moment nicht zu begreifen. Er legte den Kopf schief und hob die Schultern. "Und was hat das mit mir zu tun?", fragte er ein wenig verwirrt und Dieter ergriff das Wort. "Das Sperma stammt von Ihnen Herr Sanders." Sanders Augen weiteten sich. "Ach du Schreck! Natürlich!" Ben zog ein Fotokopie aus der Akte hervor und zeigte das Bild der Frau Sanders. "War sie das?" Der Befragte nickte. "Ja, ja das war sie. Ein One-Night-Stand. Nun ja, ich muss zugeben, in Sachen Familienleben bin ich nicht so altmodisch wie Semir. Ich gehe lieber auf Partys und verbringe nicht jede Nacht mit der gleichen Frau!" Ben erwiderte dazu nichts. "Sie kennen die Frau also nicht genau?", fragte Dieter noch einmal nach und Sanders schüttelte mit dem Kopf. "Nein absolut nicht! Nicht mal ihren Namen!" Ben sah sich im Wohnzimmer um und erblickte ein Schrotgewehr. "Haben Sie einen Schein für das Ding?" Mit einem Lächeln zeigte Sanders seinen Waffenschein. "Mein Hobby ist Tontaubenschiessen. Jeden Samstag gehe ich auf den Übungsplatz, ausserhalb der Stadt!" "Können Sie sich das leisten? Ich meine, dieses Hobby ist als "Schikimikihobby" verschrien!" Sanders winkte ab. "Altes Vorurteil meine Herren. Wenn man gut in seiner Haushaltsbuchhaltung ist, kann sich das ein Durchschnittsbürger auch leisten!" Ben nahm das Foto und steckte es ein. "Haben Sie noch Fragen an mich?" Synchron schüttelten Ben und Dieter mit dem Kopf. Sie standen auf und verabschiedeten sich. Ben ging jedoch kurz noch zur Schrotflinte und sah sie sich kurz an, bevor er verschwand.

 

"Was wolltest du noch an dem Gewehr?" Ben sah Dieter auf dessen Frage finster an. "Ist es dir nicht aufgefallen?" Verwirrt zog der grossgewachsene Polizist eine Augenbraue hoch. "Was soll mir den aufgefallen sein?" Ben setzte sich in den Wagen und verschränkte die Arme. Dieter stieg ebenfalls auf der Fahrerseite ein und sah Bens dunkler Blick. "Ben?" Der Angesprochene atmete tief durch. "Er hat kein einziges Mal gefragt wie es Semir geht!" Dieter erinnerte sich zurück. "Da hast du Recht!", stimmte er zu und sah Ben mit grossen Augen an. "Augenblick mal! Glaubst du etwa dass..." "Aus der Waffe wurde erst kürzlich geschossen Dieter!" Dieter startete den Motor und fuhr los. "Wir hätten sein Sperma...aber das würde niemals für einen Durchsuchungsbeschluss reichen! Ausserdem, er ist Semirs Freund aus Kindertagen Ben! Wir sollten nicht mit Verdachten um uns werfen und dann keinen Beweis haben!" Ohne eine Antwort darauf zu geben, sah Ben aus dem Fenster und blickte dem vorbeirauschenden Geschehen nach. Natürlich musste er Dieter da Recht geben, aber irgendwas störte ihn an diesem Mann. Irgendwas passte ihm nicht. Er konnte nicht mit dem Finger darauf zeigen, er konnte es sich nicht erklären aber, als er zum ersten Mal in die Augen dieses Mannes sah, krümmte sich sein Magen zusammen.

 

Sanders stand in seiner Wohnung und atmete tief durch. Das ging schneller als erwartet. Sie waren ihm schon auf den Fersen. Was musste er auch ohne Verhütung mit ihr schlafen? Schwängern wollte er sie ja nicht, sondern nur umbringen! Und nun das! Ein grober Fehler, für ein Genie wie ihn! Er sah zu seiner Waffe und nahm sie an sich. "Was mach' ich nun mit den Beiden?", fragte er laut und sah das Gewehr zärtlich an. "Ich will doch nur Rache an Semir nehmen...und nun muss ich mich noch mit diesem jungen Spund und diesem Glatzkopf abtun. Ich hab' einfach kein Glück Süsse..." Er stand auf und blickte aus dem Fenster. "Wenn ich sie töte, errege ich noch stärkeren Verdacht. Ich muss sie einfach für eine gewisse Zeit loswerden, bis ich Semir ins Jenseits geschickt habe. Aber, wie stelle ich das an?" Seine Gedanken begannen zu tanzen und wirrer und wirrer zu werden. Was war am gescheitesten? Was war am besten? "Der Junge ist gut im Nahkampf. Und ich nicht. Der Grosse wäre sicher einfach zu überlisten aber, ich muss auf Nummer sicher gehen." Er blickte zu seinem Handy und hatte eine Idee. Er wählte ganz einfach Andreas Nummer und wartete.

 

Andrea stand draussen vor dem Krankenhaus und atmete tief die frische Luft ein. Sie sass mit Semir im Park und Beide liessen die Sonnenstrahlen auf sich einwirken. Semir hatte zwar noch immer höllische Kopfschmerzen, jedoch erlaubte der Arzt ihm, eine Stunde hinauszugehen. Andrea zuckte, als ihr Handy klingelte und sie nahm ab. "Kevin? Schön dass du dich meldest? Semir? Besser, danke. Du willst ihn sprechen", sie sah ihren Mann an und dieser nickte, "okay, da hast du ihn!" Semir nahm das Mobiltelefon an sich. "Hey Kevin! Hast du schon Bekanntschaft mit meinem Partner gemacht?" Sanders Antwortete und bei jedem Satz, verfinsterte sich Semirs Gesicht. "Das kann nur ein Missverständnis sein Kevin, Ben würde niemals..." Er wurde unterbrochen. Andrea sah Semirs erstarrte Miene. "Bist du dir wirklich sicher? Denn das passt nicht zu Ben er würde niemals direkt...ja...ich rede mit ihm!" Semir hängte auf und Andrea sah ihren Mann besorgt an. "Was hat Ben gemacht?" fragte sie mit zitternder Stimme und Semir atmete tief durch. "Er hat Kevin geradeaus verdächtigt! Ihn aufs übelste beschimpft!" Andrea lachte auf. "Das glaubst du doch selber nicht! Nicht unser Ben! Er könnte das nicht!" Doch Andrea sah in Semirs Gesicht, dass er Sanders zu glauben schien. "Das kann nicht dein Ernst sein Schatz!" "Kevin hat schon einmal mich auf den richtigen Weg gebracht, wieso sollte er es nun nicht tun?" Er drückte auf Andreas Handy Bens Nummer und bestellte ihn sofort her. "Komm alleine!", befahl er und hängte auf. Wutentbrannt stand er auf und stampfte in das Krankenhaus. Andrea schrie ihm noch ein kleines, "Semir, das kann wirklich nicht wahr sein!", nach doch Semir schaltete auf stur.

 

Ben kam im Krankenhaus an und ihm wurde mitgeteilt, dass Semir im Zimmer auf ihn warten würde. Andrea wartete bereits im Gang vor ihm und hielt ihn auf. Sie sagte ihm, was Sanders Semir gesagt hatte und Ben traute seinen Ohren nicht. "Andrea du glaubst ihm doch nicht?" fragte er entsetzt und Semirs Frau schüttelte mit dem Kopf. "Natürlich nicht! Aber Semir war schon immer auf Kevin versteift! Ich konnte es ihm nicht ausreden!" Ben legte beruhigend eine Hand auf Andreas Schulter. "Ich werde in Ruhe mit Semir reden. Bestimmt ist das eine Kette unglücklicher Missstände!" Andrea nickte und sah. Wie Ben ins Zimmer ging. Semir sass auf seinem Bett. Ben konnte die riesige Falte auf seiner Stirn nicht sehen, da Semirs Kopf ja verbunden war. "Ist es wahr?" fragte er direkt da er wusste, dass seine Frau ihn schon gewarnt hatte. "Natürlich nicht!", wehrte Ben ab und ging ruhig zu Semir. "Kumpel du kennst mich. Klar ich raste manchmal schnell aus, aber nicht bei einer kleinen Frage!" Semir stand auf. "Wieso sollte ich meinem besten Freund nicht glauben?" fragte er zurück und Ben konnte nicht glauben, was er da gehört hatte. "Frag' doch Dieter! Der war dabei!" Doch Semir schien so auf seinen Freund zu verharren. "Was würde Dieter mir sagen!" Ben stöhnte. "Ja ich habe einen Verdacht Semir! Aber den habe ich Sanders nicht mitgeteilt! Aus seiner Waffe wurde vor kurzem geschossen und er hatte mit der Toten geschlafen! Was soll ich denn denken?" Semirs Halsschlagader spannte sich sichtlich. "Kevin würde mich niemals verraten!" schrie er und Ben zuckte zusammen.

 

"Was für ein Grund hätte ich, dich anzulügen?" Nun wurde auch Bens Stimme lauter. Auch wenn Semir eine Art Respektperson für ihn war, dass liess er sich nicht gefallen! "Das sind nur Indizien Ben, nichts weiter!" Ben schüttelte mit dem Kopf. "Sag mal, sind sich die Ärzte sicher, dass du da oben keinen Schaden hast? Wenn es nicht Sanders wäre, hätte dir das schon gereicht, um sich an seine Fersen zu heften!" Semir hob den Zeigefinger. "Pass' auf was du sagst!", drohte er und wurde rot vor Wut. "Semir wach auf! Ich weiss nicht was dir Sanders gesagt hat aber, auch wenn ich einen Verdacht habe, würde ich ihn niemals direkt darauf ansprechen, hältst du mich für so dumm?" "Kevin war es nicht!", zischte Semir und liess sich von seiner Meinung nicht abbringen. Ben stand am Rande der Verzweiflung. "Ich versuche nur den Täter zu finden, der dich angegriffen hat! Auch wenn es Sanders ist. Er macht auf mich einen eiskalten Eindruck er wirkt auf mich als könnte er jemanden..." Ben fühlte einen feuerheissen Schmerz an seiner Wange und auch sein Kopf ging zur Seite. Das laute Klatschen konnte er hören. Semir hatte ihm eine Ohrfeige gegeben.


Kapitel 11

 

Wut, Hass und Verständnis

 

Ben riss seine Augen weit auf und konnte nicht glauben, was soeben geschehen war. Er sah Semir nicht ins Gesicht – hörte aber seinen heftigen Atem. Die Gesichtshälfte, die geschlagen wurde, brannte heftig und Ben glaubte, sich auf die Unterlippe gebissen zu haben, da der kupfrige Geschmack von Blut seinen Mund erfüllte. Dieser Schock sass tief. „Geh‘ jetzt!“, flüsterte Semir und Ben ging wortlos aus dem Zimmer. Er konnte gar nicht reagieren. Irgendwas hielt ihn auf. Andrea stand mit grossen Augen vor ihm und sah ihn an. Ihr entging der rote Handabdruck an der Wange nicht und sie brauchte nur eins und eins zusammenzuzählen um zu wissen, was dieses Klatschen, das sie gehört hatte, bedeutete. „Hat Semir etwa…?“ Sie kam nicht weiter. Sie erblickte Bens geschocktes Gesicht. Die Frage hatte sich eindeutig erledigt. „Oh mein Gott“, stiess Andrea hervor und setzte sich. „Ben, bitte! Semir ist nicht er selbst! Ich weiss auch nicht was Kevin ihm gesagt hat aber, ich glaube dir ich…“ Ben hob die Hand, langsam kam er wieder zu sich. „Ich weiss dass er nicht er selbst ist“, begann er und legte eine Hand auf die schmerzende Gesichtshälfte, „und ich weiss, dass Sanders ihn irgendwie manipuliert hat.“ Andreas Augenbrauen hoben sich. „Du wirst doch Semir verzeihen, oder?“ Ben atmete auf ihre Frage tief durch. „Kommt darauf an, wer von uns Beiden recht hat Andrea.“ Mit diesen Worten verabschiedete er sich und machte sich auf den Weg zu Dieter, der auf dem Parkplatz im Wagen auf ihn wartete. Dieser im Unwissen, was geschehen war.

 

Sanders hatte sich vor dem Krankenhaus auf die Lauer gelegt. Nun würde seine Stunde kommen. Sein Plan schien anscheinend aufzugehen, da dieser junge Polizist ziemlich verwirrt aus dem Krankenhaus kam. Die Wange rot, aus dem Mund war ein wenig Blut geflossen. Semir musste ihm eine gescheuert haben, dass war ihm klar. Also lief alles Bestens. Auch dass dieser grossgewachsene Partner kurz auf die Toilette musste, kam ihm gelegen. Stolz blickte er auf seine Gartenschere. „Das läuft ja wie geschmiert“, lobte er sich selbst und sah, wie der Junge zum Wagen ging. Er besprach etwas mit seinem Kollegen und stieg dann ein. Der Wagen vor davon und Sanders sprang sofort auf sein Motorrad. Wenn er die Lippenbewegungen richtig deuten konnte, wollte dieser Typ nochmals zu dieser KTU. Und wo sich diese befand, dass wusste er. Sein Plan ging wirklich auf! Bevor er den Motor startete, rieb er sich triumphierend die Hände und lachte leise in sich hinein.

 

Dieter konnte kaum glauben, was Ben ihm da erzählt hatte. Semir hatte ihm also tatsächlich eine Ohrfeige gegeben. „Mit Semir stimmt wirklich was nicht!“ Ben atmete tief durch. Dieter hatte mit seiner Vermutung Recht. Trotzdem hatte dieser Schlag wirklich wehgetan. Und das nicht nur körperlich. „Ich weiss Dieter“, begann er und seufzte, „zu dem hat Semir eine Gehirnerschütterung. Wer kann da schon klar denken?“ Dieter antwortete mit einem kurzen „Niemand“, und fixierte seinen Blick auf die Strasse. Auf der Autobahn hatte er ein erstaunliches Tempo. Sogar auf der Landstrasse die zur KTU führte, fuhr er ein wenig zu schnell. Doch als Polizist kannte er die Blitzer und so konnte er sie gekonnt umgehen. Als er einen erblickte, wollte er auf die Bremse. Sein Gesicht verlor jegliche Farbe. „Also Dieter wenn du einen Strafzettel vermeiden willst, solltest du vom Gas“, feixte Ben, sah dann aber Dieters bleiches Gesicht. „Die Bremsen gehen nicht“, stiess der Ältere hervor und Ben beugte sich nach unten, drückte selbst nochmals mit dem Fuss durch. „Scheisse!“ Bens Stimme wurde laut. Er sah aus dem Fenster, als er das Geräusch eines Motorrads hörte. „Dieter du musst den Motor abschalten!“ Der Angesprochene wollte Bens Befehl gerade gehorchen, als der Motorradfahrer eine Pistole hervorholte und auf einen Reifen schoss. Dieter konnte den Wagen nicht länger unter Kontrolle halten und sie überschlugen sich.

 

Andrea schlug die Türe auf. Ihr Gesicht war feuerrot vor Zorn. Ihr Inneres schien beinahe zu platzen. „Sag‘ mal, geht’s dir noch gut?“ fragte sie entsetzt ihren Mann, der auf dem Bett sass und sie teilnahmslos ansah. „Seit wann schlägst du jemanden ohne Grund?“ Semir stand auf. „Ich hatte einen sehr guten Grund! Ben hat Kevin…“

„…sag mal spannst du es nicht? Ben würde sowas nie tun und das weisst du genau! Auch wenn er manchmal ziemlich hitzig sein kann, hat er sicherlich nicht Kevin so angefeixt! Das kann ich einfach nicht glauben!“ Semir war über den harschen Ton seiner Frau erstaunt. Selten hatte sie eine solch harte Wortwahl, wenn sie mit ihm sprach. „Aber Kevin hat mir doch gesagt das…“ „Ja Kevin hat was gesagt! Und er hat dir in der Vergangenheit ziemlich geholfen, das bestreite ich nicht“, Andreas Gesicht entspannte sich, „aber in dieser Zeit kann viel passiert sein. Du hast mir doch von Bens ehemaligen besten Freund erzählt. Dass er seine Schwester wegen Geld entführen liess. Er hätte dies sicher auch nicht erwartet aber, hat er dir eine gescheuert als der Verdacht aufkeimte?“ Semir schwieg. Nein das hatte Ben nicht. Überhaupt war Ben in seiner Gegenwart ruhiger und disziplinierter. Und nun, hatte er ihn als Dank geschlagen.

Semir atmete tief durch. „Wie geht es ihm?“ Andrea hob die Schultern. „Schwer zu sagen. Aus seiner Mimik war kaum etwas herauszustellen. Aber in seinem Ton, war etwas das mir sagte, dass er dich nicht verurteilt Semir. Ben ist ein guter Mensch.“ Semir konnte darauf nichts erwidern.

 

Dieter erwachte langsam. Er sass immer noch auf dem Sitz. Angeschnallt. Die Airbags hatten versagt.

Dieters Kopf schmerzte. Ausserdem fühlte sich sein ganzer Körper an wie Blei. Doch er schien keine grössere Verletzungen davongetragen zu haben. Er löste seinen Gurt und fiel auf das Autodach. „Ben?“ fragte er langsam und drehte sich zur Seite des Beifahrersitzes. Ben lag direkt vor ihm. Bäuchlings. Die Jacke total zerschnitten und verdreckt. Genau wie bei ihm. „Ben!“ Dieter drehte seinen Kollegen auf die Seite. Die alte Verletzung schien nicht aufgebrochen zu sein. Doch als Dieter beim Umdrehen Bens linken Oberschenkel erwischte, wurde seine Hand benetzt. Er zog sie weg und erblickte feuerrotes Blut. Eine Scherbe von einer Breite eines Taschenbuches, hatte sich in Bens Bein gebohrt. „Oh, mein Gott!“ Der Junge musste sofort aus diesem Wagen, dass wurde Dieter klar. Er stieg aus dem Wagen und erblickte sofort in die Mündung einer Waffe. „Ganz ruhig!“, säuselte ein maskierter Mann und wies auf Dieters Jacke. „Zuerst gibst du mir deine Waffe und dann holst du deinen Kollegen aus den Wagen.“ Dieter musste gehorchen. Für sein und Bens Leben. Er zog seine Waffe aus dem Schulterhalfter und übergab sie dem Unbekannten. Er ging, ständig mit dem Gefühl der Waffe im Nacken, auf Bens Wagenseite und zog behutsam seinen verletzten und bewusstlosen Kollegen heraus. In diesem Moment näherte sich ein Mietwagen. Eine uniformierte Fahrerin kam mit geschocktem Gesicht heraus. Sie wollte etwas sagen, doch in diesem Moment durchdrang sie eine Kugel.

 

Tödlich getroffen ging sie zu Boden. Dieter, der Ben inzwischen auf dem Arm hatte, zuckte zusammen. „Sind Sie wahnsinnig?“, schrie er entsetzt. Doch der Angreifer winkte zum Wagen. „Einsteigen!“ Dieter sah Ben an. „Er muss in ein Krankenhaus!“, versuchte er den menschlichen Teil dieses Mannes zu appellieren – doch nichts. „Einsteigen! Du wirst schon dafür sorgen, dass er nicht stirbt!“ Dieter musste gehorchen. Und das wurmte ihn enorm. Er konnte sich nicht wehren. Nichts war mächtiger als eine Waffe, die einem direkt ins Gesicht gehalten wurde. Er stieg in den Wagen und legte Ben auf die Rückbank. Vorne stieg der Unbekannte ein und startete den Motor, da die Frau, die nun tot im Rasen lag, den Schlüssel nicht gezogen hatte.

Dieter begutachtete Bens Wunde. Blut floss noch immer und benetzte die Jeans, die durch ihren Stoff den Lebenssaft aufsaugte. „Oh nein“, flüsterte Dieter. Er traute sich nicht die Scherbe hinauszuziehen. Was wenn diese in einer Arterie steckte? Dann würde er sie noch schlimmer verletzten und Ben würde vielleicht innert Sekunden verbluten.

Also konnte er nur eins tun. Er zog seinen Gürtel aus der Hose und band so die Blutzufuhr ab. Eine Lösung auf Zeit.

„Wohin bringen Sie uns?“, fragte er direkt im Wissen, wahrscheinlich keine Antwort zu bekommen. „An einen ganz schönen Ort. Keine Sorge, dort habe ich auch das Nötige, um deinen Kumpel zu retten! Ich will euch nicht töten, keine Sorge.“ Dieter schüttelte mit dem Kopf. „Wie beruhigend!“, zischte er gehässig. Aber der Mann, den er nur maskiert im Rückspiegel sah, reagierte so gut wie gar nicht.

 

Hotte stand vor Semirs Zimmer, als Kim Krüger auf ihn zukam. Wie immer in ihrem bekannten, eleganten Gang. „Chefin, was führt Sie zu mir?“, fragte der beleibte Polizist in seiner freundlichen Art. „Ich suche Herrn Jäger! Ich habe auf seine Mailbox gesprochen und er hat nicht geantwortet. Und da meine Sache dringend ist, muss ich ihm schon hinterherlaufen!“ Hotte zog eine Augenbraue hoch. „Ben hat das Krankenhaus schon von über einer Stunde verlassen! Zusammen mit Dieter!“ Die Chefin zog eine Augenbraue hoch. „Bonrath ebenfalls? Wenigstens dieser würde an sein Handy gehen!“ Sie verschränkte die Arme. „Vielleicht sind sie bei Hartmut!“ Auf Hottes Idee hin nahm sie ihr Handy hervor, unbeachtet von den giftigen Blicken der Schwestern und wählte Hartmuts Nummer bei der KTU. Sie fragte ihn nach Ben und Dieter. Doch Hartmut konnte nur sagen, dass sie niemals bei ihm angekommen waren. Sie hatten sich zwar angekündigt, waren aber nicht gekommen. „Ich danke Ihnen.“ Mit diesen Worten hängte sie auf. Ihr Blick, auf dem Display des Handys gerichtet. „Chefin?“ Hottes Stimme war gefüllt mit Sorge. „Fahren Sie bitte in die Richtung der KTU. Ich werde hier bei den Gerkhans bleiben!“ Die harsche Stimme Krügers beruhigte Hotte nicht. Denn diese bedeutete bei der Chefin Sorge.


Kapitel 12

 

Gebrochen

 

Hottes Blick erstarrte, als er das Wrack des Wagens sah, in dem er Dieter und Ben wegfahren gesehen hatte. Als er sich genauer umsah, erblickte er die Leiche einer jungen Frau. Er beugte sich über sie und versuchte ihren Puls zu fühlen. Doch nichts. Er rief Hartmut an, der sich besorgt über Ben und Dieter erkundigte. "Hast du schon im Wrack nachgesehen?" Hotte verneinte die Frage, hängte auf und ging auf den Rest des Wagens zu, aus dem noch immer Benzin lief. Er sah in die Fahrerkabine, doch nichts. Alles war leer. Die Sorge in seinem Herzen wurde breiter. Er begann den Wagen genauer zu untersuchen. Er entdeckte den Einschuss im Reifen. Leicht zitternd, nahm er sein Handy wieder zur Hand und wählte die Nummer von Kim Krüger. "Sind Sie sich sicher?", fragte sie nach und Hotte seufzte. "Ich denke sie wurden entführt Chefin. Sie wurden angegriffen!" Er hörte wie die Chefin einen kleinen Entsetzenslaut von sich gab. "Okay, ich werde einen Beamten vor die Tür Herrn Gerkhans stellen lassen. Dann komme ich sofort zu Ihnen. Nun ist es in unseren Händen Herzberger!" Mit diesen Worten hängte sie auf. Hotte widmete sich, solange er noch konnte, nochmals der Fahrerkabine. Als er genauer hinsah, erblickte er Blut. Es hatte sich im Beifahrersitz eingesogen und etwas war auch auf das Dach getropfte. "Grosser Gott!", stiess der bärtige Polizist hervor und hörte schon einige Autos der KTU auf ihn zufahren. Dieter und Ben wären beinahe da gewesen. "Oh Jungs, ich hoffe euch geht es gut!

 

Dieter trug Ben sicher auf den Händen, trotz der Waffe im Rücken, die sein Angreifer dort hineindrückte. Er führte ihn zu einem verlassenen Landhaus, abseits der Stadt. Der Druck im Rücken löste sich, da der Entführer zur Tür musste, um sie zu öffnen. Jedoch war die Waffe noch immer auf Dieter gerichtet. "Los, rein!", sagte er knapp und Dieter gehorchte. Er betrat das Landhaus, dessen Bodendielen knarrten und der bissige Geschmack von feuchtem Holz einem sofort in die Nase stieg. "Den Typen kannst du auf das Bett legen!" Dieter näherte sich dem Schlafgemach und erblickte den schneeweissen Überzug, der noch stark nach Waschmittel roch. Alles war genau geplant von diesem Typen. Er legte Ben behutsam aufs Bett und erschrak, als der Maskierte auf einmal neben ihm stand. "Du kannst die Scherbe im Übrigen rausziehen!" Dieters Gesicht färbte sich wutrot. "Woher wollen Sie das wissen? Ich will ihn nicht töten!" "Ich ebenfalls nicht! Du wirst mir wohl oder übel vertrauen müssen. Wenn du sie nicht rausziehst, wird dein Freund bald an einer Blutvergiftung oder an einer Entzündung sterben!" Dieter schüttelte fassungslos mit dem Kopf. "Dieter?", hörte er es leise von Ben kommen und er sah, wie Bens Augenlider zuerst flackerten und schliesslich dann sich öffneten. "Ben!", stiess er erleichtert hervor und wusch seinem Kollegen die nassen Haarsträhnen aus dem Gesicht.

 

"Was ist passiert?" Bens Stimme war kaum zu hören. "Du bist jetzt unter meiner Gewalt!" Ben kannte diese Stimme genau. Auch wenn sein Gehirn noch nicht vollkommen arbeitete, wusste er genau, wer das war. "Sanders!" Der Maskierte lächelte und zog seinen Schutz aus. Dieter regte sich innerlich über sich auf, dass er so weit nicht gedacht hatte. "Kluger Mann. Aber wenn du hier lebend rauskommen willst, solltest du deine Klappe halten! Besonderlich gut steht es nämlich nicht um dich!" Er tippte Dieter an und wies auf einen Schrank. "Dort sind Verbandszeug und Jod! Ich werde euch für eine kurze Zeit verlassen müssen. Aber ich schwöre euch. Die Flucht bringt euch nichts. Erstens, kommst du mit ihm nicht weit, zweitens, Hab' ich überall Fallen aufgestellt! Es ist also nicht ratsam!" Die Waffe auf die Beiden gerichtet, schritt er zur Tür, ging hinaus und schloss sie ab. "Sie Schwein!", schrie Dieter. Ben versuchte sich aufzurichten, stiess aber einen spitzen Schrei aus und fiel wieder zurück. "Was ist mit meinem Bein?", fragte er und richtete seine Augen darauf. Jegliche Farbe wich aus seinem Gesicht. "Oh Scheisse!" "Alles wird wieder gut Ben", begann Dieter mit sanfter Stimme, "unsere Leute werden uns finden! Da bin ich mir vollkommen sicher!" Ben atmete hektisch. Sein Bein schmerzte furchtbar. "Du hast recht", knirschte er hervor. Dieter ging zu dem besagten Schrank und fand die Dinge vor, die Sanders ihm empfohlen hatte. "Junge, ich werde dir die Scherbe hinausziehen müssen!" Bens Augen wurden gross. Jedoch nickte er. "Brauchst du was um", er deutete auf den Mund, "um drauf zu beissen?" "Wieso denn?", erwiderte Ben, "Ein Indianer kennt doch keinen Schmerz oder?"

 

"Chefin was ist los?" fragte Semir, als Krüger das Zimmer betrat. Er sah sofort ihr besorgtes Gesicht. "Ist was mit Ben? Hat er was angestellt?" Andrea sah Semir mit einem kurzen, giftigen Blick an. Und er verstand sofort. "Jäger hat nichts angestellt", begann Krüger und atmete tief durch, "aber Herzberger hat den Wagen von Bonrath und ihm auf dem Weg zur KTU gefunden. Es war nur noch ein Wrack!" Semirs Gesicht wurde bleich. "Sie sind doch nicht...?" Die Chefin konnte nur die Schultern heben. "Ich weiss es nicht. Es waren keine Insassen im Wagen. Vor ihrer Tür steht nun ein Beamter, der sie bewacht. Ich werde sie über die Dinge informieren." Sie ging zu Tür und drückte den Hebel hinunter. "Und noch was", sie drehte sich um, "ich dulde dieses Mal keinen Alleingang Gerkhan! Sie müssen mir wohl oder übel vertrauen!" Mit diesen Worten ging sie aus dem Zimmer. Semir brachte kein Wort heraus. Mit offenem Mund sass er auf seinem Bett. Andrea ergriff zuerst das Wort. "Hoffentlich ist ihnen nichts passiert!" Sie fuhr sich durchs Haar und atmete tief durch. "Ich...was wenn..." Semir schaffte es nicht. Es konnte keinen vollständigen Satz zustande bringen. Andrea legte ihre Hand auf eine der seinen. "Was wenn Ben wirklich was..." Semirs freie Hand bildete sich zu einer Faust die zitterte und sich dann wieder lockerte.

 

Dieter atmete tief durch. Er packte die Scherbe und sah zu Ben, der nickte. "Okay...auf drei?" Wieder ein Nicken. Dieter zählte den Countdown hinunter und zog in einem Ruck die Scherbe aus dem Fleisch. Ben hatte die Lippen zusammengepresst, so dass nur ein gedämpfter Laut zu hören war. Jedoch zitterte er am ganzen Leibe und konnte dieses kaum unter Kontrolle bringen. Seine kaputte Jacke, war kein besonderer Schutz gegen die Kälte. "Geht's?", fragte Dieter besorgt und Ben nickte. Aber es ging nicht. Das Zittern war einfach nicht zu stoppen. Semir, dachte er, wenn du mich hier nicht rausholst, suche ich dich heim und verpasse dir auch eine!"


Kapitel 13

 

Kim Krügers Sorge

 

Ihr Herz schlug heftig, als sie das Autowrack durch die Scheibe ihres Wagens sah. Als sie ausstieg, ging der Wind durch ihr Haar und wirbelte es mächtig auf. Sie musste an der Absperrung, Hartmuts Leute hatten schon fleissige Arbeit geleistet, ihren Ausweis zeigen, bevor sie durchgelassen wurde. Hotte erwartete sie bereits. Er kniete über der Leiche. Neben ihm, der Gerichtsmediziner. Dieser weitete die Augen, als er Krüger erblickte. "Die Chefin höchstpersönlich. Natürlich, bei diesem Fall eine Pflicht!" Sie liess diesen Kommentar ohne jegliche Erwiderung stehen. "Sie wurde genau hier gefunden", begann Hotte bedrückt und wies auf das Autowrack, "hat es wohl damit zu tun?" "Bestimmt sogar!" Kim Krüger und Hotte sahen zu Hartmut, der direkt hinter ihnen stand. "Hier sind Spuren von Reifen. Sie führen von dem Wagen und der Leiche weg. In der Nähe, wahrscheinlich war hier die Türe. Denn hier befinden sich Blutspuren. Ich habe ein paar Proben genommen!" Krüger nickte dankend und atmete tief durch. Um ihre Frisur, der Wind wurde immer kräftiger, kümmerte sie sich immer weniger. "Hoffentlich ist ihnen nichts passiert...hoffentlich geht es ihnen gut...", hörte sie Hotte hinter sich seufzen und sie konnte nur wortlos nicken."In Prozent Herzberger. Wie hoch ist bei Ihnen der Verdacht, dass sie entführt wurden!" "99% Chefin, ungelogen!" Auf Hottes Antwort hin verschränkte sie die Arme und nickte. "Da sind wir ja nur ein Prozent voneinander. Ich bin mir nämlich zu 100% sicher, dass ihnen was passiert ist! Nun ist es an uns, sie zu finden!"

 

Dieter versorgte geduldig Bens Wunde, da dieser immer wieder zuckte vor Schmerz und zitterte. Ständig entschuldigte sich der junge Polizist dafür weil er dankbar war, dass Dieter sich so um ihn kümmerte. "Wir schaffen das zusammen Ben!", sprach der Ältere Mut zu und verband die Wunde zu Ende. Ben nickte zustimmend. "Du lagst also mit deinem Verdacht richtig", Dieter stand auf und suchte in den Schränken eine Decke, "glücklich darüber?" Zu seiner Verwunderung verneinte Ben. "Ich hätte Semir das nicht gegönnt. Hoffentlich schaltet die Krüger rechtzeitig..." Bens Stimme war leise und bedrückt. "Wir sind hier gefangen und können nichts tun..." Im letzten Schrank wurde Dieter fündig. Eine lange Wolldecke. Genau das, wonach er gesucht hatte. Er ging wieder auf Ben zu, der sich aufrichtete und das Gesicht verzog. "Hier." Dieter legte die Decke um Ben und dieser dankte. "Wir müssen hier raus Dieter! Semir ist in grosser Gefahr!" Obwohl Bens Gesicht aschfahl war, zeigte es grosse Entschlossenheit. "Ich bin mit dir vollkommen einer Meinung aber, du hast Sanders gehört! Ausserdem, dein Bein..." "...ist das kleinste Problem!" Ben versuchte aufzustehen, ein paar Schritte zu gehen, knickte aber wieder ein. "Scheisse..." Dieter kniete sofort zu ihm. "Es hat keinen Sinn...", sagte er leicht kapitulierend und Ben sah ihn mit einem belehrenden Blick an."Alles hat seinen Sinn Dieter. Und unserer liegt sicherlich nicht darin, hier drin zu versauern!"

 

Semir sah aus dem Fenster. Andrea sass geduldig neben ihm. Sie wusste, dass nun beruhigende Worte ihren Mann nicht wirklich sänftigen konnten. Ein solcher Typ war er wirklich nicht. Sie musste da anders vorgehen. Und darin lag die Schwierigkeit. Sie bemerkte, wie es draussen dunkel wurde. Wolken überzogen die Sonne und Bäume gaben dem starken Wind nach. Sie hörte den starken Atem ihres Mannes und sah ihn besorgt an. "Ben ist bestimmt nichts passiert. Du kennst ihn, er ist ein harter Brocken!" Semir erwiderte nichts. Seine Antwort musste gut überlegt sein, das wusste er bei seiner Frau genau. "Du hast ihn nicht aus dem Sarg gefischt Andrea. Ben ist ein Kämpfer, da hast du recht...aber...""Die Tatsache, dass du ihn geschlagen hast, zählt für dich nicht wahr?" Semir nickte langsam. "Ich habe noch nie einen Partner geschlagen Andrea! Mir ist die Hand ausgerutscht! Erst als ich Bens Wange schon berührt hatte, kam ich wieder zu Sinnen und konnte es nicht mehr aufhalten!" Andrea hob die Schultern. "Was hat dir Kevin genau gesagt!" Semir schlug die Hände an den Kopf. Ein grauenhafter Schmerz durchzog das Körperteil. "Das ist es ja...ich weiss es nicht mehr! Diese beschissene Gehirnerschütterung macht mich ganz wahnsinnig!" Andrea legte eine Hand auf einen von Semirs Unterarmen. "Alles wird gut Schatz...das spüre ich!" Und als Semir in ihr Gesicht sah, sah er ein warmes Lächeln.

 

Sanders öffnete die Türe und sah, wie Dieter Ben gerade wieder zum Bett half. "Ihr wolltet es tatsächlich versuchen! Lächerlich!" Hinter ihm erschien ein Begleiter, bei dem Ben glaubte zu träumen. "Tayfun!", stiess er hervor und der Angesprochene lächelte. "Überrascht mich zusehen Jäger Schon beinahe ein Jahr her nicht wahr?" Dieter sagte nichts. Natürlich kannte er aus den Ermittlungen das Gesicht, aber die Hintergrundgeschichte war ihm nicht klar. "Steckst du dahinter?" Unschuldig, auf Bens giftigen Satz hin, hob Tayfun die Arme. "Um Gottes Willen! Ich führe nur Kevins Auftrag aus. Auch wenn er damals gegen mich zusammen mit Semir ausgesagt hatte", er umarmte Sanders freundschaftlich, "hat er doch den rechten Weg wieder gefunden." Ben schoss hoch, sein Bein gab aber sofort wieder nach. "Wenn ihr Semir nur ein Haar krümmt...!" Tayfun zog aus seiner Tasche einen Schlagring. Er näherte sich Ben, doch Dieter stellte sich schützend vor den jungen Polizisten. "Geh' aus dem Weg, Alter!" Doch Dieter machte keinen Wank. Bens Augen waren bei dieser Tat weit aufgerissen. "Ich sagte, verschwinde!" Aber wieder nichts. Dieter bewegte sich keinen Millimeter. Tayfun holte aus und traf den Grossgewachsenen Polizisten mit dem Schlagring an die Schläfe. Durch die Wucht fiel Dieter zu Boden und hielt sich, die blau anlaufende, Stelle. Ben kroch sofort zu ihm. "Sei froh hast du deinen Babysitter Jäger!" Bens Augen formten sich zu gehässigen kleinen Schlitzen.

 

"Er ist nicht mein Babysitter, sondern mein derzeitiger Partner!" Dieter richtete sich langsam auf und sah Bens besorgtes Gesicht. "Wie du meinst", winkte Tayfun ab und ging zu Sanders. "Hast du es schon geschrieben?" Sanders nickte und überreichte Tayfun ein Stück Papier. Dieser las es durch und lächelte. "Damit kriegst du ihn ohne Probleme! Da bin ich mir sicher!" Er ging zu den Beiden auf dem Boden und winkte mit dem Papier hin und her. "Hiermit, werde ich Semir das Leben auspusten!" Ben, da Dieter noch immer recht benommen war, las den Zettel. Wir haben deine Freunde Gerkhan, komm zu der unten genannten Adresse. Und zwar allein. Dort kannst du sie retten! Ben atmete tief ein. "In seinem Zustand wird er nicht alleine kommen! Das lässt unsere Chefin nicht zu!" Tayfun lachte und ging zu Sanders. "Du hast keine Ahnung Jäger! Semir ist geschickter als du glaubst! Ein paar Polizeibeamte, waren schon für ihn als Teenager kein Hindernis!" Genau in diesem Moment verfluchte sich Ben gewünscht zu haben, dass Semir ihn retten würde. Denn damit hatte er sein Todesurteil unterschrieben.


Kapitel 14

 

Angst

 

"Ich werde die Probe des Blutes sofort untersuchen!" Hartmut packte seine Sachen zusammen. Er nahm seinen Tatortkoffer und atmete tief durch. Er schüttelte der Krüger und Hotte die Hand. "Hoffen wir das Beste!" Mit diesen Worten ging er zu seinen Leuten, befahl die letzten Schritte, ging zu seinem Wagen und fuhr los. "Denken Sie wirklich", begann Hotte mit schwerer Stimme, "dass sie noch leben?" Die Chefin antwortete nicht. Zum ersten Mal in ihrer kurzen Karriere, erstarb ihr die Stimme. Sie wusste einfach nicht, was erwidern. Alles konnte noch möglich sein. Und solange wollte sie keine Schlüsse ziehen. Es war ihr einfach zu gefährlich. In ihr tanzten die Gefühle hin und her. Sie konnte sie einfach nicht unterordnen. "Chefin?" Sie sah Hotte an und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. "Als allererstes gehen wir zurück ins Revier. Jäger und Bonrath haben bestimmt noch etwas im Büro, das helfen könnte. Danach sehen wir weiter!" Sie nahm ihr Handy hervor und wählte eine Kurzwahl. "Frau König? Hier Krüger. Versuchen Sie die Handys von Bonrath und Jäger zu ordern! Und beeilen Sie sich bitte!" Sie hängte auf und sah in die trübe Gegend. Immer mehr Regenwolken begannen sich zu sammeln. "Meinen Sie, Susanne kann etwas erreichen?" Kim Krüger versuchte zu lächeln. "Bisher hatte sie es doch immer geschafft, wieso auch nicht jetzt?"

 

Tayfun zog zwei Fussfesseln mit Ketten hervor. Unter der Drohung einer Waffe, kettete er Dieter und Ben an. Und zwar an zwei Vorrichtungen, die in der Nähe des Bettes waren. Bens Kette hatte gerade die Länge, dass er im Bett bleiben konnte. Er wurde von Tayfun unsanft dorthin gestossen. Dieters Kette war länger. Sie reichte für das ganze Haus. Doch am Eingang, sollte Schluss sein. Mit einem Lächeln ging er auf Ben zu und hob die Jacke. Er wollte das Handy nehmen, doch Ben wehrte sich. "Vergiss' das ganz schnell", drohte er doch Tayfun holte kurz aus und traf Ben mit seiner Faust genau an der Stelle, an der Semir ihn geohrfeigt hatte. Ben fiel zur Seite und Tayfun konnte mit einer Leichtigkeit das Handy aus der Tasche ziehen. Ben spukte Speichel und hustete. "Lass' dir das eine Lehre sein!", zischte Tayfun gehässig und hielt die freie Hand zu Dieter hin. "Und du bist besser brav, ansonsten ereilt dich das gleiche Schicksal!" Nur widerwillig händigte Dieter sein Mobiltelefon aus. Tayfun warf sie auf den Boden und zertrat sie. Ben konnte das Zerbersten des Plastiks hören und das Klirren der Displayscheibe. Diese Möglichkeit, war also nicht mehr vorhanden. "Besser ihr gehorcht, ansonsten kann ich für nichts garantieren!" Mit diesen Worten verliessen Tayfun und Sanders das Gebäude.

 

Letzterer hielt seinen Kumpanen auf. "Spinnst du? Ich habe dir doch eindeutig gesagt, sie werden nicht umgebracht!" Tayfun steckte sich cool eine Zigarette in den Mund. "Buhu, ich mach mir gleich ins Hemd", spottete er, zündete seine Nikotinfalle an und inhalierte tief den Rauch ein. "Sanders, du bist nun in meiner Welt. Und Kompromisse, gehen wir da nicht ein!" Sanders lief wutrot an. "Ich habe gesagt nur Semir! Oder soll ich meinen ärztlichen Beschluss zurückziehen, du weisst, in welcher Lage du dich befindest!" Tayfuns linkes Auge zuckte leicht. "Bevor wir hier noch mehr Zeit mit Streitereien verbringen, solltest du dir langsam im Klaren sein, dass Semir, wenn er davon Wind bekommt, uns in Stücke reissen wird. Also geben wir ihm den Zettel und dann kannst du deine Rache haben!" Mit diesen Worten zog er ein letztes Mal an der Zigarette, warf sie auf den Boden und zertrat sie. Ohne was zu sagen ging er zum Cheep, der etwas weiter entfernt stand. "Kommst du?" schrie er und Sanders setzte sich in Bewegung.

 

Kim Krüger und Hotte betraten die PAST wo Susanne sie erwartete. Ihr Gesicht sprach Bände. "Ich habe alles versucht", seufzte sie. Kim Krüger nickte. "Wie ich befürchtet habe, trotzdem gute Arbeit!" Sie öffnete das Büro von Semir und Ben und ging zusammen mit Hotte hinein. "Hoffentlich finden wir hier was. Denn das was wir haben, ist ziemlich mager!" Die Chefin konnte Hotte nur zustimmen. Sie standen in der Wüste. Nun mussten sie die Oase finden. Sie begannen eifrig zu suchen. Hotte hatte sich Semirs, Kim Krüger Bens Schreibtisch vorgenommen. Sie durchsuchten die Schreibtische, bis die Chefin stoppte. "Ich hab hier Sanders Akte!" Sie schlug sie auf und erblickte Notizen von Ben. Ein Stück Papier, das mit einer Büroklammer befestigt war. "Hat das etwa Ben geschrieben?" fragte Hotte neugierig. "Der scheusslichen Schrift zufolge schon", kommentierte Krüger und las die Notizen durch. "Herrn Jäger war dieser Sanders suspekt. Seinen Notizen zufolge hatte er kein Wort über Semirs Zustand fallen lassen!" Hotte zog eine Augenbraue hoch. "Als sein bester Freund sollte doch der Gesundheitszustand wichtig sein. Besonders wenn man erfährt dass ein Attentat auf ihn verrichtet wurde." Krüger schlug die Akte zu. "Dann besuchen wir ihn doch mal!"

 

"Verdammter Mist!" zischte Dieter und erblickte die Überreste der Handys. Noch immer hielt er sich am Kopf und verzog manchmal das Gesicht. "Komm' mal her!" Dieter sah Ben an, der noch blutleerer als sonst wirkte. Doch er gehorchte. Er ging zu dem Jüngeren hin und dieser zog langsam Dieters Hand von der Wunde weg. Sie war bläulich und hatte die Form des Schlagringes angenommen. An einigen Stellen befanden sich kleine rote Punkte. Kleine Einstiche. "Der Kerl hat voll durchgezogen", kommentierte Ben leise und zog den Erstehilfekoffer zu sich. "Halt still." Er versorgte die Wunde und als Ben ihn ansah, lächelte er. "So, jetzt sind wir quitt!" Dieter konnte nicht anders, er musste auch lächeln. "Wir kommen hier raus und retten Semir!" Doch Dieter konnte Ben so keinen rechten Glauben schenken. Da dieser kränklich und bleich wirkte. Aber seine Stimme war noch immer kräftig. War es wirklich der Wille der zählte?


Kapitel 15

 

"Frau Krüger?!"

 

Sie schlug heftig gegen die Türe. Mit jedem Schlag wurde es lauter. "Sanders, hier ist Kim Krüger von der Autobahnpolizei, machen Sie bitte auf!" Hotte seufzte schwer. "Vielleicht ist er gar nicht hier?", räumte er ein und sie atmete tief durch. Ihr Gehirn arbeitete wieder auf Hochtouren. Was sollte sie tun? Sie beschloss, über ihren eigenen Schatten zu springen. Sie hatte keine Wahl. Nun war es an ihr und Herzberger, die Verschollenen zu retten und Semirs Leben zu beschützen. Sie öffnete ihren Mantel und zog aus der Innentasche eine Haarnadel hervor. Hotte konnte das Schulterhalfter mit der Waffe sehen. Anscheinend war die Chefin sehr besorgt. "Wenn er nicht hier ist, kommt uns das gelegener denn je!" Sie kniete vor das Schloss und steckte die Haarnadel hinein. Hotte begriff. "Frau Krüger?!", stiess er entsetzt hervor, geschockt von der Tatsache, dass seine dienstvorschriftliche Chefin eine Tür aufbrach. "Not kennt kein Gebot Herzberger! Wir müssen da rein! Koste es, was es wolle!" Hotte atmete tief durch. Mit dieser Aktion hatte er nicht gerechnet. Er sah, wortlos, Krüger dabei zu wie sie mit der Haarnadel im Schloss herumbohrte und schliesslich die Zähne blecken liess, als es klickte. "Na wer sagt's denn", jauchzte sie leise und sah sich nochmals um. Niemand zu sehen. Sie stiess die Türe auf und zog sofort ihre Stöckelschuhe aus. Mit ihren bestrumpften Füssen tapste sie durch den Gang in das Wohnzimmer. Hotte tat es ihr gleich. Nur waren es in seinem Fall keine Stöckelschuhe und Strumpfhosen, sondern Polizeitreter und dicke, graue Wollsocken. Krüger legte ihre Schuhe auf den Tisch und sah zu Hotte. "Sie nehmen das Zimmer im Gang! Ich werde mich hier ein wenig umsehen!" Der Angesprochene nickte und lief zu der Türe. Er öffnete sie und das was er sah, wollte er sogleich wieder vergessen!

 

Ben zog an der Kette und stöhnte, als er bemerkte dass es hoffnungslos war. "Vergiss' es! Damit kommen wir niemals durch!", grummelte Dieter niedergeschlagen und blickte noch immer auf die Handys. "Wieso haben wir die eigentlich nicht benutzt?" Ben sah die Trümmer seines geliebten Telefons an. "Frag' mich was Leichteres! Jedenfalls wird die Krüger mich killen, wenn sie das erfährt!" Dieter grinste leicht. "Nicht wenn sie mich schon gekillt hat. Meinst du die sucht nach uns?" Ben zog die Augenbrauen hoch. "Die? Nie im Leben! Die lacht sich doch ins Fäustchen und feiert ihren Triumph!" "Mit Rotkäppchen?" Ben starrte zur Decke. "Nicht ihr Stil. Ich denke, da ist sie eher wie James Bond!" Ben machte einen Schmollmund und spitzte die Finger. "Wissen Sie, ich trinke meinen Martini gerührt, nicht geschüttelt", säuselte er mit hoher Stimme und bewegte sich kokett. Dieter konnte das Lachen nicht verkneifen. "Idiot", stiess er in seinem Lachanfall hervor und Ben lächelte warm. "Wollen wir ihr das wirklich gönnen?" Auffordernd sah er Dieter an. Und dieser schüttelte mit dem Kopf. "Niemals!", antwortete er und die Beiden gaben sich einen Handschlag. "Ausserdem wollen wir doch Semir mit der nicht alleine lassen?" Dieter grinste. "Das wäre sein sicherer Tod!"

 

Semir wartete in seinem Bett und sprach kein Wort. Andrea konnte soviel reden wie sie wollte, doch sie erhielt keine Erwiderung. Irgendwann, kapitulierte sie einfach. Und sass genau so schweigend da wie er. Jedoch erkannte sie, was er dachte. Jedes Wort, konnte sie von den Augen lesen. "Wieso Kevin? Was habe ich ihm angetan? Hoffentlich hat er Ben und Dieter nicht...?" All dies stand in seinen Spiegeln der Seele. Zart nahm sie seine Hand und sah ihm tief in die Augen. Jedoch sagte sie nichts. Wieso auch? Manchmal sagten Blicke mehr als tausend Worte. Und ihrer sagte: "Alles wird gut, glaube mir!" Und zum ersten Mal seit langem zeigte sich in Semirs Gesicht eine Regung. Er kniff kurz die Augen zusammen, atmete tief durch und umarmte dann seine Frau mit all seiner Liebe, die er besass. Sie küsste ihm auf die Backe und strich ihm über den Rücken. Sie wusste, dass er sie nun brauchte. Sie wusste, dass sie nun seine Stütze war, sein Hoffnungsspender. Und als seine Ehefrau, war es ihre Pflicht, diese Dinge zu erfüllen. Koste es was es wolle.

 

"Chefin?" Kim Krüger drehte sich um und ging zu Hotte, dessen Gesicht jegliche Farbe verloren hatte. Er wies in den Raum und selbst sie, als sie das Bild sah, schluckte schwer. Das ganze Zimmer war mit Bildern von Semir behangen. In jedem, Einstiche von Messern. Mit rotem Stift war überall das Wort "Tot", aufgeschrieben worden. In Grossbuchstaben und das auf dem ganzen Foto. "Meine Güte", stiess sie hervor und erblickte dann eine Akte auf einem kleinen Tisch, der sich am Fenster des Zimmers befand. Die Akte ihrer verstorbenen, ehemaligen Kollegin. "Sehen Sie sich das an!", forderte sie Hotte auf und dieser nahm seine Lesebrille hervor. Er legte sie an und las die Akte durch. "So wurde eine Auftragskillerin zum wehrlosen Opfer!" Die Chefin nickte zustimmend. "Und das in einem perfiden Plan! Sie war der Spielball! Der Anstoss!" Sie fuhr über eines der Bilder. "Was hat ihn so erzürnt, dass er den Tod seines besten Freundes will?", hörte sie Hotte hinter sich fragen. Sie konnte nur die Schultern heben. "Ich weiss es nicht! Es ist für mich unverständlich", gab sie ein wenig kleinlaut zu. Sie sah sich um und erblickte auf dem Boden ein kleines, gebundenes, schwarzes Notizbuch. Meine Rache, war auf das Etikett geschrieben worden in sauberer, lesender Schrift. Krüger öffnete das Buch. Es war eine Art Tagebuch, alles war detailliert aufgeschrieben. "Welches Datum haben wir am Anfang?" fragte Hotte neugierig und Krüger schluckte. "Der Tag der Aussage von Herrn Gerkhan, als er noch ein Teenager war", antwortete sie und atmete tief durch.


Kapitel 16

 

Falsche Zeugnisse

 

Hartmut sass vor seinem forensischem Gerät und wartete auf das Ergebnis der Blutprobe. Er verfluchte die Technik da der Prozess nur schleppend voranging. "Komm schon", forderte er auf, "sag Papa was du hast!" Seine Hände zitterten vor Nervosität und Schweissperlen bildeten sich auf seiner Stirn. "Sag' es oder ich hau' dir eins über!" Ein Kollege, der gegenüber von Hartmut an einem Mikroskop sass, hob den Kopf und sah den Rotschopf mit hochgezogenen Augenbrauen an. "Tut mir Leid", murrte Hartmut und kratzte sich am Kopf. Er hasste nichts mehr als Warten. Auch wenn er selbst immer bei Ben und Semir die Geduld anpries, hielt er sich selten daran. Geduld war zwar in seinem Beruf wichtig, doch in solchen Situationen vergass man jede Moral und machte der Menschlichkeit Platz. In diesem Falle der Angst um Ben und Dieter und was mit ihnen geschehen war. Hartmut wusste nicht wie er reagieren würde, wenn tatsächlich herauskäme, dass das Blut von einem der Beiden stammt. Würde er ausrasten? Cool bleiben? Oder einen Conga tanzen? Er konnte es sich nicht ausmalen. Alles war wie in einem Schleier gehüllt wie damals, als er unter Druck Ben im Sarg finden musste. Jeglicher Schrei von Semir war damals nur ein dumpfes Geräusch, das durch die dichte Nebelsuppe durchdrang und im Gehirn wieder die volle Lautstärke erreichte. "Was hast du da eigentlich?" Hartmut sah zu seinem Kollegen, der nun neben ihm stand und die Blutprobe mit skeptischen Blick ansah. "Und deswegen machst du so einen Aufstand?", fragte er ein wenig verblüfft und Hartmut atmete tief durch. Wenn er jetzt ausgerastet wäre, hätte er alles schlimmer gemacht. "Heute is' einfach nicht mein Tag", winkte er ab und sein Kollege setzte sich wieder an seinen Arbeitsplatz. "Wie du meinst aber, könntest du aufhören so zu zappeln? Sonst steckst du mich noch an und ich kann mich nicht auf meine Arbeit konzentrieren!" Hartmut nickte langsam und blickte zum Automaten, als er piepte. Er spukte ein bedrucktes Blatt Papier aus und was er las, war nicht das, was er lesen wollte.

 

"An dem Tag, als er gegen Tayfun aussagte?" Krüger sah Hotte an und dieser erzählte von dem Fall mit Semir und Tayfun. Das Semir als Jugendlicher gegen Tayfun und seine Gang ausgesagt hatte, weil diese einen Menschen niedergestochen hatten. "Sanders, hier den Zeilen zufolge, hatte ihm den finalen Stoss gegeben es zu tun, da er Semir schon lange kannte und seine kriminalistischen Taten nicht gut hiess. Und wenn man den letzten Abschnitt liest, hat man das Gefühl, dass alles wieder gut geworden war!" Hotte verschränkte die Arme, die Lesebrille noch immer auf der Nase. "Was es aber nicht war", ergänzte er und sah seiner Chefin dabei zu, wie sie umblätterte. "Das ist ja wie in einer Zeitmaschine", murmelte sie und zeigte ihrem Kollegen das Datum, "ein Zeitsprung von 15 Jahren in nur einer Seite! Erstaunlich. Wieso hatte er solange nichts mehr rein geschrieben?" Gemeinsam lasen sie den Eintrag durch und seufzten leise, als sie damit zu Ende waren. "Drogen, schlechter medizinischer Abschluss, arbeit als Assistenzarzt in einer Privatklinik. Semir aber hatte ein gutes Leben als Autobahnpolizist angefangen! Ich erinnere mich noch gut. Er war etwa so in Bens Alter, als er zu uns gekommen war." "Gemäss seiner Dienstakte stimmt das zeitlich überein. Aber das ist doch noch kein Grund, seinen besten Freund umbringen zu wollen!" Hotte zuckte mit den Achseln. "Menschen haben schon aus niedrigeren Gründen eigene Verwandte umgebracht." Trotz Hottes Kommentar blieb sie skeptisch. Das war ihr eindeutig zu wenig! Sie steckte das Buch ein und suchte weiter. "Wenn uns hier jemand erwischt", stöhnte Hotte und half ihr dabei. Sie fanden, in einem kleinen Fächlein versteckt im Boden, einen Ordner. Krüger wischte den Staub ab und öffnete ihn.

 

Ben stöhnte und hielt sich sein Bein, als eine Schmerzwelle seinen tauben Körper übermahnte und Schweissperlen auf seine Stirn jagte. Dieter sagte nichts, sondern beugte sich zu ihm vor und hielt Bens Schultern. Er spürte, wie sein Kollege bebte und zitterte vor Schmerz. Nun wurde auch ihm endgültig klar - sie mussten hier raus! Nicht nur wegen Semir, sondern auch wegen Ben. Dieser atmete tief durch und lehnte sich an die Wand. "Geht's wieder?" fragte Dieter besorgt und Ben nickte. "Ich habe eine Idee", murmelte er und wies auf die Scherben der zerstörten Handys. "Such da mal eine lange, dünne!" Dieter ahnte, was Ben vorhatte und tat, wie ihm geheissen. Er übergab, nach kurzer Suche, Ben eine der Scherben und dieser steckte sie in das Schloss der Fussfessel. "Einmal vergesse ich meine Tasche mit den Dietrichen!", grummelte Ben da sich die Arbeit mit dem Plastik als schwieriger herausstellte als gedacht. Da er, wegen Semirs "Unfall", so überstürzt aus der Wohnung gestürmt war, hatte er diese wichtige Utensil einfach vergessen. Dieter hatte sich ebenfalls eine genommen und versuchte seine Fussfessel zu öffnen. "Hoffentlich schaffen wir das, bevor die Beiden wieder da sind. Ohne unsere Waffen stehen wir nämlich ein bisschen dumm da!" "Bisschen ist gut", erwiderte Ben leise und knurrte, als seine Scherbe auseinander brach. "Na super!", stöhnte er und warf sie genervt auf den Boden. Dabei hörte er ein leises Klicken und sah in Dieters triumphierendes Gesicht. Er löste die Fessel. "Die Erfahrung mein Junge, die Erfahrung!"

 

"Alles Drohbriefe von Tayfuns Truppe!", stiess sie entsetzt hervor. "Sie beschreiben hier wie Sanders Leben zur Hölle gemacht wurde. Aber nicht von ihnen!" Hotte nickte. "Sie haben es Semir in die Schuhe geschoben! Und in seinem damaligen, labilen Zustand hatte Sanders das sofort geglaubt!" Die Chefin nickte. "Anscheinend hatte sich Sanders dann Tayfuns Gruppe angeschlossen, als diese dann aber wieder von Gerkhan zerschlagen wurde, zusammen mit Jäger, hatte Sanders stabiles Leben wieder Risse..." Sie schlug die letzte Seite im Ordner auf. Es zeigte ein ärztliches Gutachten, dass Tayfun psychisch und physisch labil war und Sanders ihn in Pflege nehmen würde. "Sanders hatte zum Schluss als Gefängnisarzt gearbeitet?" Genervt schlug Krüger den Ordner zu und sah Hotte mit ernstem Gesicht an. "Am Besten wir gehen ins städtische Gefängnis und fragen nach. Irgendjemand wird dort Bescheid wissen!" Hotte nickte zustimmend. Beide wollten gerade losgehen als sie hörten, wie die Türe geöffnet wurde und jemand seine Waffe entsicherte.


Kapitel 17

 

Kampf

 

Dieter beugte sich über Ben und löste mit seiner Plastikscherbe auch noch das Schloss des noch gefesselten. "Gleich bist du frei." Auf Dieters Satz hin klickte es und Ben fühlte, wie der Druck um den Knöchel seines gesunden Beines schwand. "Danke Dieter", sagte Ben und atmete tief durch. "Wenigstens ein Bein in dem ich den Blutzyklus noch spüre!" Dieter konnte über diesen Scherz kaum lachen. "Ich sehe mal, ob ich die Tür irgendwie aufkriege!" Der grosse Polizist ging zur Tür und sah sich das Schloss an. "Sollte eigentlich genauso leicht zu öffnen sein wie unsere Fussfessel." Ben versuchte aufzustehen, schaffte es sogar ein paar Meter zu gehen, um Dieter die Scherbe zu überreichen. Der Schmerz war ihm egal. Er wollte Semir retten. Sei's drum, das sein Bein brannte, schlimmer als jede Verbrennung, oder dass seine Augen sich langsam wie Glasmurmel anfühlten. "Meinst du, du schaffst das?" Auf Bens Satz hin wurde Dieters Lächeln breit und er hob symbolisch die Scherbe. "Ich glaube, dass wird mein neues Standardwerkzeug!" Er steckte sie in das Schloss und begann darin rum zu bohren. "Leg' dich noch hin Ben! Du wirst naher alle Kraft brauchen!" Bens Gesicht strahlte. "Wir kommen hier raus mein Junge! Wir retten Semir, werden als Helden gefeiert und du kommst in ein Krankenhaus!" Ben nickte heftig. Er war froh, dass sein Partner Blut geleckt hatte. Er ging zurück aufs Bett, zog das gesunde Bein an den Körper und legte sich die Decke um. Er sah Dieter dabei zu, wie dieser dabei war, dass Schloss zu knacken.

 

Tayfun schlich sich durch das Marienkrankenhaus. Natürlich wusste er, dass Köln ihn kannte vom Fernsehen und von den Zeitungen her. Also beschloss er, sich verdeckt zu halten. Er hatte sich, mitten auf dem Weg, von Sanders getrennt. Das Basecap tief ins Gesicht gezogen, erkundigte er sich nach Semirs Zimmer. Die junge, ahnungslose Schwester verriet ihm mit einem skeptischen Lächeln im Gesicht die Nummer und Tayfun bedankte sich. Zwar knapp, aber er tat es. Er lief die Treppen hinauf. Aufzüge waren für ihn zu riskant. Wenn er flüchten müsste, hätte er diese Möglichkeit genommen. Er ging also die Stufen hinauf zu Semirs Zimmer. Jedoch kann ihm niemals in den Sinn, reinzugehen. Dieses Mal war er nicht der Leiter des Planes, sondern ein Handlager. Ihm gefiel diese Bezeichnung nicht, aber seine Freiheit hängte von Sanders ab. Ein Anruf im Gefängnis und er wäre wieder drin. Und das wollte er nicht. Er genoss die Luft des Freiseins zu sehr. Also bog er sich dem Willen und tat, wie ihm geheissen. Seine Gang konnte er später noch aufbauen. Da gäbe es keinen Semir Gerkhan mehr und das Problem "Ben Jäger", würde er dann auch aus der Welt schaffen. Er nahm den Zettel und schob ihn unter der Türe durch, richtete sich wieder auf und rannte los.

 

Semir sah, wie der Zettel in das Zimmer kam und sah zu Andrea. Diese nickte, ging zur Tür und hob den Zettel, sie las den Inhalt und erbleichte sofort. Semir sah sie zwar nur von hinten, doch das Zittern, dass Andrea von sich gab, entging ihn nicht. "Schatz?", fragte er besorgt und sie drehte sich um. Ihm etwas zu verheimlichen, brachte es nicht. Er war Polizist. Er würde die Wahrheit sowieso rausfinden. Ohne Worte überreichte er den Zettel. Semir las ihn, Andrea sah dass er sich anstrengen musste, aufgrund der Kopfschmerzen wollten seine Augen nicht richtig arbeiten. Doch es reichte, um die schreckliche Wahrheit ans Licht zu bringen. "Das ist Kevins Handschrift", sagte er entsetzt und hielt sich eine Hand vor den Mund. Aber nicht das Entsetzten machte sich in ihn breit, sondern die Schuldgefühle. "Ich habe Ben für nichts eine rein gehauen! Er hatte mir die pure Wahrheit gesagt, du hattest mir die Wahrheit gesagt!" Andrea sah, wie ihr Mann bebte und sich beinahe vor Vorwürfe zerriss. "Du warst nicht du selbst", versuchte sie ihn aufzuheitern. Sie ging auf ihn zu, legte ihm beide Hände auf die Schulter und drückte ihn an sich. "Sie haben Ben Andrea..." Semir sah sie an. "Kommt nicht in Frage!", zischte diese sofort. "Nicht in deinem Zustand!" Doch Andrea sah bereits diesen Gesichtsausdruck und wusste, dass sie ihren Mann nicht mehr aufhalten konnte.

 

Sanders betrat seine Wohnung und spürte sofort, dass etwas nicht stimmte. Es roch befremdet. Nach Vanille und Mango. Diesen Duft hatte er nie in seiner Wohnung. Das Polieröl für seine Waffen roch immer nach Zitrone und seine Badesachen dufteten nach Mandeln. Vanille und Mango hatten keinen Platz in seinem alltäglichen Riechen. Also war es fremd! Und fremdes war nie gut! Er zog seine Waffe, die er in den Gürtel gesteckt hatte, hervor und entsicherte sie. Danach hörte er Getrampel und das Öffnen seiner Balkontüre. Er rannte sofort nach draussen. "Na los Herzberger!", hörte er eine Frauenstimme schreien. Doch auf dem Balkon war nichts zu sehen. Er sah sich um und erblickte eine Frau im langen Mantel und Anzug an der Feuerleiter. Sie hatte ihre Waffe in der Hand. "Waffe fallen lassen Sanders!", mahnte sie obwohl sie ahnte, dass es nichts bringen würde. Und wirklich, Sanders schoss, ohne Rücksicht auf Verluste. Das Geschoss prallte an der Metallleiter ab und Krüger stieg hastig hinunter. Bei den letzten Tritten hörte sie Herzberger, unter dem lauten Donnern der Schüsse, schreien: "Lassen Sie los!" Sie sah nach unten und erblickte, wie Hotte mit offenen Armen da stand. Da liess sie los.


Kapitel 18

 

Vertrauen

 

Sanders beugte sich vor und sah, wie Krüger in Hottes Armen landete und Beide in Richtung des Wagens spurteten. Er versuchte noch zu Zielen, doch sie stiegen in den Wagen und verschwanden. „Scheisse“, fluchte er und ging in das Zimmer, in dem er seinen ganzen Racheplan ausgetüftelt hatte. Er durchsuchte alles. Doch fand er es nicht. Sein schwarzes Notizbuch und der Ordner mit den Briefen fehlten. „Verdammt!“ Er trat gegen die Wand und ignorierte den aufkommenden Schmerz im Fuss. Nun drängte die Zeit. Sie waren ihm also auf den Fersen. Irgendwer hatte also weiterermittelt. Diese junge Frau mit den Fuchsaugen und der starken Ausstrahlung und dieser beleibte Polizist. Ein kalter Schauer übermahnte ihn und er musste nachdenken, trotz des Zeitmangels. Er nahm sein Handy hervor und wählte eine Kurzwahl. „Tayfun? Bist du aus dem Krankenhaus raus?“ Seine Frage wurde bejaht. „Sehr gut, du musst dringend mit den Beiden zu dem Zielort! Sie sind uns auf den Fersen!“ Mit diesen Worten hängte er auf. „Hoffentlich setzt Semir seinen Kopf durch“, zischte er weil er seinen Plan in Luft aufgehen sah. Seine Rache an Semir schien ihm so perfekt! Und nun waren diese anderen Autobahnpolizisten hinter ihm her.

 

„Das war knapp“, keuchte Hotte und fuhr zur Autobahneinfahrt. „Knapper als knapp!“, stimmte Krüger zu und öffnete das Notizbuch. Ihre Aufmerksamkeit galt der letzten Zeile. „Er hat den Bestimmungsort nicht hingeschrieben!“, zischte sie wütend und war kurz davor, dass Buch wegzuschmeissen. „Aber wir wissen, dass sie Semir  umbringen wollen! Also müssen wir ihn schützen, wenn er nämlich erfährt dass Ben und Dieter entführt wurden, läuft er Amok!“ Die Chefin sah ihn entsetzt an. „Also nicht wörtlich gemeint“, versuchte er sie zu beruhigen und sie nahm ihr Handy hervor. „Was haben Sie vor?“, fragte Hotte verwundert. „Ich werde Herrn Gerkhan alles sagen! Es ist besser, wenn er es von uns erfährt!“ In diesem Punkt konnte er nur zustimmen. Jedoch hatte er ein ungutes Gefühl. Irgendetwas sagte ihm, dass Semir bereits die Wahrheit wusste. Er konnte es sich nicht erklären aber dieser Druck in der Magengegend hatte er nur selten.

Kim Krüger legte ihr Handy an ihr Ohr und wartete ab, bis jemand ab nahm. In der Klinik hatte sie sich die Nummer von Semirs Zimmertelefon geben lassen.

„Herr Gerkhan?“ fragte sie als abgenommen wurde.

 

„Chefin, gerade eben hat mir jemand einen Zettel unter der Türe ins Zimmer geschoben!“ Kim Krüger kannte diesen Ton in Semirs Stimme genau. Der leidende, verletzte Polizist war verschwunden und machte Platz für einen von Wut angetriebenen Freund, der seinen Partner finden wollte. „Was steht auf dem Zettel?“ Hotte konnte im Gesicht seiner Chefin sehen, dass auf dem Zettel nichts Gutes stand. „Bleiben Sie wo Sie sind! Ich habe Ihnen gesagt dass…“ In diesem Moment wurde abgehängt. „GERKHAN!“ Die Stimme Kim Krügers überschlug sich und Hotte zuckte leicht. „Dieser…“ Weiter kam sie nicht. Sie stöhnte und knirschte mit den Zähnen. „Geben Sie Gas Herzberger! Ich will im Krankenhaus sein bevor Gerkhan abhauen kann!“ Hotte nickte und drückte aufs Gaspedal. Doch es war zu spät.

 

Semir küsste seine Frau und diese seufzte. „Ich hoffe, du weisst was du da tust“, murmelte sie als sie ihrem Mann dabei zusah, wie dieser seine Kleidung anzog. „Er hat Ben und Dieter Andrea! Ich kann nicht zulassen, dass wegen mir Unschuldige sterben müssen!“ Sie wusste nichts zu erwidern. „Aber, was wenn du…“ Semir lächelte, zog Andrea an sich und küsste sie auf die Stirn. „Mir wird nichts passieren Schatz! Glaub‘ mir, alles wird gut!“ Sie umarmten sich noch einmal und Semir rannte aus dem Zimmer. Die Dienstwaffe im Schulterhalfter und der Verband abgenommen. Lediglich die Pflaster liess er noch auf den Wunden, damit diese nicht zu sehr beschmutzt wurden. Aber in seinem Fall, so dachte er, hätten sicher nicht einmal Stahlplatten gereicht.

Er lief zum Wagen von Andrea und stieg hinein. Ohne zu zögern startete er den Motor und fuhr los. Noch war kein Polizeiwagen in Sicht, also waren Krüger und Hotte noch nicht zur Stelle. Er musste sie verpassen, jegliche Verzögerung könnten das Leben seiner Kollegen in Gefahr bringen.

 

Dieter wollte gerade die Türe öffnen, als diese mit voller Wucht gegen sein Gesicht schlug und er seine Nase knacken hörte. Feuerheisses Blut schoss aus den Nasenlöchern und floss über die Lippen. Sofort hielt sich der Grossgewachsene die Hand vor den Mund und verzog das Gesicht. Tayfun betrat die Hütte mit einem schelmischen Grinsen. „Oh, dass tut mir jetzt aber Leid“, säuselte er und sah zu Ben, der ihn schon wieder mit giftigem Blick ansah. „Du kannst noch so oft versuchen, mich mit deinem Blick zu töten Ben, es wird dir nichts bringen!“ Ben zog es den Magen zusammen. „Jäger wenn ich bitten darf!“ Seine Stimme war leise und zittrig. „Du willst mir drohen?“, fragte Tayfun herausfordernd und brach in schallendes Gelächter aus. „Sieh‘ dich doch an! Du kannst ja kaum gehen!“ Er deutete auf den Verband, wo inzwischen mit Blut vollgesogen war, weshalb Ben blass war. „Du hast keine Ahnung Kumpel! Nun habe ich die Fäden in der Hand.“ Ben sah, dass direkt an der Türe ein Kleinlaster geparkt war. Der Kofferraum offen. „Du wirst bald Semir wiedersehen! Sicherlich ist er gerade aus dem Krankenhaus getürmt, um euch zu retten!“ „Sie Schwein!“, klang es dumpf von Dieter und Tayfun wollte mit seiner Waffe zum Schlag ausholen, doch Ben humpelte zu ihm hin und hielt den Schlag auf. Sehr zur Verwunderung von Tayfun. „Immer noch genauso dreist“, meinte der Türke dann mit verachtender Stimme und versuchte, Bens zornigem Blick auszuweichen.

 

„Nur weil du mit Semir zusammenarbeitest musst du dir nichts darauf einbilden!“ Tayfun zog die Hand weg, aber Bens Blick blieb. Trotz des milchigen Gesichtes wirkte die Mine noch immer einschüchternd. „Steigt ein!“ Ben wollte einen Schritt gehen, als ein unerträglicher Schmerzwall seinen Körper übermannte und er einzuknicken drohte. Doch Dieter, mit seinem blutverschmierten Gesicht, hielt ihn auf. Unter Tayfuns diabolischem Grinsen, half der Ältere seinem Kollegen aufzustehen und stützte ihn. „Da siehst du’s!“ belehrte Tayfun Ben und sah, wie dieser nicht vor Schmerz, sondern vor Wut zitterte.

Dieter war vorsichtig und sanft, als er Ben in den Laderaum half. Beide erschraken, als Tayfun die Türe zuschlug und abschloss. „Wir waren so kurz davor“, meinte der Ältere enttäuscht. „So schlecht ist das auch wieder nicht! Wir können Semir retten! Wir müssen uns zwar noch ausdenken wie, aber wir schaffen das Dieter!“

 

Kim Krüger rannte Hotte voraus. Dieser war erstaunt, in einem welchen Tempo die junge Frau in den Stöckelschuhen rennen konnte. Unter den verwunderten Blicken der Schwestern hielt sie Andrea auf, die gerade aus dem Zimmer kam. „Wo ist ihr Mann?“, fragte sie schroff und Andrea zuckte leicht zusammen. Doch sagte sie nichts. „Frau Gerkhan, ich weiss unser erstes Treffen lief nicht wie geplant, aber ich muss wissen wo ihr Mann ist!“ Wieder nichts. Keuchend, näherte sich Hotte von hinten. Völlig aus der Puste berichtete er Andrea, was sie in Kevins Zimmer gefunden hatten. „Andrea, du musst uns sagen wo Semir ist! Es ist für ihn, besonders in seinem Zustand, alleine einfach zu gefährlich!“ Andrea sah nicht in Hottes, sondern in Krügers Gesicht. Sie erblickte die reine Sorge und Ehrlichkeit in den Augen der Chefin ihres Mannes. Sie atmete tief durch. „Ich habe mir die Adresse gemerkt. Es ist das neu gebaute Hochhaus im Industriegebiet!“ Krüger packte Andrea an den Schultern und zum ersten Mal in ihrem Leben sah sie ein erleichtertes Lächeln. „Das war die richtige Entscheidung“, lobte Krüger sie und tippte Hotte an. „Wir haben keine Zeit zu verlieren Herzberger! Auf!“ Mit einem grossen Stöhnen rannte Hotte hinterher.

Andrea faltete die Hände und legte sie kurz an die Stirn. „Hoffentlich kommt alles gut!“


Kapitel 19

 

Umsonst?

 

Die Fahrt im Laderaum war unruhig und nervös. Dieter hasste solche Fahrten, besonders wenn der Sonnenschein nur leicht durch Ritze in den Raum gelingen konnte. Ausserdem war es kalt. Eiskalt in diesem Wagen und er befürchtete, dass sich Bens körperlicher Zustand so verschlimmern würde. Doch der Junge kämpfte tapfer, dass sah er genau. Semirs Leben stand auf dem Spiel. Bens Augen strahlten Sicherheit, Mut und Stärke aus. Dieter bewunderte dies. Er selbst, hatte Angst. Angst um sein Leben, Angst um Semir und Angst um Ben. Zudem schien dieser Tayfun skrupelloser als Sanders selbst zu sein. Er würde sie umbringen, wenn sie ihre Rache an Semir vollenden konnten. Tausende Gedanken kreisten in seinem Kopf. Als Erstes natürlich sein Sohn. Sein geliebter Sohn. Er betete im Stillen, dass Gott seinen Sohn, falls er bei dieser Aktion sterben würde, beschützt.

Ben sah die gefalteten Hände und das verzogene Gesicht Dieters. Er legte eine Hand auf die Betenden Dieters und lächelte ihn an. „Seine Hilfe können wir wirklich gebrauchen“, sagte er mit ernster Stimme und Dieter nickte. „Ich bin zwar nicht der absolute Gläubiger“, gestand Ben und atmete tief durch, „aber…Allah und Gott sind derselbe. Also sollte er Semir beschützen. Und uns! Egal was passiert!“

 

Tayfun hielt auf dem Parkplatz des, noch leer stehenden, Hochhauses und stieg aus. Sanders wartete bereits dort. Mit verschränkten Armen und einer Zigarette im Mund, erwartete er seinen Kumpanen. „Ich dachte schon, du kommst gar nicht“, bemerkte er trocken und Tayfun zuckte mit den Achseln. „Eine kleine Schwierigkeit. Hat sich aber schnell behoben!“

„Semir sollte aus dem Krankenhaus raus sein. Als ich nämlich kurz noch im Krankenhaus nachsehen ging, hatten die Schwestern eine riesen Panik geschoben, weil ein Patient geflüchtet war, ohne sich selbst zu entlassen!“ Tayfun lächelte. „Das ist unser Semir!“ Er ging hinten zum Laderaum und öffnete diese. Sofort hielt er wieder die Waffe fest in der Hand. „Aussteigen“, befahl er knapp und Dieter half Ben wieder, auszusteigen. „Hast du meinen Rat befolgt?“ Dieter sah Sanders an, der auf Bens Beinwunde zeigte. Widerspenstig nickte der Grossgewachsene. „Ich weiss, du kannst mich nicht leiden aber, ich hatte Recht. Hättest du die Scherbe nicht rausgezogen, hätte es viel schlimmer um deinen Kollegen gestanden!“ Ben atmete tief durch. „Was hast du Semir am Telefon gesagt?“ Sanders hob die Schultern. „Wieso sollte dich das interessieren? Ich meine…“ Doch dann konnte Sanders etwas in Bens Augen lesen, was dieser eigentlich verheimlichen wollte. Nämlich den Schmerz, über Semirs Tat.

„Er hat dir eine gescheuert!“, schlussfolgerte er und Tayfun sah Sanders erstaunt an. „Semir Gerkhan hat zum ersten Mal seinen Partner geschlagen!“ Beide, Tayfun und Sanders, lachten, packten sich je einen der Gefangenen und begaben sich zum Wellnessteil des Hochhauses.

 

Semir fuhr die Autobahn entlang die zu diesem Gebäude führte. Den ständig pochenden Schmerz in seinem Kopf versuchte er zu ignorieren. Seine Umgebung war klar und langsam konnte er auch wieder geordnet denken. Ein grosser Schritt. Schliesslich brauchte er jede Gehirnzelle, um seine Freunde zu befreien. Er bog in die Einfahrt und parkte. Als er ausstieg, bemerkte er auf dem Boden kleine Blutstropfen. „Oh nein…“, stiess er hervor und fuhr mit dem Zeigefinger darüber. Etwas vom Lebenssaft blieb an seinem Finger haften. Also konnten sie noch nicht lange hier sein. Er ging in das Gebäude und betrat den Aufzug. Er tippte einen Stock an und mit einem lauten Surren fuhr der Lift los. Durch den gläsernen Aufzug, konnte er in die Stadt sehen. Es begann langsam zu Dämmern. Die Häuser hatten Licht und der Kölner Dom erstrahlte im Rot des Sonnenuntergangs. Des blutigen Rotes. Er schluckte schwer und sah nach oben, wo die schwarze Decke des Aufzugs seine Sicht behinderte. „Bitte lieber Gott…bitte hilf mir…“, flüsterte er und atmete tief aus.

Als er aus dem Aufzug stieg erblickte er direkt in die Mündung einer Pistole. Und in das lachende Gesicht Tayfuns. Semir schnürte es den Magen zusammen. „Du!“, zischte er und Tayfun winkte mit der freien Hand. „Schön dich wieder zu sehen Hain[1]!“ Semir wollte seine Waffe ziehen. „Lass‘ das besser bleiben!“, drohte er und nickte zu einer Türe, an der mit goldener Schrift das Wort „Schwimmbad“ stand.

 

Semir hob kapitulierend die Hände und so konnte Tayfun Semirs silberne Waffe an sich nehmen. „Nun gut, dann will ich dir mal deine Freunde zeigen!“ Er drückte die Waffe in Semirs Rücken und wies ihn in den Raum.

Als er Ben erblickte, weiteten sich seine Augen. Sein Partner war leichenblass und die Augen blutunterlaufen. Schweiss rannte die Stirn hinunter und das eine Bein war verletzt. Zwar wurde es provisorisch verarztet worden, doch sickerte schon wieder Blut durch den Verband.

Dieter wirkte, bis auf eine bläuliche Wunde am Kopf, unversehrt. Zwischen den Beiden stand er. Sanders. „Überrascht?“, fragte dieser spottend und Semir sah kurz und entschuldigend zu Ben. Dieser verstand die Geste und nickte. „Jetzt nicht mehr“, antwortete der Deutschtürke dann und schluckte. „Lass‘ sie frei Kevin! Du hast nun mich!“ Kevin lachte lauthals. „Sicher, versprochen ist versprochen!“ Semir hörte das Plätschern des Wassers. Der Pool war anscheinend vor kurzem gefüllt worden.

Kevin holte aus und schlug Dieter an die Schläfe. Bewusstlos sackte dieser zusammen. Semir stiess einen Schrei des Wutes aus und wurde von Tayfun gepackt. „Keine Sorge, ich bringe sie nicht um!“ Noch einmal holte Semirs ehemaliger bester Freund aus und stiess Ben in den Pool. Dieser schrie kurz und spitz bevor das Wasser seine Stimme ersterben liess.


Kapitel 20

 

Sanders Tränen

 

"Bring ihn rauf!", befahl Sanders schroff und Tayfun nickte. Semir versuchte verzweifelt, einen Blick zum Pool zu erhaschen. Waren noch Luftblasen? Denn Ben tauchte nicht auf. "Ihr Schweine!", schrie er und versuchte sich zu wehren. Doch in seinem Kopf hämmerte es höllisch und seine Kräfte waren noch nicht vollständig zurückgekehrt! "Ihr Mistkerle! Arschlöcher!" Tayfun legte eine Hand vor Semirs Mund und zog ihn zum Aufzug. Vor dem Gefährt, hielt Sanders ihn auf. "Ab hier übernehme ich. Sieh' zu, dass dieser Jäger wieder auftaucht!", flüsterte er ihm ins Ohr und der Türke nickte. "Warum?", fragte Semir leise, als der Aufzug nach oben gezogen wurde. Sanders lachte auf. "Das hast du mich doch nicht jetzt allerernstes gefragt oder?" Semir hob die Schultern. "Ich weiss es wirklich nicht", gestand er und Sanders holte aus. Seine Faust traf Semir an die Wunde der Stirn und der Deutschtürke schrie vor Schmerz auf. "Du hast mir mein Leben ruiniert", der zweite Schlag traf Semir in den Magen, "meine Zukunft zerstört", der Dritte ging in die Brust, "meinen Sinn gelöscht!", der letzte Schlag galt wieder dem Gesicht. Hustend und keuchend beugte sich Semir vor und spukte Blut. "Und du fragst mich, wieso ich das tue?" Semir atmete tief durch. "Tayfun hat dir Lügen erzählt", stiess er hervor und spuckte noch einmal blutigen Speichel, "ich habe dir gar nichts angetan! Ich hab' doch immer zu dir gestanden!" Als Semir aufsah, bemerkte er jedoch Sanders Blick. Die Augen, die Spiegeln zu Seele, sagten alles. Tayfun hatte in Sanders sein Werk vollendet. Ein perfektes Bild der Manipulation. Ein Monster. In Sanders Augen hatten sich Tränen gebildet. Er zog Semir hoch und drückte ihm die Waffe in den Rücken. "Und nun, wirst du fallen Semir! Im wahrsten Sinne des Wortes!"

 

Tayfun beugte sich über den Pool. Noch immer war Ben nicht aufgetaucht. War er wirklich ertrunken? Der Türke glaubte dies. Und das wurde ihm zum Verhängnis. Denn er wurde gepackt und in den Pool gerissen. Ben drückte ihn unter Wasser an die Wand und entledigte Tayfun seiner Waffe. Der Türke versuchte sich zu wehren doch der Polizist war, vor lauter Wut, kräftiger. Er hatte sich unter Wasser seiner schweren Jacke entledigt. Tayfun schnappte nach Luft, da er vor Schock Wasser geschluckt hatte. Doch nichts. Er verlor das Bewusstsein. In diesem Moment tauchte Ben mit ihm auf und zog ihn raus. "Du bist immer noch so leicht zu fangen", keuchte der junge Polizist und überprüfte die Waffe. Sie funktionierte noch einwandfrei. Er hörte, wie Dieter hinter ihm stöhnte und sich aufrichtete. "Geht's?", fragte Ben kurz besorgt und der Grossgewachsene winkte ab. Er hatte gesehen, wie Ben Tayfun nach unten gerissen hatte. "Ich kümmere mich um ihn! Rette Semir, Ben! Ich weiss, dass du es kannst!" Mit einem Nicken stand Ben auf und humpelte im Eiltempo zum Treppenhaus. Der Aufzug war eindeutig zu gefährlich. Er spürte das feuerheisse Blut. Die Wunde musste aufgebrochen sein. Doch das war ihm egal. Er wollte Semir retten, koste es was es wolle! Die Waffe wurde entsichert. Das Wasser perlte von seinem Körper ab und landete in Tropfen auf den Beton der Stufen. Seine Schritte halten und Ben glaubte, seinen eigenen Herzschlag in voller Lautstärke zu hören.

 

Kim Krüger und Hotte parkten neben dem Kleinlaster und rannten ins Gebäude. Der beleibte Polizist atmete auf, als er seinen Partner sah, wie dieser Tayfun an einem festgeschraubten Sitz fesselte. Der Chefin blieben die Blutstropfen nicht unbemerkt. Hartmut hatte sie in der Zwischenzeit angerufen und ihr erzählt gehabt, dass das Blut von Ben stammt. "Wo ist Jäger?", fragte sie schroff und Dieter wies auf die Stufen. "Herzberger, verständigen Sie die Kollegen", sie entsicherte ihre Waffe, "ich werde Jäger zu Hand gehen!" Hotte nickte und hatte bereits sein Handy aus der Tasche gezogen. "Susanne? Hier Hotte, wir brauchen sofort Verstärkung!" Er nannte ihr die Adresse und hängte auf. Als er aufsah, erblickte er nur noch die Füsse seiner Chefin, die aber auch verschwanden. "Ich bin froh ist dir nichts Schlimmeres passiert", stiess er hervor und konnte nicht anders. Er musste Dieter umarmen. "Ich bin auch froh", stimmte dieser zu und sah, wie Tayfun aufzuwachen versuchte. Voller Wut ballte Dieter eine Faust und schlug den Türken KO. "Jetzt sind wir Quitt!", zischte er unter der verwundeten Miene Hottes.

 

 

"Na los!" Semir spürte die kalte Luft an seiner Haut und Köln bei Nacht. Die Stadt war erhellt und der Kölner Dom erstrahlte in seiner Pracht. "Wunderschön nicht wahr?", fragte Sanders und Semir glaubte, ein Schluchzen zu hören. "Wer hätte gedacht, dass du bei einer solch prunkvollen Kulisse sterben wirst?" Semir begann zu zittern. Die Angst um Ben, Dieter und um sich selbst beherrschte seinen Körper. Sanders Waffe im Rücken war dabei keine grosse Hilfe, die Furcht zu bändigen. "Na los! Lauf!" Semir ging nur in kleinen Schritten. Sie wurden immer kürzer. Der Vorsprung näherte sich. "Früher als Kind, wollten wir doch immer fliegen Semir!" Semir nickte nur. Tränen stiegen in seine Augen. "Kevin, noch kannst du diesen Irrsinn beenden!", flehte er. "Ich führe alles zu Ende, was ich anfange! Und das weisst du!" Semir konnte nicht widersprechen. Das stimmte wirklich. In solchen Dingen war Sanders Perfektionist. "Ich hoffe, deinem Partner geht es gut! Wirklich mutig der Junge! Kein Wunder, hast du so von ihm geschwärmt! Ich kann dich wirklich verstehen!" Semirs Füsse stiessen an den Vorsprung und er drohte, das Gleichgewicht zu verlieren. Doch konnte er sich im letzten Moment fangen. "Geh' noch nicht!", säuselte Kevin und tippte mit der Waffe an die Wirbelsäule. "Steig hinauf!" Ohne es zu wollen, gehorchte Semir. Er stieg hinauf, und er glaubte, dass der Wind noch kräftiger war. Sanders gesellte sich neben ihm. "Lass' uns fliegen Semir!" Über die Wangen des Deutschtürken flossen die Tränen.

 

"Was hat Tayfun mit dir gemacht?", flüsterte er entsetzt und auch in Sanders Augen bildeten sich Tränen. "Er hat mir den wahren Weg gezeigt Semir. Eigentlich wollte ich dich mit einer Schrotflinte erschiessen aber", er wies über das Panorama von Köln, "ist es nicht einfach wunderschön?" Semir biss sich auf die Unterlippe. "Kevin bitte! Ich werde ein gutes Wort für dich einlegen. Und dann könnten wir dieses Panorama jeden Abend vom Altersheim ansehen und über diesen Moment lachen!" Sanders Waffe wanderte zu Semir Stirn und die Tränen flossen in Strömen. "Ich kann nicht mehr Semir", schluchzte er, "ich möchte gehen. Und mein Leben möchte ich mit dieser Person beenden, die ich mal für meinen besten Freund hielt! Und von dem ich dachte, dass er auch mein bester Freund ist!" Semir atmete tief durch. "Ich bin dein bester Freund Kevin! Leg' die Waffe weg, dann kann ich es dir beweisen!" Zwar zitterte Sanders Hand, doch die Waffe blieb fest umklammert. "Es tut mir leid Semir! Aber ich will fliegen! Und du wirst mir folgen! Aber keine Sorge, den Aufprall erspare ich dir! Ich erlöse dich schnell! Dann packe ich dich bei der Hand und wir fliegen!" Der Finger spannte sich um den Abzug. "Ich zähle auf drei okay?" Semir schüttelte mit dem Kopf. "Bitte nicht", flehte er mit leiser Stimme. "Eins. Zwei...und drei!" Sanders hob die Waffe und in diesem Moment knallte es.


Kapitel 21

 

Fliegen

 

Die Türe zum Treppenhaus schwang auf und Semir erblickte die rauchende Mündung einer Waffe. Er konnte das Tropfen von Wassern hören und heftiges Ein- und Ausatmen, was ihm schon beim zuhören in den Lungen brannte. Sanders stockte und spuckte Blut. Doch auch er wendete seinen Blick zu der Kammer, wo der triefnasse Ben stand. Die Augenbrauen streng zu den Augen gerichtet, auf der Stirn eine tiefe Falte. "Waffe fallen lassen Sanders oder der nächste Schuss steckt zwischen deinen Augen", drohte Ben gehässig und mit starker Stimme was Semir bei diesem blassen Körper erstaunte. Die nassen Haaren klebten im Gesicht Bens und der Verband hatte sich gelöst und hing wie eine Liane das Bein hinunter. Wie eine rot, weisse Liane. Sanders hielt sich mit der freien Hand an der Wunde am Bauch, die durch Bens Schuss herführte. Die Waffe, wanderte aber nun von Semir zu ihm. "Du stellst dich mir schon wieder in den Weg?", fragte Sanders gehässig und Ben nickte nur leicht. "Du willst Semirs bester Freund sein?" Sanders Augen weiteten sich. "Ich hatte auch so einen besten Freund", Ben sah zu Semir, "er hatte mir eine Ohrfeige verpasst...aber ich war nicht sauer auf ihn! Zog keine voreiligen Schlüsse! Aber du, Sanders, du hast dich von Tayfuns gehässigen Spielen leiten lassen!" Sanders begann zu zittern, aus seinem Mundwinkel floss ein Rinnsal Blut. "Du hast keine Ahnung", stöhnte er unter heftigen Schmerzen, "aber ich will auch nicht, dass du mich verstehst! Niemand kann mich verstehen! Ich war immer allein!" Es begann ein eiskalter Wind zu wehen und gelang Ben an die nasse, blanke Haut. "Bitte Kevin", versuchte es Semir noch einmal, "lass die Vergangenheit ruhen!" Er legte eine Hand auf die Waffe. "Lass' uns nochmal von neu anfangen!" Ben sank langsam die Waffe. Er wollte Semir glauben. Er hatte Vertrauen in seinem Partner.

 

Die Chefin rannte das Treppenhaus hinauf und folgte den Blutspuren Bens. Die Lufte brannte in ihren Lungen und das Haar verfing sich immer wieder im Gesicht. Sie hatte Angst! Pure Angst! Den Schmerz in den Füssen von den Druckstellen der Schuhe, hatte sie schon lange vergessen. Sie vergass alles, was sich betraf. Sie vergass alles, was Ben und Semir nicht retten könnte. Nun zählte dies. Ein unangenehmes Gefühl machte sich in ihrem Magen breit. Irgendwas sagte ihr, dass dies nicht gut enden würde. Und dieses Gefühl, hatte sie zuvor noch nie gehabt. Auch wenn sie es nicht zeigte, war sie eine Optimistin. Sie glaubte an das Positive. Und nun musste sie einfach noch lernen, dank Herrn Semir Gerkhan, dass das Positive manchmal auch Regeln missachtete, um Menschen zu retten. Sei es auch, den Befehl der eigenen Vorgesetzten zu missachten. "Wehe ihr baut einen Mist, Jungs!", dachte sie laut und zog sich an den Wänden hoch. Der Schmerz in ihren Beinen wurde immer heftiger doch sie ignorierte ihn immer mehr. Ihr Herz schlug heftig gegen den Brustkorb. "Ich lasse euch nicht im Stich!" Sie erschrack, als es zuerst einmal knallte. Sie blieb stehen. Hörte nichts. Absolute Stille. Alles, dachte sie, nur das nicht! Sie lief weiter. Unermüdlich. Die Stufen kamen ihr so unendlich vor und sie fragte sich, wie Ben Jäger dies selbst mit einer Beinverletzung schaffte. Dann knallte es ein zwei Mal und dieses Mal hörte sie Semirs schmerzenden, grellen Schrei.

 

Sanders spürte, wie die Kugel seine Brust durchdrang und der Druck ihn langsam nach hinten zog. Er wollte nach Semir greifen, doch dieser wich zurück. "Ich wollte doch mit dir fliegen", stiess Sanders noch hervor, bevor sein Körper über den Vorsprung fiel und ungespitzt in den Boden rammte. Semir glaubte, sogar die Knochen brechen zu hören, doch tief im Innern wusste er, dass dies eine Illusion war. Er schlug sich die Hand vor den Mund, als er nach unten sah und Sanders zerbersteten Körper erblickte, der mit seinem Blut den Asphalt benetzte."Nein...oh gott, Nein!", stiess er hervor und die Tränen vermehrten sich immer mehr. "Warum? WARUM?" Er kniete zu Boden. "Ich wollte das nicht! Ich wollte das alles nicht!" Er hörte ein leises Stöhnen. Und drehte sich um. Ben liess sich die Wand entlang zu Boden gleiten und hinterliess an der weissen Tapete eine lange, rote Spur. Seine Hand war unter den Brustkorb gepresst. Genau an der Stelle, an dem ihn ein paar Wochen zuvor das Messer durchbohrt hatte. Über ihnen begann es zu donnern und ein greller Blitz erhellte den Himmel. Regentropfen begannen auf den Boden zu fallen. Köln versank in Trauer. Sanders Kugel hatte Semirs Partner durchbohrt. Der sonst schon bleich wirkende Ben, sass auf dem Boden und sah Semir mit traurigem Gesicht an. "Ich wollte das nicht", formte seine Lippen und Semir rannte sofort zu ihm als er sah, wie Ben zur Seite fallen drohte.Sanft fing er ihn auf und betete ihn auf seinem Schoss. Ben zitterte spürbar. Auch aus seinem Mundwinkel floss ein Rinnsal Blut. Semir verzog das Gesicht.

 

"Es ist nicht deine Schuld", stockte Ben hervor, "mach' dir bitte keine Vorwürfe!" Semir schluchzte laut. "Wem seine sonst? Ben...ich will dich nicht verlieren! Bitte!" Ben hob langsam seine Hand, führte sie zu Semirs Brust. "Vertraust du mir?", fragte er schwach, das Blut noch immer dem Mundwinkel entlang fliessend. "Ja ich vertraue dir Ben! Mehr als je zuvor!" Wieder schluchzte Semir auf. "Wieso musst du für meinen Fehler büssen?" Ben antwortete nicht, sondern verdrehte die Augen und schloss sie. "Nein...NEIN!" Semir durchsuchte seine Jacke. Kein Handy. Auch das noch! Er musste es versuchen. "HILFE! Ich braue HILFE!" Seine Stimme überschlug sich, kratzte und brannte im Hals und er verschluckte sich beinahe an den Regentropfen. Er drückte Ben an sich, fühlt seinen Puls. Er war noch da! Ben kämpfte. "Bitte, bitte ich brauche hier Hilfe!" Semirs salzige Tränen vermischte sich mit dem Regen, der auf sein Gesicht tropfte. "Allah", murmelte er leise, "bitte hilf mir! Hilf Ben!", flüsterte er leise und drehte seinen Kopf um, als die Tür wieder aufging.


Kapitel 22

 

Ewige Treue

 

"Gerkhan!", stiess Krüger erleichtert aus, verlor aber jegliche Gesichtsfarbe als sie den bewusstlosen, bleichen Ben erblickte. Wie das Blut in einem Rinnsal den Mundwinkel hinunter glitt und Semir ihm mit der Jacke versuchte, die Blutung zu stillen. Sie kniete neben Semir und nahm ihr Handy hervor. Sie wählte eine kurze Nummer und drückte sich das Mobiltelefon ans Ohr. "Notrufzentrale?", fragte sie nach als abgenommen wurde, "Kim Krüger Autobahnpolizei! Wir brauchen sofort einen Krankenwagen im Industrieviertel beim neuen Hochhaus!" Die Vermittlerin wollte mit Floskeln kommen und Kim beruhigen doch diese erwiderte wütend: "Kommen Sie einfach! Es geht um ein Menschenleben!" Sie hängte auf. "Sanders?" Semir schüttelte mit dem Kopf. "Wir sollten ihn nach unten bringen! Der Aufzug ist ja in Betrieb! Ausserdem wird es im Regen nur noch schlimmer!" Semir war erstaunt über die ruhige Stimme Krügers. Kein Wort des Vorwurfes oder der Wut. Im Gegenteil. Sie war mitfühlend und sanft. In diesem Moment kam Dieter hinauf und seine aufgerissenen Augen quollen beinahe aus den Höhlen. "Sehr gut Bonrath! Wir brauchen Ihre Hilfe!" Dieter verstand sofort und nahm Ben in den Arm. Er war eiskalt. Semir hielt noch immer seine Jacke auf der Wunde gepresst und so gingen sie zu Dritt in den Aufzug. Jede Sekunde zählte und jedem war dies bewusst. Der Aufzug fuhr zur Erdetage und dumpf konnten sie den weit entfernten Krankenwagen hören. "Komm' schon Ben", flüsterte Semir ihm ins Ohr, "halte durch! Ich weiss, dass du es kannst!" Die Fahrstuhltüre öffnete sich und Hotte stand neben Tayfun, der immer noch bewusstlos war. "Oh, mein Gott", stiess er hervor und zog seine Jacke aus, die er sofort zu einem Kissen formte. "Okay, langsam!" Dieter tat wie ihm von der Krüger befohlen und er legte Ben sanft, auf dem Rücken, zu Boden. Und genau in diesem Moment wachte Tayfun auf. Er begann hämisch zu grinsen. "Na sieh mal einer an", er kicherte und bleckte seine Zähne, "da hast du ja den Jackpot gezogen Semir! Einen toten Partner und ehemaligen besten Freund! Besser kann es doch nicht laufen!"

 

Semir stand auf und stampfte auf Tayfun zu. "Halt dein Maul! Halt dein dreckiges Maul! Götdeliyi!" Tayfun lief wutrot an. Semir hatte ihn als Arschloch beschimpft. Das liess er nicht auf sich sitzen. "Du bist doch selbst schuld, hain! Mit deinem Weltverbesserungstrip hast du uns alle verraten!" Semir wollte ausholen doch Kim funkte dazwischen. "Gerkhan nicht!", schrie sie und hatte sichtliche Mühe, Semirs Arm unter Kontrolle zu bringen. "Damit tun Sie nur das, was er will!" Tayfun lächelte diabolisch. "Na los Semir! Prügle mich doch zu Tode! Dann bist du endlich wieder der Semir Gerkhan, den ich kannte!" Bei diesem Satz stoppte Semir abrupt und auch Kim Krüger lockerte ihren Druck. "Dieser Semir Gerkhan ist schon seit langer Zeit gestorben Tayfun! Du bist ein Nichts, lebst immer noch in der Vergangenheit und benimmst dich wie ein Teenager! Einfach nur erbärmlich!" Er spuckte neben Tayfun und ging wieder zu Ben. "Was findest du nur an dem Typen Semir! Was hat der, was ein Tayfun nicht hat hä?" Semir antwortete nicht. Tayfun würde es nicht verstehen. "Der Junge kämpft", sagte Dieter traurig und hatte das Pressen der Jacke auf die Wunde übernommen. Bens Brustkorb hob sich heftig und immer wieder stöhnte er. Der Schmerz war anscheinend sehr stark. "Du musst durchhalten! Bitte, bitte Ben ich weiss, dass du es kannst! Du schaffst das!", sprach Semir seinem bewusstlosen Freund zu. Alle erblickten die flackerten, blauen Lichter der Sirene. "Ich bringe die Notärzte hinein!" Mit diesen Worten stand Kim Krüger auf und lief nach draussen.

 

Der Regen peitschte an ihr Gesicht und sie musste die Augen zusammenkneifen, um den Krankenwagen zu sehen. Sie winkte hektisch mit den Armen und die rot uniformierten Sanitäter folgten ihrem Chef, dem Notarzt. Sie hatten die Trage und den Notfallkoffer dabei. "Wie sieht's aus?" fragte er und zu seiner Überraschung antwortete Kim Krüger schnell. "Schussverletzung unter dem Brustkorb. Ausserdem eine tiefe Schnittwunde im Oberschenkel!" Der Arzt drehte seinen Kopf zu einem der Sanitäter. "Bereite schon mal die Kochsalzlösung vor!" Er nickte und blieb zurück. "Ist er ansprechbar?" Krüger schüttelte mit dem Kopf. "Er ist bewusstlos", sie gingen in die Halle, "aber er atmet und sein Puls rast!" Sie kamen an der Gruppe an uns die drei Männer machten sofort Platz für die Helfer. Wie Aasgeier beugten sie sich über Ben und Semir wich zurück. Er versteckte sein Gesicht in den Händen und schüttelte mit dem Kopf. Krüger sah dies. "Herzberger, Bonrath?" Die Angesprochenen sahen sich an. "Bringen Sie Tayfun zurück ins Gefängnis. Und dann, lassen Sie sich von einem Arzt untersuchen Bonrath okay?" Der Angesprochene nickte und die Beiden entfernten sich. "In welches Krankenhaus wird er verlegt?" fragte Krüger laut und einer der Sanitäter antwortete knapp mit einem "Marienkrankenhaus!". "Kommen Sie Gerkhan", sie nahm Semirs eine Hand, "gehen wir schon mal! Hier können wir nichts mehr tun!" Wie in Trance nickte Semir und folgte ihr zum Wagen, wo eine Verstärkung anrückte, da die Nachbarschaft Schüsse hörte.

 

Semir stieg in den Wagen und schnallte sich an. Er sagte nichts. Kim tat es ihm gleich und startete den Motor. "Soll ich noch jemanden abholen?", fragte sie und Semir schüttelte mit dem Kopf. "Seine Schwester ist in den Flitterwochen und sein Vater auf Geschäftsreise, ich werde sie anrufen müssen!" Krüger seufzte. "Ich kann das auch übernehmen", schlug sie vor da sie sah, wie schwer dies Semir fiel. "Das würden Sie tun?" Sie nickte mit einem tröstenden Lächeln. "Jäger schafft das Gerkhan! Sie Zwei haben etwas was ich noch nie zuvor gesehen habe!" Semir zog fragend eine Augenbraue hoch, als Kim ihn ein kurzer Blick schenkte. "Ewige Treue! Ich hatte noch nie so eine intensive Partnerschaft gesehen! Ich will nicht, dass dies endet Gerkhan! Und ich denke, Jäger will das genau so wenig! Er kämpft! Und wir müssen nun an ihn glauben!" Mit diesen Worten bog sie in die Einfahrt des Krankenhauses ein.


Kapitel 23

 

"Es tut mir so leid!"

 

Seit drei Stunden sass Semir schon auf der Wartebank vor dem OP-Saal. Ganz alleine. Andrea wollte zwar zu ihm, doch riet er ihr, bei Aida zu bleibe, da die Kleine ihre Eltern schon zu lange nicht gesehen hatte. Die Gefahr von Entfremdung bestand bei Kindern in Aidas Alter weiterhin und das wollte der Deutschtürke nicht riskieren. Seine Tochter war ihm wichtig und er wollte sowieso gerade alleine sein. Niemand sollte sehen, wie die Tränen unentwegt seine Wangen hinunterflossen und er vor Angst und Schock immer noch zitterte. Sanders Satz hallte in seinen Ohren. "Ich wollte doch mit dir fliegen!" Er sah vor seinen Augen den enttäuschten Gesichtsausdruck. Er musste ihn vergessen! Sanders war nun Vergangenheit! So schwer es zu glauben war. Semir atmete tief durch und stand auf. Lief nervös auf und ab, trotz dem leichten Kribbeln in den Beinen. "Warum dauert das so lange?", fragte er sich selbst und rieb sich übers Gesicht. In seinem Kopf hämmerte es tierisch. Doch das war nicht wichtig. Ben war wichtig! Sein Partner, der nun im OP-Saal auf diesem kalten Tisch lag und operiert wurde. Als er vom Messer verletzt wurde, dauerte die Operation nur eine Stunde, da nichts wichtiges verletzt wurde. Doch nun wartete Semir schon mehr, als das Doppelte ab. Und das, machte ihn noch nervöser als sonst. "Das kann doch nicht sein! Irgendwas stimmt nicht", flüsterte er leise und sah auf, als er das Klackern von Schuhen hörte. Krüger, mit ernstem Gesicht, kam auf ihn zu. Sie hatte die Jägers informiert. "Und?", fragte Semir ungeduldig und die Chefin seufzte schwer. "Julia Jäger sitzt in Mexico mit ihrem Mann fest. Da bei ihm der Verdacht auf die Schweinegrippe vorliegt. Und Konrad Jäger kann ich nicht erreichen! Sein Handy ist ausgeschaltet!" Semir stöhnte und sah ihren Blick. Er schüttelte mit dem Kopf. Krüger verschränkte die Arme und atmete tief aus.

 

"Was ist mit Tayfun?" Auf Semirs Frage hin schüttelte Kim Krüger fassungslos mit dem Kopf. "Er hat einfach alles gestanden! So haben es jedenfalls Herzberger und Bonrath erzählt! Er ist amüsiert über seinen Triumph Gerkhan! Und beinahe hätten Sie ihm diesen vollkommen gegönnt!" Semir nickte reuig. "Ich weiss...", flüsterte er und Krüger setzte sich. Sie tippte auf den Sitz neben sie und Semir tat wie ihm befohlen. "Sie werden mich wohl suspendieren oder?" Stille. Sie sagte nichts. "Das liegt nicht in meiner Hand", sagte sie dann nach langer Zeit und Semir zog die Augenbrauen hoch. "Wessen dann?" Seine Stimme war tränenerstickt. "Ich überlasse Ben Jäger die Entscheidung! Ich habe nicht alles mitbekommen Gerkhan und ich befürchte, alles werde ich auch nie erfahren!" Semir wollte etwas erwidern, doch sie hob mahnend den Zeigefinger. "Ich habe recht! Und das wissen Sie genau! Ich darf Sie an unser erstes Treffen erinnern?" Semir schluckte. "Falls es zum Allerschlimmsten kommen sollte, befürchte ich, dass sie freiwillig gehen werden, nicht wahr?" Semir nickte. "Noch mal einen neuen Partner, noch mal an einem Grab stehen, dass schaff ich einfach nicht mehr!" Krüger traute sich kaum, doch legte sie eine Hand auf die zitternde Semirs. "Sie sind eine Person von starker Persönlichkeit Herr Gerkhan! Viele Leute wünschten sich, einen Freund wie Sie zu haben! Sie können das! Aber ich denke, so weit wird es nicht kommen!"

 

Sie warteten noch eine weitere Stunde. Dann schlug die Türe auf und eine Frau von zärtlicher Statur kam im weissen Kittel heraus. Sie hatte sich bereits gewaschen. "Sie sind?", fragte sie verwundert und Kim Krüger stand auf. "Kim Krüger, Autobahnpolizei. Ich bin Herrn Jägers Vorgesetzte", sie wies auf Semir, "und das ist Herr Gerkhan. Sein Partner!" Semir stand auf. "Wie geht es ihm?" Die Ärztin seufzte. "Das Geschoss ist an einer Rippe abgeprallt und steckte einen Zentimeter neben dem Herzen. Die Lunge wurde verletzt und eine Aterie war gerissen. Die Beinwunde war sehr gut versorgt gewesen. Jedoch erlitt Herr Jäger während der Operation einen Herzstillstand. Wir haben ihn in die Intensivstation gebracht und hoffen, dass er es schafft." Semir atmete schnell durch. Kim Krüger schien ruhig zu bleiben. "Wo sind seine Verwandten?" Sie erklärte der Ärztin die Situation und zog aus ihrer Tasche ein Blatt Papier. "Es ist von Julia Jäger, der Schwester Ihres Patienten! Eine Einverständniserklärung, dass Herr Gerkhan zu Herrn Jäger darf." Semir und die Ärztin zugleich, weiteten ihre Augen. Doch nickte die Heldin in weiss. "Okay, ich werde Herrn Gerkhan zu ihm bringen!" Kim Krüger nickte dankend. Semir ging der Ärztin nach, sah aber noch einmal zu seiner Chefin zurück und formte ein kleines "Danke" mit seinen Lippen. Sie winkte ihm nach.

 

Vor dem Zimmer, blieben sie stehen. "Sie müssen diese Dinge hier tragen!" Sie überreichte Semir den grünen Kittel und ein Haarschutz. "Reden Sie mit ihm Herr Gerkhan! Er muss wissen, dass Sie an ihn glauben!" Semir nickte und öffnete die Tür, nachdem sich die Ärztin verabschiedet hatte. Sein Herz blieb beinahe stehen. Ben hatte jegliche Gesichtsfarbe verloren. Seine Augenlider waren blutunterlaufen. Das Haar, hatte keinen Glanz mehr. Durch einen dünnen Schlauch in einem der Nasenlöcher, wurde er beatmet. Das EKG, gab immer wieder kleine, schwache, piepsende Geräusche von sich. Durch eine Armbeugenkanüle, erhielt Ben Blut. Eine Andere, die im Handrücken steckte, versorgte ihn mit Medikamenten. Semir schritt langsam ans Bett. Er setzte sich auf einen Stuhl, rückte ran und nahm Bens verbundene Hand mit der Kanüle im Handrücken. "Du bist ein Dummkopf Semir Gerkhan...", beschimpfte er sich selber, "Du hast den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen!" Wieder flossen die Tränen über seine Wangen. "Ben es tut mir so leid..." schluchzte er und legte seinen Kopf auf die Kombination von seiner und Bens Hand, die er noch immer fest umklammerte, "Es tut mir einfach so leid..."


Kapitel 24

 

Wichtige Worte

 

Der nächste Tag brach an und Semir spürte die Sonnenstrahlen in seinem Nacken. Er war an Bens Seite eingeschlafen. Mit einem Murren richtete er sich auf und liess die Sonne ein wenig ins Zimmer scheinen. Er sah zu Ben, die Augen waren noch immer geschlossen, doch der Brustkorb hob sich ruhiger und stetiger, als noch in der Nacht. Jedoch hatte sich Schweiss auf der Stirn gebildet und Semir überprüfte Bens Temperatur. Sie war leicht erhöht, aber nur leicht. So musste sich Semir ermahnen, die Visite der Arztes abzuwarten, da er nicht bei jeder Besorgnis gleich den Doktor rufen wollte. Ausserdem wollte er noch eine Weile allein sein. Über die Ereignisse nachdenken, die geschehen waren. Dass er Ben geschlagen hatte, klebte wirklich in seinem Gehirn. Natürlich war er durch die Gehirnerschütterung leicht beeinflussbar gewesen zu diesem Zeitpunkt, aber es war keine Ausrede. Er hatte sich von seinen Gefühlen leiten lassen. Eine schreckliche Erfahrung. Er musste also noch immer dazu lernen. Noch immer erfahren, dass er noch nicht alle Grenzen erreicht hatte. Er atmete tief durch und nahm Bens Hand. Sie fühlte sich ein wenig wärmer an, war aber noch immer kühl. "Du siehst echt furchtbar aus", murmelte er und lächelte leicht, "wenn dich deine Verehrerinnen so sehen würden. So unattraktiv und lasch." Er wollte fortfahren, doch ging die Türe auf und die Ärztin trat hinein. Sie hatte den letzten Teil mitbekommen und hatte ein Lächeln im Gesicht. "Sie machen das gut, Herr Gerkhan!", lobte sie und schob die Tür weiter auf. "Herr Jäger hat noch weiteren Besuch bekommen!" Semir zog verwirrt eine Augenbraue hoch. Wer konnte das bloss sein?, fragte er sich in Gedanken und als die Person eintrat, schnürte es die Organe in ihm zusammen.

 

Konrad Jäger trat in das Zimmer und sah mit weiten Augen zu seinem Sohn. "Herr Jäger", stiess Semir hervor und stand auf. Sie gaben sich die Hand. Die Ärztin ging zu den Maschinen und füllte ein Formular aus. "Frau Krüger hat mir alles erzählt." Die Stimme von Bens Vater war tief und emotionslos. Semir seufzte schwer. "Es tut mir wirklich von Herzen Leid Herr Jäger, ich..." Semir konnte nicht weiter. Zwar waren seine Tränen versiegt, doch die Schuldgefühle und die Trauer liessen ihn verstummen. Jäger sagte nichts, sondern sah zur Ärztin. Diese spürte den Blick und drehte sich um. "Es sieht nicht schlecht aus. Die Lungenfunktionen werden immer besser! Ich bin optimistisch. Vielleicht wacht Ihr Sohn bereits im Laufe dieses Tages wieder auf." Sie ahnte, dass diese beiden Männer etwas zum besprechen hatte, also ging sie aus dem Zimmer und schloss die Türe hinter sich zu. Jäger blieb ruhig, zur Semirs Verwunderung. "Sie hatten meinem Sohn geholfen, meine Tochter zu retten, ihr Leben dafür aufs Spiel gesetzt. Sie haben viel für die Familie Jäger getan Herr Gerkhan. Mein Sohn hat mir, nach unserer Versöhnung, viel von Ihnen erzählt und hatte nur Lob für Sie übrig!" Semir schluckte schwer. "Was immer auch nebenbei geschehen ist, ich will so ehrlich sein, ich will's nicht wissen! Ben hatte recht, es ist sein Leben! Und ich sollte da nicht mehr reinpfuschen. Ein 30-Jähriger weiss langsam, wie er sein Leben führen will."

 

Semir war über die Worte sehr erleichtert. Nur ungern hätte er von dem Streit und dem Schlag erzählt. Dies war wirklich eine Sache, die er und Ben alleine klarstellen mussten. "Ihr Sohn ist ein wahrer Kämpfer Herr Jäger! Und ich kann Ihnen versichern, dass auch ich nur Lob für ihn habe. Aber bitte, sagen Sie ihm das nicht!" Ein sanftes Lächeln umspielte die Lippen von Bens Vater. "Dann behalten Sie bitte für sich, dass ich es Ihnen gesagt habe!" Semir nickte. Jäger ging zu seinem Sohn und beugte sich vor. "Ich weiss dass du es kannst mein Sohn! Du bist wie deine Mutter! Stark und rebellisch!" Er sah zu Semir. "Gönnen Sie sich was Herr Gerkhan! Bitte. Ich verstehe dass Sie hier bleiben werden aber bitte, genehmigen Sie sich was! Es tut Ihnen gut! Ausserdem wartet, so viel ich mich entsinne, Ihre Frau unten! Zusammen mit Ihrer Tochter." Diese Worte liessen Semir aus dem Zimmer verschwinden und in die Einganslobby rennen. Andrea stand am Empfang und sah zu Semir, nachdem Aida glucksend auf ihn aufmerksam gemacht hatte. "Papa!", rief sie begeistert, "Papa, Papa!" Andrea liess ihre Tochter los und sie rannte im Eiltempo, so weit es ihre kurzen Beine erlaubten, auf ihren Vater zu. Semir hob sie hoch und drückte sie fest an sich. "Mein kleiner Schatz", begrüsste er sie und sah zu seiner Frau. "Frau Krüger hatte mich informiert." Ihre Stimme war leise und betrübt. "Wie geht es Ben?" Semir antwortete ihr, dass die Funktionen sich ein wenig verbessert hätten.

 

"Es war also wirklich Kevin?" Semir nickte und biss sich auf die Unterlippe. "Er ist nicht mehr und das ist besser so", murmelte er und Andrea schüttelte mit dem Kopf. "Sag' so was nicht. Niemand hat den Tod verdient und das weisst du! Natürlich war es schrecklich was er getan hat aber, behalte ihn doch so in den Erinnerungen, wie du ihn kanntest!" "Wie soll ich das anstellen, wenn er meinen Partner beinahe umgebracht hätte und eines der Urgesteine der Wache gequält und geschlagen hat?" Andrea fiel nichts zum Erwidern ein. Sie seufzte. "Tut mir leid Schatz." Semir gab ihr als Entschuldigung einen Kuss und sie fuhr ihm mit der Hand über die Wange. "Alles wird gut, ich kann es dir immer wieder nur sagen Semir! Ich weiss dass es gut kommt! Vertrau einfach meinem mütterlichen Instinkt!" Semir musste lächeln und setzte Aida auf den Boden um seine Frau mit aller Zärtlichkeit zu umarmen und ihr einen leidenschaftlichen Kuss zu geben.


Kapitel 25

 

Sana inanıyorum

 

Konrad Jäger sass am Bett seines Sohnes und hielt eine Hand fest umklammert, so wie es Semir schon zuvor gemacht hatte. Er fühlte sich in die Zeit versetzt als er am Bett seiner Frau sass und mitansehen musste, wie sie langsam starb. Ein schreckliches Gefühl. Seitdem dies geschehen war, hatte er immer ein ungutes Gefühl im Krankenhaus. Ständig musste er sich einreden, dass die Ärztin schon eine Besserung feststellen konnte. Ja, dass Ben vielleicht schon aufwachen würde, sogar dies schloss sie nicht aus. Also Konrad, dachte er, ruhe bewahren! Er musste vorallem an sein Herz denken, dass nicht mehr das Jüngste war und im Laufe der Jahre immer schwächer wurde. Er hätte eine solche Verletzung nicht überlebt. Das war ihm bewusst. Er sinierte noch weiter so vor sich hin, als plötzlich die Finger Bens sich leicht bewegten und Konrads Hand umschlossen. Schnell richtete der Millionär seinen Blick auf seinen Sohn, dessen blutunterlaufenden Augenlider flackerten. Langsam öffneten sich die Augen. "Ben", jauchzte Konrad erleichert. Jedoch hielt er seine Lautstärke in Grenzen. "Papa?", fragte Ben leise, doch konnte man die Verwunderung in seiner Stimme hören. "Deine Chefin hatte mich informiert...Gott bin ich froh!" Ben wagte es nicht, seinen Kopf zu bewegen. Sein ganzer Körper war wie blei und liess sich nicht bewegen. In seiner Brust schmerzte es höllisch. Doch war er klar genug bei Verstand um zu bemerken, dass etwas fehlte. "Wo ist Semir?" Konrad musste lächeln. "Unten in der Lobby. Er hat die ganze Nacht an deinem Bett gesessen. Weisst du, was passiert ist?" Ben schloss die Augen und nickte. Und wie er wusste, was geschehen war. Vor seinen geschlossenen Augen präsentierte sich das Bild von Semir, der auf dem Vorsprung stand und Ben mit grossen Augen angesehen hatte. "Wie geht es ihm?" Konrad fuhr durch das Haar seines Sohnes. "Das wird der dir selber sagen können." Er stand auf und fuhr Ben noch einmal über die Hand. "Ich werde ihn holen okay?" Ben nickte langsam und sah, wie sein Vater aus dem Zimmer ging.

 

Ben hob langsam seine Hand mit der Kanüle im Handrücken und betrachtete seine käsige Haut, die dem Verband beinahe Konkurrenz machte. Die Sonne schien in sein Zimmer. Es musste also aufgehört haben zu regnen. Seine Augen brannten, das Atmen fiel ihm schwer und er fühlte sich einfach wie ein gerupftes Huhn. Es musste schlimm um ihn gestanden haben, da er das Piepen des EKGs neben sich hörte. Was wohl mit Sanders war? Denn als der Schuss ihn durchbohrt hatte, bekam er kaum noch was von der Welt mit. Alles war damals nur ein dunkler, dichter Nebel gewesen, in dem Semirs Stimme noch knapp zu ihm durchgedrungen war. Semir, bald würde er also in das Zimmer treten. Wie er seinen Partner kannte, würde der Deutschtürke sich lauter Vorwürfe machen. Doch Ben wollte dies nicht zulassen. In jeder Freundschaft gab es mal ein Tief. Und dieses war ihres gewesen. Ben hatte zwar recht behalten, doch wollte ein Triumphgefühl in ihm nicht aufsteigen. Im Gegenteil. Zum ersten Mal in seinem Leben hasste er es, sich nicht getäuscht zu haben. Die Türe schwang auf und Ben versuchte seinen Kopf zu drehen. Vergebens. Doch anstatt mehrer Personen, hörte er nur die Schritte einer. Es waren kurze Abstände und er wusste genau, wem diese Gangart gehörte.

 

"Partner", stiess Semir glücklich aus, doch traute er sich nicht, sich ihm zu nähern. "Willst du an der Tür versauern?" Auf Bens Frage hin näherte sich Semir und setzte sich neben das Bett. "Wie fühlst du dich?" Ben lächelte. "Als wäre ein Panzer über mich gerollt!", gestand er und Semir nickte verständlich. "Ben...ich...", wollte er beginnen doch Ben hob, so schnell wie es sein Körper erlaubte, seine Hand und legte sie auf Semirs Mund. "Mach hier jetzt keinen auf "Dramaqueen"!", mahnte er und Semir schluckte. "Semir, was geschehen ist, ist geschehen, wir können es einfach nicht ändern. Und das Beste an Männerfreundschaften ist, man verzeiht schnell, nicht wahr?" Semir stimmte zu. "Also lass' die dämlichen Schuldgefühle und sieh' nach vorne!" Erschöpft zog Ben seine Hand zurück und atmete ein paar Mal tief durch. "Ben...Kevin ist tot...", begann Semir stockend und wartete auf eine Reaktion ab - die nicht folgte, "endgültig aus dem Leben geschieden!" Ben holte Luft. "War es mein Schuss?" Semir nickte. "Das wollte ich nicht." Semir riss die Augen auf und schüttelte mit dem Kopf. Er nahm Bens Hände. "Das weiss ich! Du musstest das tun, was du tun solltest! Ohne dich wäre ich nicht mehr am Leben Ben!" Ben zitterte leicht, dass spürte Semir genau. "Ich bin nicht auf dich sauer Ben! Gib' mir einfach Zeit, das Ganze zu verstehen!" Nun hatten sich in Semirs Augen wieder die Tränen versammelt. Ben hob seinen Arm, legte eine Hand auf Semirs Hinterkopf und legte die Stirn seines Partners auf die seine.

 

"Du hast alle Zeit der Welt", flüsterte er dem Deutschtürken ins Ohr und dieser schluchzte. "Es tut mir wirklich so leid", stockte Semir und Ben nickte leicht. "Mir auch Partner", erwiderte er und liess Semir in dieser Position verharren und weinen. Den ganzen Schmerz liess der Deutschtürke heraus. Die Angst, die Wut, die Trauer, alles hatte sich vermischt und kam nun aus ihm heraus. Ben konnte ihn am besten verstehen. Nach Saskias Tod fühlte er genau so und wusste, dass Semir nun Zeit brauchte. Semir atmete tief durch und lächelte leicht. "Danke dass du nicht gegangen bist." Ben verpasste Semir eine schwache Kopfnuss. Semir zuckte kurz. "Danke dass du an mich geglaubt hast." Semir löste sich aus der Haltung, setzte sich wieder gerade und strich sich kurz die Tränen aus den Augen. "Sana inanıyorum", sagte er und Ben sah ihn fragend an. "Ich glaube an dich", übersetzte Semir und Ben lächelte. "Gleichfalls Partner", sagte er und blickte auf, als sich die Türe wieder geöffnet hatte. Andrea und Aida, betraten den Raum. "Oh Ben", flüsterte Andrea leise und gesellte sich mit Aida an die andere Seite des Bettes. Semirs Tochter griff nach Ben und Andrea beugte sich mit ihr über ihn. "Benben!", brabbelte sie besorgt und Ben lächelte. "Alles okay Aida", krächzte er nun mit heiserer Stimme, "Benben wird bald wieder mit dir Bobbycar fahren gehen!" Andrea nahm sich einen Stuhl, nahm ihre Tochter auf den Schoss und umarmte sie fest. "Bin ich froh", sagte sie leise. "Ben, wenn du unsere Hilfe brauchst, melde dich bitte einfach immer!" Ben nickte dankend und sah zu Semir. "Gönn' dir eine Auszeit Partner! Ich bin hier ans Bett gefesselt für eine Weile, aber du kommst weg. Fahr' eine Weile weg aus Deutschland. Das lässt dich sicher vergessen!" Semir sah zu Andrea, die Ben zustimmte. "Ich werde wie gesagt hier bleiben und ein Auge auf ihn legen. Du brauchst nun Abwechslung und Zeit zum nachdenken!" Semir sah zu Boden. "Ihr habt ja recht", gab er leise zu, "ich werde Mal eine Weile weggehen. Aber ich komme zurück!" Ben hob eine Augenbraue. "Soll das eine Drohung sein?", fragte er provozierend und Semir nickte. "Verlass' dich drauf!"

 



[1] Türkisch für „Verräter“

 

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13.07.2009 - Die Geschichte "Alte Zeiten" wurde hinzugefügt.