Ich habe keinen Angst vor dem Tod. Doch für eine geliebte Person zu sterben,
scheint mir der ehrsamste Tod, den es gibt.
Adriano Scolari

 

Es war Mittag, als die Sonne sich endlich durch die dicken Wolken zeigen liess und ihre schönsten Strahlen auf Köln gab. Ben fuhr mit seinem Mercedes durch die Stadt und machte sich zur Universität auf. Er hatte, vor dem Beginn seiner Schicht, noch einen Termin. Er parkte seinen Wagen auf dem Besucherparkplatz und ging in die grosse Halle. Dort sprach ihn eine junge Frau an. "Herr Jäger?" fragte sie nach und Ben nickte. "Ah sehr gut! Sie werden erwartet. Ich soll Ihnen den Weg zur Kantine zeigen!" Ben nickte dankend und liess sich von der attraktiven Blondine leiten. Sie öffnete die Schiebetür zur Kantine und diese war noch ziemlich leer. Sie wies auf einen Tisch, wo ein attraktiver Mann in seinem Alter sass. "Ich danke Ihnen", sagte Ben freundlich und das Mädchen verabschiedete sich mit einem Lächeln. Ben ging auf den Tisch zu und sah, wie der Mann geistesabwesend in einer Zeitung las. "Lässt du schon sexy Blondinen auf mich losgehen?" fragte Ben mit einem Grinsen und der Mann erschrak. "Herrgott!" steiss er hervor und stand auf. Sie umarmten sich und klopften sich auf die Schulter. "Schön, dass du's einrichten konntest!" sagte der Mann und Ben lächelte. "Für dich doch immer Adriano!" Adriano Scolari, 32 Jahre alt. Bens bester Freund aus der Schulzeit und dass, obwohl sie zwei Jahre auseinander waren. Doch Adriano hatte Ben in der ersten Klasse vor Prügelknaben gerettet. Und nach diesem Ereignis entwickelte sich eine wunderbare Freundschaft.

 

"Es haben es halt nicht alle so schön wie du", begann Ben und setzte sich, "Dozent und Kriminalpsychologe!" Adriano lächelte ein wenig verlegen und Ben winkte ab. "War'n Scherz! Semir konnte uns für die Spätschicht anmelden! Ich hatte ihm erzählt, dass ich dich treffen will und so konnte er es einrichten!" Adriano lächelte und winkte eine Kantinenmitarbeiter zu sich. "Könntest du für den werten Herrn einen Kaffee bringen? Mir wie immer einen Espresso!" Sie nickte und entfernte sich. "Ich dachte, du wolltest nur kurze Zeit dort sein?" Ben grinste und zuckte mit den Achseln. "Ich weiss. Aber ich kann Semir unmöglich alleine lassen. Ausserdem, ist es viel spannender, als ich es mir vorgestellt hatte." Adriano zog eine Augenbraue hoch und seine Mundwinkeln zuckten hoch. "Kann es sein", begann er und Ben sah ihn an, "dass du in Semir Gerkhan einen guten Freund gefunden hast?" Ben lächelte warm und nickte, ohne zu zögern. "Er stand mir, neben dir, sehr bei als ich Saskia verloren habe. Er hatte mir frei gegeben, mich besucht. Und das, obwohl wir uns damals noch kaum kannten." Adriano nickte und faltete die Hände. "Du brauchst so einen Partner Ben! Und ich war nie der Kerl für's grobe!" "Ausser an dem Tag, an dem du mich gerettest hast", erwiderte Ben und Adriano zeigte auf ihn. "Ausser an dem Tag, an dem ich dich gerettet habe", stimmte er zu und lächelte.

 

Die Kellnerin kam mit den bestellten Sachen und stellte sie auf den Tisch. "Ich habe gehört, deine Schwester ist unter der Haube!" Ben grinste und wies auf sich. "Ich bin nun ein Schwager! Echt saukomisches Gefühl, sage ich dir!" Adriano lachte. "Wart erst mal ab! Onkel sein ist noch viel schwieriger!" Bens Augen rissen weit auf. "Hey, ich passe schon manchmal auf Aida, Semirs Tochter, auf!"
"Als Training so zu sagen!" scherzte Adriano und Ben musste lachen. "Man wird es sehen!" sagte er und nahm einen Schluck seines Kaffees. "Wie haben dich die Schüler eigentlich aufgenommen?" "Positiv, muss ich sagen! Ich habe ja den alten Kaiser abgelöst, der nun in Rente ist. Das Feedback des Rektors nach einer Umfrage, war jedenfalls zufriedenstellend." Ben verdrehte die Augen. Wenn Adriano "zufriedenstellend" sagte, war es so gut wie perfekt. Doch der Sohn italienischer Einwander, war niemals richtig zufrieden. "Jetzt freu dich doch mal drüber, Mensch!" mahnte Ben und Adriano zuckte mit den Schultern. "Ich komme eben nicht aus meiner Haut!"

 

Er lief zu seinem Spint. Bald war es soweit. Bald konnte er es tun. Er blickte zu der kleinen Stofftüte und fasste sie an. Er spürte das kalte Metall. Bald, Junge, dachte er sich, bald. Bald würden alle, die dich ausgelacht haben, nicht mehr auslachen. Nein - sie würden dich respektieren! Sie würden angst vor dir haben! Vor dir niederknien! Dann würden sie es bereuen! Sie würden sich entschuldigen, um Gnade flehen, damit du sie nicht fertig machst. Du würdest ihnen zeigen wie es war, als sie dasselbe mit dir gemacht haben! Bald Junge, Bald!
Er nahm die Tüte aus dem Raum und hörte die Klingel. Studenten stürmten aus den Räumen, zu ihren Spinten. Alle wollten zu der Kantine! Mittagessen stand an! Und dort, konnte er seine Rache vollziehen!
"Wann hast du eigentlich wieder Dienst?" fragte Adriano und Ben sah auf die Uhr. "In einer Stunde", sagte er und Adriano lächelte. "Dann können wir ja noch ein bisschen plaudern!" sagte er mit einem Lächeln und nahm einen, kleinen Schluck seines Espressos. "Wohnst du eigentlich noch immer alleine?" fragte Ben und Adriano nickte. "Kriminalpsychologe scheint wohl nicht ein attraktiver Beruf zu sein. Als verruchter, dreckiger, Hauptkommissar hat man's da anscheinend leichter!" scherzte Adriano und Ben zog eine Augenbraue hoch. "Ich habe auch keine Freundin, was soll ich denn da sagen?" Adriano lachte. Es war ein angenehmes Lachen denn seine Stimme war wunderschön tief. Kinder hätten an seine Erzählerstimme freude gehabt! "Du hast recht! Wir beide sind verzweifelte Kommissare." "Desperate Inspectors sozusagen", scherzte Ben und wieder mussten die Beiden lachen. In diesem Moment ging die Türe auf und lauter Studenten traten in den Raum. "Owe", begann Adriano und Ben sah sich um, "Mittagszeit!" Ben nickte zustimmend und sah sich die Zukunft der Kriminologie an. Junge, angagierte Leute die sich um die Gerechtigkeit kümmern wollten. "Und deine Klasse? Wie ist sie so?" Adriano lächelte. "Nett, aufmerksam - nur jemand kommt mir komisch vor", murmelte er und Ben sah ihn eindringlich an. "Mobbt er dich?" Adrianos Kopf schoss hoch. "Gute Güte, nein!" winkte er ab und verschränkte die Arme. "Ich denke eher, er wird gequält. Seine Noten sind ausgezeichnet, aber im Unterricht meldet er sich nie und ausserhalb der Stunden, spricht er nicht." Ben nickte. "Also ein Einzelgänger", stellte er fest und Adriano nickte.

In diesem Moment donnerte es und das Einschlagen einer Kugel in die Decke war hörbar. "Alle auf dem Boden!" schrie eine hellen Jungenstimme und Bens Augen rissen sich auf. Er sah eine Glock, einer der gefährlichsten Handfeuerwaffen der Welt, in der Hand eines Vermummten. Schreie von Mädchen waren zu hören, doch taten alle wie befohlen. Nur zwei blieben stehen. Adriano und Ben. Der Hauptkommissar hatte seine Waffe gezogen und richtete sie auf den Jungen. "Sind Sie verrückt?" schrie die Stimme und Ben sah zu seinem Freund. "Waffe runter oder es knallt", zischte Ben dann und die Stimme schappte sich eine der Schülerinnen. "Sie wollen schiessen? Nur zu!" Ben und Adriano atmeten hörbar ein und der Autobahnpolizist ergab sich. Er legte die Waffe zu Boden und schob sie weg. "Sehr brav und nun, runter mit euch! Hände hinter den Kopf!" Ben tat wie ihm befohlen. Doch Adriano, blieb stehen. "In die Knie!" schrie der Junge doch der Deutschitaliener regte sich nicht. "Geh auf den Boden Adi!" zischte Ben, doch wieder nichts. "Adi bist du total plemplem?"

Semir betrat das Büro und begann sich einzurichten. Er startete den Computer, zog sich die Jacke aus und ging dann zu Susanne. "Hast du was?" fragte er und die Kriminalbeamtin schüttelte mit dem Kopf. "Es muss nicht jeden Tag was geschehen Semir! Meinst du nicht auch?" Der Deutschtürke lächelte und zwinkerte mit dem Auge. "Natürlich nicht." In diesem Moment trat Kim Krüger aus dem Büro und sah Semir an. "Herr Gerkhan, ich hätte eine Bitte an Sie." Nach anfänglichen Schwierigkeiten verstanden sich Krüger und Semir besser. Es war nicht die perfekte Geschäftsbeziehung, aber man respektierte sich. "Was denn?" Frau Krüger winkte Semir zu sich ins Büro und sofort wurde getuschelt.
"Also, was kann ich für Sie tun?" Kim Krüger setzte sich und faltete die Hände. "Es geht um den Sohn einer befreundeten Polizistin. Er studiert Krimonologie an der Universität hier in Köln. Allerdings", sie stockte. "Allerdings?" fragte Semir nach und sie atmete nochmals tief durch. "Allerdings ist er sehr verschlossen und depressiv geworden. Ich bin seine Patentante Herr Gerkhan und, ich hatte ihn noch nie so erlebt!" Sie sah auf. "Ich habe gehört, Bens Schulfreund, Herr Adriano Scolari, der Klassenlehrer meines Patenkinders, ist sehr begabt und könnte meinem Sohn vielleicht helfen."
"Sie möchten, dass wir Herr Scolari darum bitten, mal mit ihm zu reden?" Krüger nickte. Als Vater, kannte Semir nur eine Antwort auf diese Bitte. "Selbstverständlich Frau Krüger!" antwortete er und die neue Chefin atmete erleichtert auf. "Danke, dass bedeutet mir sehr viel!"
"Hast du nicht gehört! Runter!" Adriano sah zu Ben, den ihn eindringlich ansah. "Okay, schon gut!" murmelte der Kriminalpsychologe und kniete hinunter. "Sag mal was ist denn in dich gefahren?" zischte Ben und Adriano sah den vermummeten Jungen ernst an. "Erinnerst du dich an den stillen Jungen von dem ich dir erzählt habe?" Ben nickte. "Sicher, ist ja auch erst ein...moment Mal!" schaltete der Hauptkommissar und Adriano nickte. "Das ist er!" bestätigte er und Ben sah Adriano an. "Wie heisst er?" Ben erschrak, als ihn den Lauf der Waffe ins Gesicht traf und sein Gesicht nach hinten schoss. An seiner Stirn bildete sich sofort ein blauer Fleck. "Klappe!" schrie er und Adriano beugte sich sofort zu Ben. "Alles in Ordnung?" fragte er besorgt und Ben nickte. "Geht schon!" stiess er hervor und hielt sich die schmerzende Stelle. "Ich will mit Kim Krüger sprechen!" Bei diesem Namen weiteten sich die Augen. "Kennst du sie?" flüsterte Adriano und Ben nickte. "Das ist meine Chefin!"
"Könnt ihr nicht die Klappe halten?" schrie der Junge und zeigte mit der Waffe auf Ben und Adriano. "Einfach die Fresse halten!" Ben richtete sich leicht auf. "Ganz ruhig Kleiner! Wir halten schon die Füsse still", beruhigte Ben und in diesem Moment schoss einer der Lehrer auf. "Ich lasse nicht zu das sie...!" Der Junge schoss und aus dem Hinterkopf des Mannes spritzte Blut. Tödlich getroffen, ging er zu Boden.

Ein lautes Geschrei ging durch den Raum und Bens Augen weiteten sich. "Heillige Scheisse!" stiess er hervor und Adriano begann zu zittern. Er hatte noch nie einen Menschen sterben sehen. Im Gegensatz zu seinem besten Freund. "Er hat ihn getötet! Er hat ihn getötet!" flüsterte Adriano entsetzt und Ben tippte ihn an. "Bekomm jetzt bitte keine Panik Adriano. Du bist der Kriminalpsychologe, du musst handeln, wenn die Zeit gekommen ist!" Adriano nickte und sah, wie der Junge mit er Waffe überall hinzeigte. "Schnauze! Haltet eure Schnauze!" rief er und Leute, die einigermassen noch bei Sinnen waren, versuchten die panischen Leute zu beruhigen. "Das ist ein reiner Albtraum", stockte Adriano hervor und Ben näherte sich seinem Freund. "Keine Angst, alles wird wieder gut! Wieder gut!" Adriano erinnerte sich, wie er dies gesagt hatte, als er den kleinen Ben von den Rowdies gerettet hatte.

Semir ging in sein Büro zurück und schaltete das Radio ein. Es erklangen die neusten Hits von deutschen und internationalen Bands. Der Deutschtürke überprüfte seine E-Mails und blickte zum Radio, als die Frau eine Schnellnachricht ankündigte. "Meine Damen und Herren von Köln. Wir müssen eine schreckliche Nachricht kundgeben. Gerade hat die Polizei einer Notruf eines Flüchtlings enthalten, der eine Geiselnahme in der Kölner Universität bestätigt. Ein Student nahm Lehrer und Mitschüler der Kriminologischen Abteilung in der Kafeteria fest." Semir schoss hoch. "Scheisse!" stiess er hervor und in diesem Moment schlug seine Bürotüre auf. Kim Krüger kam schwer atmend hinein und schlug die Türe zu. Sie lehnte sich daran. "Haben Sie etwa auch gerade die Nachrichten gehört?" fragte Semir und sie nickte. "Ben ist dort drin!" sagte Semir entsetzt und Kim Krügers geweiteten Augen rissen sich ins unermessliche auf. "Oh nein! Ihr Partner, mein Patenneffe!" sie sank in die Knie und hielt sich am Kopf. "Was wenn er?" dachte sie laut und Semir kniete zu ihr herunter. "Das kann ich nicht glauben!" versuchte Semir sie aufzuheitern. Unwissend, dass er im Unrecht war.
In diesem Moment klingelte Krügers Handy und sie nahm ab. Je mehr sie zuhörte, desto mehr begannen sich die Tränen in den Augen zu sammeln. "Das kann nicht sein", stiess sie immer wieder hervor und als sie aufhängte, begann sie bitterlich zu weinen. Und Semir wusste genau, wieso. "Er ist es! Er hat mich verlangt!" schrie sie verzweifelt und Semir ging zu ihr. Umarmte sie. Zunächst war die Chefin über die Geste erstaunt, doch war sie über eine Schulter froh, an die sie sich lehnen konnte. In diesem Moment waren jene Streitigkeiten vergessen, jeder Vorwurf, jede Falscheinschätzung, wurde begraben. "Könnten Sie mich begleiten Herr Gerkhan?" schniefte sie und Semir nickte. "Ich möchte Ben da rausholen Chefin. Und ich möchte, dass ihr Neffe keinen Mist baut!" Sie sah ihn mit raufgezogener Augenbraue an. "Okay, dass er nicht noch mehr Mist anstellt", ergänzte er und in diesem Moment kündigte die Nachrichtensprecherin eine Neuigkeit an. "Meine Damen und Herren", begann sie mit aufgebrachter Stimme, "wie wir erfahren haben, hat der Geiselnehmer jemanden erschossen. Die Polizei kann nicht eingreifen, sie befürchtet sonst ein Blutbad!" Kim Krüger schlug sich die Hand vor den Mund und klammerte sich an Semir. "Das ist ein Alptraum!" schrie sie verzweifelt und Semir erkannte seine Chefin gar nicht mehr. Das kühle Ding, war verschwunden und wich einer verzweifelten, enttäuschten Patentante.

Adriano atmete tief durch und Ben legte einen Arm um ihm. "Es kommt alles wieder gut!" flüsterte er seinem Freund ins Ohr und Adriano lächelte. "Wenn du das sagst", begann er leise, "muss es ja stimmen!" Ben sah, wie der Junge zu den Schalousinen ging und sie hinunterliess. Sofort verdunkelte sich der Raum. Das Wimmern von Mädchen war zu hören. "Ich kann nicht glauben, dass er das tut!" Ben sah Adriano an, dessen verdunkeltes Gesicht durch die dumpfe Lichteinwirkung, noch unheimliche aussah. "Wenn das stimmt was du erzählst, ist er eine verzweifelte Seele! Sie fressen alles in sich herein, bis sie explodieren!" Adriano nickte und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. "Wärst du nicht so kampfsportlich begabt, hättest du Kriminalpsychologe werden können!" Ben lächelte leicht und seine Augen gewöhnten sich langsam an die Dunkelheit. Der Junge beugte sich zu der Leiche und nahm mit dem Finger etwas Blut von der Wunde und leckte es. "Wie schön salzig es doch ist!" sagte er mit sardistischem Unterton und Ben jagte es einen Schauer über den Rücken. Er musste dies beenden. Der Junge war so in seinem Blutrausch, dass er noch jemanden töten würde. Er begann zu robben und hörte nur noch wie Adriano hinter ihn fragte: "Ben, was hast du vor?"

Semir führte Krüger zum Wagen und fuhr mit ihr zu dem Ort, wo sich die Polizei mit dem GSG 9 versammelt hatte. Doch bevor sie ausstiegen, schminkte sie sich neu und setzte einen ernsten Blick auf. Keine Schwäche zeigen. Sie stieg mit Semir aus und lief zu der Gruppe zu. "Meine Herren", sagte sie nun wieder mit ihrer bekannen, kühlen Stimme und die Angesprochenen drehten sich zu ihr um. Ein Mann in ihrem Alter, attraktiv und sportlich gebaut, kam auf sie zu. "Sie müssen Frau Krüger sein!" stellte er fest und sie gaben sich die Hand. "Friedrich mein Name. Eine Flüchtige, konnte noch hören wie der Geiselnehmer sie verlangte." Krüger nickte und ging auf einen Bildschirm zu. Sie sah nur heruntergelassene Schalousinen. "Wir wollten durch das Zimmer einen Blick erhaschen. Doch der Junge ist nicht dumm!" Friedrich sah zu Semir, der sich neben die Chefin gesellte. "Wer ist das?" fragte er ein wenig abschätzend und erntete dafür schon zwei dunkle Blicke. "Das ist Hauptkommissar Gerkhan, sein Parnter ist..." in diesem Moment knallte es laut und Schreie waren aus dem Gebäude zu hören. Und Semir erkannte die, die von Schmerz geplagt war. "Ben!" stiess er entsetzt hervor und Kim Krügers Augen rissen sich weit auf.

Ben lag auf dem Boden, die Hand die nach der Waffe gegriffen hatte, war noch ausgestreckt. Der junge Kommissar begann fürchterlich zu zittern und hielt sich an der Schulter, wo die Kugel durchdrang, die der Junge losgelassen hatte. "Sag mal, hälst du mich für so dumm!" schrie er und donnerte auf Ben zu, doch Adriano hielt sich schützend vor ihm. "Bitte, bitte Stefan, verschon ihn!" Der vermummte Junge blieb stehen und sah Adriano durch die Augenschlitze eindringlich an. "Er ist Polizist Stefan! Wenn du ihn nun umbringst, kannst du den Rest deines Lebens im Knast verbringen!" Ohne ein Wort zu sagen, drehte sich der Junge um und ging wieder zu der Gruppe. "Ihr habt es gesehen", kündigte er an und hob die Arme, "was passiert, wenn man sich mir widersetzt!" Adriano beugte sich zu Ben, der auf die Zähne biss und liegen blieb. Der Schock hielt ihm auf dem Boden fest, wollte ihn nicht loslassen. "Ben!" stiess Adriano hervor und spürte, wie sein bester Freund bebte. Er half Ben hoch und spürte das feuerheisse Blut, dass über den Rücken lief. Er lehnte Ben an die Wand und öffnete sofort das Hemd, dass er trug. Die Schusswunde wurde sichtbar. "Scheisse." Der Deutschitaliener zog seinen Schal aus und begann ihn auf die Wunde zu pressen. Ben atmete heftig ein und aus. Er stand unter Schock. "Kumpel was machst du für Sachen?" fragte Adriano entsetzt und fühlte, wie das Blut über seine Finger lief. "Ich brauche sofort etwas zum verbinden!" schrie er und ein Mädchen sah den Geiselnehmer an. "Mein Vater ist Arzt, ich kann helfen! Ich weiss wie!" kündete sie an und der Junge nickte sie zum erste Hilfekasten.
Mit einer Klammer konnte das Mädchen den Verband befestigen, der sich von der Schusswunde, über die Brust und hinten am Rücken zu einer Einheit bildete. Auf die Schusswunde wurde ein riesiges Pflaster geklebt. Ben zitterte und biss sich auf die Unterlippe. "Okay, das wär's", murmelte die junge Frau und sah ihn Bens gläserne Augen. "Danke", stiess er hervor und die junge Frau lächelte, als sie Ben wieder half, sich an die Wand zu lehnen. Adriano sah dem Mädchen mit kritischen Augen zu. Jedoch bedankte auch er sich und das Mädchen ging wieder zu ihrer Kollegin zurück. Adriano zog seine Jacke aus und half Ben, sie anzuziehen. "Warum bist du nur so leichtfüssig?" fragte er mit trauriger Stimme und Ben konnte sich ein Lächeln abmühen. "Irgendwie muss man doch durchs Leben kommen", stöhnte er und Adriano setzte sich neben ihn. "Komm her, Kleiner", flüsterte er und liess Bens Kopf auf seine Schulter legen. "Du sollst mich doch nicht mehr so nennen!" kicherte Ben und konnte sich einen leisen Lacher nicht mehr verkneifen. "Semir wird uns da rausholen", begann er dann und zog Adrianos Aufmerksamkeit auf sich, "das schwöre ich dir bei Gott!"

Semir und ein paar Leute der GSG 9 liefen zu dem Zimmer, dass sich über der Mensa befand. "Also, was haben Sie genau vor?" wollte der Deutschtürke wissen und der Gruppenführer wies auf eine kleine Kamera. "Wir werden ein Loch bohren, es wird kaum zu hören sein, dann werden wir diese Kamera, die für die Dunkelheit geeignet ist, in das Zimmer lassen. So haben wir eine Übersicht über die Personen!" Semir nickte und nahm den Bohrer entgegen. Er wollte ihnen helfen. Ben herausbringen, denn er wusste, dass es sein Partner war, der so laut vor Schmerzen geschrien hatte. Behutsam setzte Semir das Werkzeug an und tatsächlich. Es war so gut wie nichts zu hören. Als er spürte, dass er durch war, winkte er den Mann mit der Kamera zu sich und dieser schaltete sie an und liess sie herunter. Ein Anderer schaltete den Laoptop an, an die die Kamera angeschlossen war. Zuerst wurden nur ein paar Schüler sichtbar, aber mit ein paar Anweisungen, konnte man den totalen Überblick erschaffen. Semirs Blick richtete sich natürlich sofort auf Ben. "Oh Gott", stiess er hervor und jegliche Farbe wich aus seinem Gesicht. "Ihr Partner?" fragte der Gruppenführer mitleidend und Semir nickte.

Kim Krüger lief im sicheren Lehrerzimmer auf und ab und kaute nervör an ihrem Zeigefinger herum. Was sollte sie nur tun? Die Ereignisse überschlugen sich und nun war anscheinend auch noch eine ihrer Arbeiter verletzt - wenn nicht gar tot. Ihr Patenneffe, ein Amokläufer, Geiselnehmer! Sie konnte es noch immer nicht fassen. Sollte sie die Familie in Kenntnis setzten? Nein, noch nicht! War ihr Entscheid und ging auf den Einsatzleiter zu. "Haben Sie ein Bild?" fragte sie und er nickte. "Die Verbindung wurde soeben hergestellt", verkündete er und Krüger blickte auf das Bild. Sie sah Ben. "Gute Güte, Herr Jäger!" stiess sie hervor und schlug sich die Hand vor den Mund. Dann sah sie den vermummten Jungen. Die Figur, der Gang - alles stimmte! Es war Stefan Gerbern, ihr Patenkind. Sofort schossen ihr wieder Tränen in die Augen und sie versuchte sie, zurückzuhalten. "Wieso Stefan?" flüsterte sie entsetzt und die Tränen brachen heraus. Sie kniete auf den Boden und verfing sich in einen bitterlichen Weinkrampf. Ihre Kühlheit war verschwunden.
"Nein", flüsterte sie zu sich selbst und rappelte sich wieder auf, "nein, nein! Ich muss da durch! Er ist nicht mehr dein Patenneffe Kim. Er ist ein junger Amokläufer, der einen Mann getötet und einen Polizisten verletzt hat! Da musst du nun durch!" Sie ging zum Einsatzleiter. "Stellen Sie sofort eine Verbindung her! Telefon, Mikro, ist mir völlig egal! Ich möchte mit dem Jungen reden!" sagte sie bestimmt und der Mann nickte. "Wir können ins Direktorenzimmer! Dort können Sie direkt in die Mensa funken! Das sollte klappen!" Sie nickte und folgte dem Einsatzleiter wie befohlen. Als sie die Türe öffnete, beneidete sie den Direktoren ein wenig für seine Arbeitststelle. Alles war neu und modisch und das Büro war ziemlich gross. Sie ging zum Schreibtisch und sah das Gerät sofort. Man kannte es aus allen Jugendfilmen, wo mindestens ein mürrischer Direktor vorkam. Kim Krüger schlug ihr Haar zurück und holte tief Luft, dann drückte sie auf den Knopf. "Gerbern! Hier Krüger!" sagte sie schroff und sie konnte das Rauschen der Menge hören.

"Ist das deine Chefin?" flüsterte Adriano und Ben nickte schwach. "Was hat die schon wieder vor?" knirschte er und sah zur Anlage hinauf. "Du wolltest mich sprechen?" hakte die Chefin nach und der vermummte Junge ging auf das Mikrofon der Theke zu. "Allerdings", begann er und seine Stimme zitterte auffällig, "warum hast du mir nicht geholfen?" fragte er und Ben sah Adriano an. "Warum hast du meine Zeichen nicht ernstgenommen!" Kim Krüger riss sich zusammen. "Ich habe sie gedeutet", erwiderte sie mit klarer Stimme, "ich hatte kurz vor deinem Anschlag Semir Gerkhan gebeten, Ben Jäger zu fragen, ob er Adriano Scolari anfragen könnte, mit dir zu reden!" Nun war Ben baff. Die Chefin hatte Smeir um einen Gefallen gebeten? "Du Lügnerin!" schrie Stefan und hielt die Waffe an eine junge Studentin. "Du kannst mich doch sehen oder?" Sie blickte auf den mitgebrachten Laptop und ihr stockte der Atem. "Ich sage dir die Wahrheit!" beschwörte sie doch der Junge schien die Frau nicht loszulassen. "Du lügst, verdammt noch mal! Du lügst!" Das Schreien hatte sich in ein ernergisches Kreischen verwandelt. Ben richtete sich auf. "Sie lügt nicht!" stiess er hervor und der junge sah ihn mit panischen Augen an. "Semir Gerkhan hat mich wirklich gebeten, Adriano zu fragen!"

"Haben Sie das?" fragte der Gruppenleiter, der neben Semir sass. Semir schüttelte mit dem Kopf. "Ben will den Jungen beruhigen. Er steht kurz vor dem durchdrehen! Und dann, haben wir das Blutbad!" murmelte er und der Gruppenleiter nickte zustimmend. "Kluger Kerl ihr Partner", lobte er und Semir grinste. "Allerdings", erwiderte er, doch konnte er seinen Blick nicht von dem Verband werden, der selbst bei der dicken Jacke sichtbar war. "Was meinen Sie, wie lange wird er durchhalten?" Semir seufzte. "Ben ist zwar zäh aber, die Schusswunde scheint schwer zu sein. Ich mache mir wirklich sorgen um meinen Partner!"

"Stefan", Ben stand zitternd auf und der Junge erhöhte seinen Druck der Waffe, "bitte. Das ist doch keine Lösung!" Doch der Junge dachte gar nicht daran. "Setzten Sie sich wieder!" schrie er und Ben tat, wie ihm befohlen. Er lehnte sich an die Wand und verzog das Gesicht. "Du musst schleunigst hier raus!" bemerkte Adriano und Ben erwiderte nichts. "Was verlangst du?" hörten sie auf einmal Kim Krüger fragen und der Junge näherte sich wieder dem Mikrofon. "Deine Liebe!"
"Ihre Liebe?" stiess Semir perplex hervor und sah den Gruppenleiter an. "Sehen Sie mich nicht so an! Ich bin der Mann für's grobe!" Semir rappelte sich auf und ging die Treppen zum Direktorenzimmer. "Chefin!" stiess er hervor und die Angesprochene sah auf. Sofort liess sie den Finger von dem Lautsprecher. "Was meint er damit?" Krüger sah genau so verwirrt aus wie er selbst. "Ich weiss es nicht! Ich war immer gut zu ihm! Habe mich immer um ihn gekümmert!" Da schaltete Semir. "Was wenn er, mehr für sie empfindet, als nur eine "Patenbeziehung"?" Doch anstatt entrüstet zu reagieren, strich sich die Krüger übers Haar und nickte. "Vielleicht war ich zu gut zu ihm! Ich bin mit ihm verwandt! Da kann er sich Hoffnungen machen!" führte sie Semirs Gedankengang zuende und er nickte. "Allerdings, reden Sie wieder mit ihm!" In diesem Moment fasste Krüger eine Entscheidung. "Stefan, ich schlage dir einen Tausch vor!" Semir sah sie mit grossen Augen an. "Lasse den verletzten Polizisten frei und ich komme zu dir!" Schweigen. Keine Erwiderung. "Er denkt darüber nach", murmelte sie und Semir schaltete den Freispecher aus. "Sind Sie total von Sinnen?" fragte er entsetzt und die Chefin bäumte sich vor Semir auf. "Haben Sie eine bessere Idee, Jäger daraus zu holen? Dann nennen Sie sie mir! Ich höre Sie mir an!" Doch Semir wusste nichts.

Ben sah Adriano mit fiebrigen Augen an. "Hat die 'nen Vollschuss?" stöhnte er und Adriano schüttelte mit dem Kopf. "Sie macht sich Sorgen um dich! Das ist die einzige Möglichkeit, dich da rauszubringen!" Ben zog eine Augenbraue hoch. "Es ist zu gefährlich! Er wird sie umbringen!" Adriano schüttelte wieder mit dem Kopf. "Das wird er nicht. Sie ist das Objekt seiner Begierde! Sie ist wie ein Kronjuwel in der Sammlung!" "Bist du zu den Poethen übergegangen?" fragte Ben ein wenig sarkastisch und Adriano hob die Augenbraue hoch. "Halt den Rüssel flach!" erwiderte er und Ben grinste. "Das ist der Adi den ich kenne!"
Stefan lief zum Mikrofon. "Kannst du mich hören Kim?" schrie er und Kim bejahte! "Ich nehme an! Klopfe an die Mensatüre und dann können die Typen den Bullen holen. Du bleibst dann hier!" "Natürlich!" erwiderte Krüger und sah dann zu Semir. "Gehen wir!" sagte sie entschlossen und Semir folgte ihr. Als sie vor dem Eingang standen, nahm sie Semir nochmals bei den Schultern. "Passen Sie auf sich auf Chefin!" Kim lächelte und tat etwas, das Semir nicht erwartet hätte. Sie drückte ihn an sich. "Drücken Sie mir die Daumen!" Sie klopfte an. Die Tür öffnete sich ein Spalt. "Gut, komm! Komm!" Krüger wurde regelrecht reingezogen und dann lugte die Waffe aus dem Türspalt. "Und ihr geht! Der Bulle wird kommen!" Semir sah die Männer an. "Ihr habt's gehört!" sagte er bestimmt und sie taten, wie befohlen.

"Also gut Jäger!" zischte er und zog Ben hinauf. Dieser musste einen Schmerzschrei unterdrücken. "Sie gehen da raus! Ihre Freunde warten draussen! Sie haben Glück dass Sie eine solch tolle Chefin haben!" Er stiess Krüger neben Adriano zu Boden und Ben ging zitternd aus den Raum. In diesem Moment wurde alles schwarz und die Beine gaben nach. "Ben!" schrie Semir und er konnte seinen Partner noch auffangen. "Wir brauchen sofort einen Krankenwagen!" Der Einsatzleiter nickte und schickte einer seiner Männer nach draussen. "Ben! Ben!" Semir verpasste Ben immer wieder kleine Klapse auf die Wange. "Junge komm schon!"
"Ich sage Ihnen doch, mir geht's gut!" knirschte Ben hervor und Semir verdrehte die Augen. Ben sass bereits wieder aufrecht auf der Trage und liess sich widerwillig verarzten. Der Notarzt hatte die Wunde versorgt und sah Semir an. "Es sieht schlimmer aus als es ist. Ein glatter Durchschuss!" verkündete er und Semir sah Ben an. "Ich will das du ins Krankenhaus gehst!" sagte er streng und Ben schüttelte mit dem Kopf. "Mein bester Freund sitzt da drin Semir!" erwiderte er und Semir atmete tief durch. "Trotzdem! Ich werde sie daraus holen! Das schwöre ich dir!" Doch Semir erkannte Bens Blick. Und er musste aufgeben. "Bitte geben Sie meinem dickköpfigen Partner eine Armschlinge! Sollte er sich jedoch weigern", begann er mit bedrohlicher Stimme und Ben schluckte, "wird er gefesselt ins Krankenhaus gebracht!" Der Notarzt nickte und reichte Ben wie befohlen die Armschlinge. Dieser legte sie an und sprang beinahe aus dem Wagen. "Danke Partner", sagte er und Semir atmete tief durch. "Hoffentlich werde ich das nicht bereuen!"
"Das wirst du nicht. Ich bin so vollgepumpt mit Schmerzmitteln, ich empfinde nichts mehr! Ich will nur Adriano und die Anderen da rausbekommen. Unbeschadet!" Semir nickte und blickte zum Fenster, wo die Schalousinen heruntergelassen worden war. "Wir dürfen nicht vergessen, dass auch die Chefin da drin ist!" Ben nickte.

Kim sah Adriano an und seufzte. "Hätte ich Sie doch früher kontaktiert!" flüsterte sie und Adriano schüttelte mit dem Kopf. "Nicht nur Sie. Auch ich hätte da früher handeln sollen! Wir sitzen im selben Boot Frau Krüger! Mein Teil ist erstmal froh, dass Ben hier raus ist und vernünftigt versorgt werden kann!" Kim nickte. "Besonders sollte er ins Krankenhaus!" Adriano zog die Augenbraue hoch und sah die Chefin mit einem vielsagenden Blick an. "Sie kennen Ben wohl noch nicht allzulange!" meinte er und die Chefin begriff sofort. "Oh nein!" stiess sie hervor und Adriano nickte. "Doch! Wir müssen den Jungen zu Vernunft kriegen! Egal wie! Es ist für alle besser!" Kim atmete tief durch. Sie wollte Stefan ansprechen, doch dieser kam ihr zuvor. Er beugte sich zu ihr. "Kim mein Schatz!" flüsterte er und roch an ihrem Haar. Die Frau traute sich nicht zu handeln. Doch Adriano packte seine Hand. "Ganz ruhig Stefan!" zischte er und Kim sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. "Was fällt Ihnen ein Scolari!" zischte Stefan und holte zum Schlag aus. Adrianos Kopf schoss nach hinten und dann hielt sich der Deutschitaliener die Hand unter die Nase. Als er sie wegzog, lief ein kleiner Rinnsal zur Lippe hinunter. "Stefan bist du verrückt?" fragte Kim und zog ein Taschentuch aus ihrer Tasche.

Ben und Semir gingen hinauf und kamen gerade in den Laptopraum, als die Szene geschah. "Schön dass sie einigermassen wohlauf sind!" meinte der Einsatzleiter der GSG 9 und Ben nickte dankend. In diesem Moment klatschte es und die Autobahnpolizisten starrten auf den Bildschirm. "Das ist gar nicht gut!" stiess Ben entsetzt hervor und Semir sah ihn an. "Allerdings, der Junge beginnt durchzudrehen!" Ben atmete tief durch. "Wenn's nur das wäre!" Semir verstand die Anspielung nicht. "Er hat Adriano geschlagen Semir! Nun ist das Tier in meinem Italienischen Freund erwacht! Das brutale Tier!"
"Er wird ihn doch nicht angreifen?" fragte Semir und Ben schüttelte mit dem Kopf. "Nein...aber er wird nicht aufgeben, bis er gewonnen hat!" murmelte Ben und sah auf den Bildschirm, wo Kim Krüger Adriano das Taschentuch überreichte.
Zitternd sass er auf dem Boden und sah zu der Gruppe hinauf. Sein Knie war aufgeschürft, an der Stirn hatte sich ein grosser blauer Fleck gebildet und aus der Nase blutete es. "Der kleine Jäger traut sich wohl noch nicht, grössere anzugreifen was?" fragte der Chef der Bande und in den Augen des kleinen sechsjährigen, bildeten sich Tränen. "Sieh' nur, nun beginnt er auch noch zu flennen!" verhönte ein dicklicher Kumpane den Kleinen und zeigte mit dem Zeigefinger auf ihn. "So ein Baby!" lachte der Andere und schlug sich auf die Oberschenkel. "Wir sind doch nur drei Jahre älter wie du! Wieso hast du Angst vor uns?" Eine der Schläger wollte wieder ausholen, als ihn eine Hand packte. "Habt ihr nichts besseres zu tun?" fragte ein grossgewachsener Junge mit schwarzem Haar und klaren Augen. "Misch dich nicht ein Adriano!" sagte einer und verpasste dem Jungen einen Schlag ins Gesicht. "Ganz schlechte Idee mein Freund! Als Sohn eines Alkoholikers und einer Kettenraucherin, würde ich mich nicht so anstellen!" Die Jungs sahen seinen Gruppenführer an. "Du lügst!" schrie er und wollte wieder ausholen. "Ach wirklich? Und warum sagen selbst deine Freunde, dass deine Mutter die Matratze der Stadt ist?" erwiderte Adriano gekonnt und wies auf die Gruppenmitglieder. "Ihr habt was?" fragte der Chef entsetzt und die Jungs begannen, sich selbst zu verprügeln. Adriano schlich zum Jungen, nahm ihn auf den Arm und brachte ihn zu einem kleinen Haus, nahe der Schule. Der Kleine wusste gar nicht, wie ihm geschah. Er wurde auf der Treppe angesetzt und sah, wie dieser Adriano mit einem Erstehilfekoffer wieder zu ihm kam. Er begann sorgfältig die Wunden zu versorgen und sah ihn dann an. Noch immer flossen Tränen über das dreckige Gesicht.

"Nun mal nicht so traurig!" murmelte Adriano und schloss den Erstehilfekasten. "Ich bin ja hier. Du bist doch der kleine Ben Jäger nicht wahr? Der Sohn des milionenschweren Jäger." Der Junge nickte leicht. "Oh, entschuldige, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt! Ich bin Adriano Scolari und da wohne ich zusammen mit Mama und Papa!" Ben war erstaunt, über die erwachsene Stimme des Jungen. Auch sonst wirkte er für sein Alter sehr reif. Er beugte sich über ihn. "Du redest wohl nicht sehr viel!" murmelte er und half ihm auf. "Magst du O-Saft?" Ben nickte mit einem Lächeln. Er liebte O-Saft! "Meine Mama hat gerade wieder welchen gemacht!" Sie gingen in das Haus wo Geräusche aus der Küche kamen. "Mama?" fragte Adriano und eine wunderschöne Frau kam aus einem der Zimmer. "Das ist Ben! Ich habe ihn gerettet!" sagte er mit geschwollener Brust und die Frau lächelte. "Ich weiss doch, wie edel du bist mein Kleiner!" sagte sie mit stolzer Stimme und italienischem Akzent. "Ben und ich möchten ein wenig O-Saft!" Sie nickte und winkte die Jungs in die Küche, wo ein kleiner, aber feiner Holztisch in der Mitte der durchschnittlichen Küche stand. Sie stellte zwei Gläser auf den Tisch und holte ein riesiger, gläserner Krug aus dem Kühlschrank. Sie füllte beide Gläser mit der orangenen Flüssigkeit und stellte ein Glas vor Ben. "Soll ich deine Mama anrufen?" fragte sie und Ben nickte. Er kramte in seiner Hosentasche und zog einen Zettel hervor. "Sie hat gesagt, ich soll immer da anrufen, wenn ich nicht mehr Heim weiss!" Die Frau lächelte und ging aus der Küche. "Du kannst ja doch reden!"

"Natürlich kann ich reden!" sagte Ben ein wenig beleidigt und Adriano klopfte ihm auf die Schulter. "Nimm's mir nicht böse, ich bin manchmal ein bisschen gemein!" sagte der Deutschitaliener mit einem Lächeln. "Was wollten die Kerle eigentlich von dir?" Ben zuckte mit den Achseln. "Ich weiss nicht. Die Schule startet ein Singkonzert und ich habe einem Jungen der Gruppe das Solo geklaut! Dabei wollte ich es nicht!" Adriano nahm einen Schluck des O-Safts und sah Ben an. "Du kannst singen? Ich will das hören! Kannst du "La le lu"?" Ben nickte und begann zu singen. Das helle Stimmchen hatte ein gewaltiges Volumen und als Ben fertig war, klatschte Adriano. "Das war wunderbar! Der war doch einfach neidisch auf dich!" Ben nickte und schniefte. "Ich will nicht in die Schule zurück!" schluchzte er und Adriano nahm ihn in den Arm. "Weisst du was? Wohnst du weit von hier?" Ben schüttelte mit dem Kopf und nannte die Adresse. "Das ist ein Katzensprung von hier! Ich werde dich jeden Morgen abholen, jeden Mittag mitnehmen und das selbe gilt für den Nachmittag! Dann werde ich dich von denen beschützern!"
"Für immer?" fragte Ben begeistert und Adriano nickte. "Ich werde dich für immer beschützen Ben!"
Ben setzte sich auf den Stuhl und konnte mit Erleichterung feststellen, dass Adriano sich beruhigt hatte. Er strich sich über die Augen und sah Semir an. "Was sollen wir nur machen?" Selbst der Deutschtürke wirkte hilflos. "Ich weiss es nicht Ben", gestand er ehrlich. Er wurde trainiert, Autobahnverbrecher zu jagen und keine Geiselnahmen aufzulösen. Der Mann des GSG9's legte Ben eine Hand auf die Schulter. "Zunächst müssen wir abwarten, was er mit Ihrer Chefin machen will. Sollte er jedoch, nun in unserer Gegenwart, wieder einen Menschen erschiessen wollen, müssen wir handeln!" Ben und Semir wussten genau, was der Mann meinte. "Das können wir nicht machen", begann Semir entsetzt und wies auf den Bildschirm, "der Junge ist fast noch ein Kind!" Ben stimmte nickend seinem Partner zu. Auch wenn er ihm die schmerzende Schulter zu verdanken hatte, so war der Junge noch ein beinahe noch grün hinter den Ohren. Er wusste nicht wirklich, was er tat. "Herr Gerkhan, als ich noch Anfänger war, habe ich genau so gedacht aber, lieber ein Opfer als zwanzig!" Semir musste bei dieser Gleichung nachgeben. "Ich werde Posten aufstellen, die beim Notfall handeln werden." Ben nickte schwach und stützte seinen Kopf auf der gesunden Hand ab. Die Sorge um Adriano zerfrass ihn beinahe und die schmerzende Schulter machte alles auch nicht gerade einfacher. "Wir werden sie da rausholen Ben" ,sagte Semir mit entschlossener Stimme und setzte sich neben seinen Partner. "Das bestreite ich auch gar nicht", begann Ben und rieb sich übers Gesicht, "aber, ich habe ein total schlechtes Gefühl bei der Sache! Ich will nicht für den Tod verantwortlich sein!"

Adriano wusch sich das Blut von der Haut und nickte Kim Krüger dankend zu. Diese stand langsam auf. "Also Stefan, was hast du mit mir vor?" fragte sie entschlossen und doch konnte Adriano die Angst hören. Vielleicht war er der Einzige, denn die Anderen machten keine Anstalten. "Was ich mit dir vorhabe?" fragte Stefan ein wenig entsetzt und hob die Arme. "Ich will, dass du ein Teil meiner Rache wirst. Ich will, dass du stolz auf mich bist! Und ich will, dass alle diese Plagegeister verschwinden!" Noch immer hätte sich die Chefin ohrfeigen können, zu spöt gehandelt haben zu wollen. "Wieso sie? Vielleicht haben sie dir gar nichts angetan?" hackte sie nach und Stefan zog die Maske ab. Seine Augen waren ins unermessliche aufgerissen. "NICHTS angetan?" schrie er beinahe und lief auf einen mächtigen Jungen zu. "Dieser Typ fand es lustig, mir immer wieder die Bücher aus den Händen zu schlagen!" Nun rannte er zu einem Mädchen. "Und die, die hatte immer die dreistesten Lügen über mich erzählt! Dabei ist die doch die schlimmste Unischlampe, die es gibt!" Kim ging auf ihn zu. "Stefan, bitte!" flehte sie doch er stiess sie brutal zu Boden. "Sie bekommen nur das, was sie verdienen!"

Als er die Chefin umwarf, schossen Semir und Ben hoch. "Dieser Schweinehund!" stiess Semir hervor und in diesem kurzen Moment, waren alle seine Pläne begraben. Aber nur für diesen Augenblick. "Er wird immer brutaler! Wir müssen bald handeln Semir!" forderte Ben und der Deutschtürke verschränkte die Arme. "Das sagt sich eben so einfach! Ich denke wir müssen dem Rat des GSG9 Chefs folgen..." sagte er dann bedrückt und Ben seufzte. "Das ist doch alles ein reiner Albtraum!" stiess er hervor und fuhr sich durch die Haare.
Adriano richtete sich auf und sah Stefan an. "Warum bist du nicht zu mir gekommen?" fragte er ruhig und Stefan riss seine Augen auf. "Wieso haben Sie mich nicht gefragt?" gab er zurück und Adriano zuckte mit den Achseln. "Weil ich so viel Vertrauen in dich hatte, das ich dachte, dass du mir vertraust!" Stefan schluckte und seine Hand begann zu zittern. "Sie haben keine Ahnung Scolari! Sie wurden als Kind nie gequält, weil Sie einen besonderen Status hatten!" "Nein", stimmte Adriano zu, "doch ich hatte es hautnah miterlebt. Ich hatte einem Jungen geholfen, der nichts dafür konnte, in die reiche Gesellschaft geboren worden zu sein. Er wurde deswegen grauenhaft gequält! Ich fand ihn zitternd in einer Ecke! Als ich ihm meine Hilfe anbot, nahm er dankend an. Wenn es ihm also schlecht ging, konnte er immer zu mir kommen." Kim richtete sich auf und sah ihr Patenkind an. Für einen Moment glaubte sie, eine Träne in Stefans Auge erkennen zu können. "Was ist aus dem Jungen geworden?" fragte Stefan mit zitternder Stimme und Adriano lächelte. "Er ist nun Autobahnpolizist! Zufrieden mit seinem Leben und seiner Arbeit!" Stefan hob die Waffe. "Ich bin es aber nicht Scolari! Und vor allem, haben Sie mir nie Ihre Hilfe angeboten!" "Das habe ich", erwiderte Adriano, immer noch mit ruhiger Stimme. "Erinnerst du dich nicht? Anfang des Semesterbeginns habe ich angekündigt, immer für euch da zu sein."
"LÜGNER!" schrie Adriano doch eine junge Frau richtete sich auf. "Doch, das hat er Stefan!" sagte sie mit zitternder Stimme und setzte sich sofort wieder, als dieser sie funkelnd ansah.



"So habt ihr euch also kennengelernt", murmelte Semir und Ben nickte. "Als kleines Kind hat man es als Sohn reicher Eltern nicht leicht. Adriano kam aus dem Mittelstand. Er war bei allen beliebt und sogleich gefürchtet. Er hat sich dann immer um mich gekümmert!" Semir nickte und verschränkte die Arme. "Wenn nicht bald was geschieht, explodiert die Bombe!" Ben stimmte seinem Partner zu. "Geht's mit der Schulter?" fragte der Deutschtürke dann und Ben nickte. "Es geht schon", tat er seine Schmerzen ab und Semir seufzte. Was für ein Sturkopf, dachte er und sah wieder auf den Bildschirm. "Herr Gerkhan?" funkte der GSG9-Leiter und Semir nahm das Funkgerät. "Hier Gerkhan", erwiderte Semir. "Ich habe die Posten nun aufgestellt. Jedoch will ich Ihnen und Ihrem Partner den Befehl zum Abschuss erteilen." "Verstanden, over and out!" Semir stellte das Funkgerät wieder auf den Tisch. "Ich will nicht für den Tod des Jungen verantwortlich sein", flüsterte er dann und strich sich über die Augenlider. "Du hast es aber gehört", begann Ben und atmete tief durch, "lieber ein Opfer als Dutzende!"



"Ich lüge nicht", sagte Adriano bestimmt und Stefan schüttelte mit dem Kopf. "Doch Sie lügen. Genau wie meine Kim! Sie sagt sie mag mich! Das stimmt aber nicht!" Kim schoss hoch. "Das ist nicht wahr!" schrie sie beinahe und Stefan zielte mit der Waffe auf sie. "Und warum hilfst du mir dann nicht?" schluchzte Stefan und die Tränen begannen über seine Wangen zu fliessen. "Das versuche ich doch", erwiderte sie in sanftem Ton und wollte sich Stefan nähern. "Nein...das tust du nicht...und deshalb", der Finger begann sich über den Abzug zu spannen, "und deshalb, kann ich dich nicht mehr bei mir haben!" Kims Augen weiteten sich. Doch Adriano packte den Jungen am Arm und der Schuss, der sich löste, irre ziellos umher und die Kugel schlug in die Wand ein, ohne jemanden verletzt zu haben.
Aber Stefan wehrte sich heftig. Es kam zu einem Gerangel das bis zum Fenster führte. Beide verloren den Halt, flogen durch die Scheibe auf den Rasen und blieben liegen. Adriano begann zu zittern und zog sich eine Scherbe aus dem Oberschenkel. Feuerheisses Blut floss aus der Wunde und Adriano fühlte sich rapide schlechter. Die Scherbe musste sich in die Hauptschlagader gebohrt haben.



"ADRIANO!" schrie Ben und nahm seine Waffe. Er und Semir rannten die Treppe hinunter und Semir funkte den GSG9-Leiter an. "Hier Gerkhan! Sollte der Junge Herr Scolari umbringen wollen, dann schiessen Sie, over and out!" Er steckte das Funkgerät ein und nahm die Waffe auf Anschlag. Und tatsächlich. Stefan beugte sich über Scolari, die Waffe in der Hand. "Eigentlich sollte die Scherbe, die sich in Ihr Bein gebohrt hat, schnell Ihnen den Rest geben...aber", Stefan spannte die Waffe, "aber ich habe keine halbe Stunde Zeit!" Er wollte Schiessen, als Ben und Semir hinkamen. "Waffe runter!" mahnte Semir und Stefan sah sie an. "Hast du nicht gehört", bohrte Ben nach und nickte auf die Pistole, "Waffe runter!" Doch Stefan holte aus und wollte schiessen. Doch dann schoss sein Kopf nach hinten, eine Fontäne Blut schoss aus der Stirn und der Junge ging zu Boden. Aus Bens Gesicht wich jegliche Farbe, als er zu Adriano rannte und die Wunde sah. "Nein", flüsterte er und riss sie die Armschlinge vom Leibe. Unter Schmerzen löste er den Gürtel und band ihn um Adrianos Bein um die Blutung stillen zu können. "Ben", stockte Adriano hervor und nahm Bens Arm. "Mir ist so kalt!"
Ben hielt eisern Adrianos Hand, selbst als er in den Notfall geschoben wurd, faren die Finger fest aneinander. Doch das Blut lief, trotzt der Vorsorge der Ärzte, immer noch aus der Wunde und hatte das weise Lacken schon in ein helles Rot verwandelt. Die Ärzte stürzten sich über die Wunde. "Blutdruck fäll!" schrie eine Schwester. "B-Ben?" stockte Adriano hervor, immer noch bei Bewusstsein und Ben beugte sich zu ihm. "Etwas läuft schief." Ben biss sich auf die Unterlippe und versuchte, die Tränen zu verstecken. Er sah, wie die Ärzte seinem Freund, Elektroden auf die freigesetzte Brust setzte. "Atem schwach, holt sofort die Intubationsutensilien!" Ben drückte Adrianos Hand noch fester. "Du schaffst das schon!" stiess er hervor und atmete tief durch. "Ich...ich...mir fällt das Atmen so schwer!" Adrianos Brustkorb hob sich nur noch stockend und langsam. "Hey...du wirst mir hier jetzt nicht wegsterben oder?" fragte Ben entsetzt und Adriano lächelte. "Selbst wenn es so wäre", flüsterte er, "werde ich trotzdem immer bei dir sein!" Ben schüttelte mit dem Kopf. "Sag sowas nicht!" drängte er und über Adrianos Gesicht liefen Tränen. "Sofort Blutkonserven!" schrie eine Schwester und eine Jüngere rannte aus dem Raum. "Ich kann nicht mehr..." Das Piepen des EKG's wurde immer langsamer und Adriano sah zu Ben. "Ich hatte dich echt gern!" Dann starrten die Augen ausdruckslos gegen die Decke und der Kopf nickte zur Seite ab. Ein langezogener Piep erfüllte den Raum. "Herzstillstand!" rief der Chefarzt und rannte sofort zum Dephribilator. Er setzte die beiden, eisernen Blöcke auf Adrianos Brust und sah Ben ernst an. Dieser verstand. EIn Stromstoss war zu vernehmen und Adrianos Oberkörper schoss in die Höhe. Doch nichts. "Lade eine Stufe höher!"



Kim Krüger beugte sich über den toten Körper ihrer Patenneffen und Tränen liefen ihr über die Wange. Doch sie verspürte keine Trauer. Sondern nur Hass und Enttäuschung über sich selbst. Dies war ihr Endprodukt. Ihr Ergebnis des Versagens. Hätte sie doch früher gehandelt, wäre sie nicht so liebevoll zu dem Jungen gewesen. Semir ging auf sie zu und legte eine Hand auf ihre Schulter. "Sie sollten zu Herr Jäger, Herr Gerkhan", schniefte sie und dann richtete sie sich auf. "Er braucht sie nun dringender wie mich!" Semir seufzte. Jedoch nickte er. "Seine Familie wird jeden Moment eintreffen und ich muss das ihnen erklären. Trotzdem danke ich Ihnen für alles..." Semir traute sich kaum, doch dann wagte er es. Es umarmte die Chefin erneut und diese bedankte sich, in dem sie die Umarmung erwiderte. "Und nun hauen Sie ab!" befahl sie und Semir nickte. Er stieg in seinen BMW und fuhr los. Hoffentlich war es nicht zu spät.



Immer und immer wieder versuchte es der Arzt. Nach zehn Minuten hielt ihn eine Schwester auf und schüttelte mit dem Kopf. "Todeszeitpunkt, 19.30", murmelte der Arzt und Bens Augen rissen sich weit auf. "Nein", flüsterte er und beugte sich über Adriano, "nein, nein, nein!" Das Ärzteteam senkte seine Häupter. "Es tut uns so leid!" flüsterte eine der Schwester und Ben sah mit tränengefüllten Augen auf. "Könnten Sie..." bat er und der Arzt verstand. Er schob seine Crew nach draussen. "Ich werde die Familie informieren", kündigte er Ben noch an und dieser nickte dankend. Als die Crew draussen war, kniete Ben auf den Boden, vergrub sein Gesicht in den verschränkten Armen, die auf dem Tisch knapp Adriano gebettet waren, und begann bitterlich zu weinen. Sein Schluchzen war sicherlich bis in den Gang hörbar, denn er liess seinem Schmerz allen lauf. Heute Morgen hatte alles so schön begonnen. Und endete nun so. "Warum?" wimmerte Ben und nahm Adrianos Hand, die schon kälter wurde. Ben richtete sich zitternd auf und sah noch die offenen Augen seines besten Freundes. Er nahm sanft die Lider und schloss ihm die Augen. Noch immer waren seine Hände blutüberströmt, von Adrianos Lebenssaft. Den Schmerz in seiner Schulter, spürte er schon vor lauter Trauer nicht mehr. Alles um ihn herum, war nur noch ein dichter Nebel.




Semir rannte in das Krankenhaus und wurde dort von einer Schwester aufgehalten. "Wow, wohin des Weges?" fragte sie ein wenig überrumpelt und Semir zeigte seinen Dienstausweis. "Gerkhan, Kripo Autobahn. Ich suche meinen Freund Ben Jäger. Sein bester Freund, ein gewisser Herr Scolari, wurde hier per Notfall eingeliefert!" Die Augen der Schwester weiteten sich leicht und ihr Gesicht wurde dunkel. "Es tut mir leid Ihnen das zu sagen Herr Gerkhan aber, Adriano Scolari ist vor zehn Minuten verstorben! Der Blutverlust war zu hoch." Semir schüttelte fassungslos mit dem Kopf. "Und wo ist mein Partner?" fragte er und die Schwester schluckte. "Noch bei ihm. Ich würde Ihnen raten, da nicht reinzugehen." "Sagen Sie mir einfach bitte, wo er ist!" Die Schwester führte ihn zu dem Notfallraum und Semir konnte durch die kleine Scheibe seinen Partner erkennen. "Oh gott, Ben!" flüsterte er leise denn er sah Ben schon einmal trauern. Doch dieses Mal war es was anderes. Nun war ein langjähriger Wegbegleiter tot. Und nicht die "Kurze-Liebe-des-Lebens". Semir hatte Angst. Er wollte nicht, dass schon wieder ein Partner gehen würde. Er sah es bei Tom, als er ihn das erste Mal verliess. Er wollte nicht, dass Ben dasselbe tat.
Ben spürte, dass er beobachtet wurde und so sah er auf. Er sah Semir, der ihn kreidebleich ansah und tief schluckte. Doch Ben war nicht sauer. Im Gegenteil - er war froh Semir zu sehen. Er winkte ihn herein. Semir kam mit langsamen Schritten herein und schob dann die Türe wieder zu. "Hey", sagte er leise und Ben strich sich einige Tränen aus den Augen. "Hey", erwiderte er dann und biss sich auf die Unterlippe. "Es tut mir so leid", flüsterte Semir leise und voller Mitleid. Jedes einzelne Wort sagte Ben: "Ich wollte nicht, dass es so passiert!" Doch er gab Semir nicht die Schuld. Es war ein dummes Schicksal dass seinen Freund ereignete. "Er hat eisern bis zum Schluss gekämpft", sagte Ben heiser und blickte auf Adrianos toten Körper. "Doch dann musste er schliesslich doch aufgeben!" Bei diesem Satz glaubte Ben, dass sein Herz in tausend Stücke springen würde. Jedenfalls schmerzte es so sehr. Er ging zu der Bank, die sich im Notfall befand und setzte sich. "Ich dachte immer, dass der Tag an dem ich begraben wurde, mein "Favoritenscheisstag" wird. Doch heute, wurde er abgelöst." Semir kniete vor Ben und atmete tief ein. "Kann ich etwas für dich tun?" fragte er sorgenvoll und Ben schüttelte langsam mit dem Kopf. "Ich weiss du meinst es gut", begann er und die Tränen begannen wieder über die Wangen zu fliessen, "aber ich glaube im Moment kann mir keiner helfen." Semir kannte diesen Schmerz nur zu gut. Als er Tom sterbend in seinen Armen hielt, war für ihn auch alles zuende. "Ben, ich halte es für keine so gute Idee, wenn du alleine in deiner Wohnung bleibst!" Ben sah Semir durch den Schleier der Tränen in seinen Augen an und schluckte. "Ich biete es dir an und du musst es wirklich nicht annehmen aber, ich fände es besser, wenn du dich eine Weile bei mir einquartierst!"


Ben musste leicht lächeln. "Willst du wirklich einen Trauerkloss bei dir Zuhause?" Semir nickte. "Andrea wird es verstehen. Und ich denke, wir sind inzwischen lange genug Partner, um dass wir mal beim Anderen übernachten können!" Ben konnte nur zustimmen. Er war um Semirs Fürsorge, sehr dankbar. Denn im Moment, hatte er einfach keine Kraft und fühlte sich leer. Er würde sicher in kürzester Zeit verhungern, da er nicht aus dem Bett käme und so war er froh, wenn er bei Semir eine Zeit verbringen könnte. "Du solltest aus diesen Sachen", meinte Semir und zupfte an der blutverschmierten Kleidung. "Oder brauchst du noch ein wenig Zeit?" Ben schüttelte mit dem Kopf. "Ehrlich gesagt, will ich hier nur raus..." gestand er und Semir half ihm auf. "Was macht die Schulter?" Ben sagte nichts. Natürlich schmerzte sie unendlich, aber sie übertraf nicht den Schmerz in seinem Inneren. "Okay, dann gehen wir zuerst zu dir nach Hause, holen ein paar Sachen und gehen anschliessend zu mir." Ben nickte zustimmend. Er wollte nur rechtzeitig weg sein. Noch konnte er nicht in die Augen von Adrianos Eltern blicken. Er fühlte sich zu schuldig.Sie gingen hinaus und Ben versuchte, die entsetzten Blicke aufgrund seines verweinten Gesichtes und der blutverschmierten Kleidung zu ignorieren. Sie stiegen in Semirs BMW ein und fuhren los.


In Bens Wohnung angekommen, fragte Semir nach einer Reisetasche und half Ben, nötige Kleidung und Pflegeprodukte einzupacken. Diese Eigenschaft schätzte Ben an Semir. Wenn er jemand mal ins Herz geschlossen hatte, dann kümmerte er sich um die Person. Egal was geschah. Ben selbst, ging ins Wohnzimmer und öffnete einen Bücherschrank. Dort holte er ein Album hervor und ging zu Semir. Vorsichtig legte er das Buch auf die Kleidung und zog den Reissverschluss zu. "Wollen wir?" fragte Semir und Ben nickte. Semir hatte in der Fahrt zuvor schon Andrea angerufen, die die Geiselnahme am Fernseher verfolgte. Sofort stimmte sie zu und kündigte Semir an, schon bereits das Gästezimmer einzurichten. Das war halt seine Andrea. Hilfsbereit und immer für einen da.
Als sie ankamen, stand Semirs Frau schon an der Tür und hielt Aida in den Armen. Diese gluckste natürlich, als sie Ben und Semir sahen und begann zu lächeln. "Jedenfall jemand mit guter Laune", bemerkte Ben leise und Semir seufzte. Der Deutschtürke nahm seiner Frau Aida ab und ging schonmal hinein. Andrea sagte nichts. Sie ging nur zu Ben und umarmte ihn sanft. Ben umarmte sie ebenso sanft und vergrub sein Gesicht in ihrer Schulter. "Es tut mir so leid", flüsterte sie ihm ins Ohr und Ben erwiderte ein schwaches: "Mir auch!"
Dann lösten sie sich voneinander. "Ich denke, du wirst keinen Hunger haben!" Ben nickte. "Dein Zimmer ist im oberen Stock. Direkt neben Aidas." Sie führte ihn dort hin. "Lass' dir ruhig Zeit! Wir sind unten, falls du doch noch ein wenig reden willst!" Ben nickte dankend und sah, wie Andrea die Tür zumachte.


"Adriano?" Adriano sah Ben an und lächelte. "Was ist?" fragte er neugierig und Ben zeigte in den Himmel. Es war 1991. Sie lagen auf einem grossen Feld und beobachteten die Wolken. Mit 13 und 15, hatte man halt nichts grosses zu tun. "Ich meine, man sagt ja immer, wenn man stirbt, kommt man in den Himmel...was glaubst du?" Adriano streckte sich kurz. "Ich denke dasselbe. Nur glaube ich nicht, dass ich einen weissen Kittel tragen werde und mit einem heilligen Schein auf der Wolke sitze mit einer Harfe in der Hand." Ben musste lachen. "Aber mal ernsthaft, wie stellst du dir es vor...zu sterben?" Adriano sah Ben mit hochgezogener Augenbraue an. "Der Religionsunterricht heute ist dir wohl zu Kopf gestiegen! Nun gut, ich möchte für jemanden sterben, den ich sehr gern habe. Dan ist ein Tod für mich ehrenhaft!" sagte er dann und Ben grinste. "Du bist der, der zu viele Militärfilme sieht", scherzte er und beide lachten beherzt. "Wirklich! Wenn ich sterbe, dann so. Und dann, würde ich in meinem weissen Kittel von da oben auf dich aufpassen!"


Ben ging ans Fenster und sah, wie der Himmel langsam dunkler wurde. Die Sterne wurden sichtbar und nur einige wenige Quellwolken breiteten sich über dem Himmel aus. Ben öffnete das Fenster und liess die kalte Luft an sich ran. Er spürte, wie der Wind durch sein Haar ging. "Bist du nun da oben?" fragte er sich und die Tränen taten das was sie am besten konnten. Am Gesicht herunterlaufen. "Bist du nun da oben, in deinem weissen Kittel und passt auf mich auf?" Ben war selbst über die Heiser- und Traurigkeit in seiner Stimme überrascht. Selbst bei Saskia hatte er nicht so geklungen. Doch Saskia, kannte er auch nicht so lange wie Adriano. Seinen langjährigen, besten Freund.
Ben legte die Arme auf den Fenstersims und bettete seinen Kopf darauf. Er bemerkte nicht, wie die Türe langsam hinter sich öffnete.
"Benben?" hörte er etwas hinter sich brabbeln und er drehte sich um. Aida, mit einem riesen Plüschhasen in der Hand, hatte die Tür aufgestossen, da Andrea sie anscheinend nicht richtig zugemacht hatte. "Hey meine Kleine", flüsterte Ben, ging auf sie zu und kniete zu ihr herunter. Aida sah die verweinten und strich mit ihren kleinen Händchen übers Gesicht. "Benben geweint", sagte sie traurig und Ben nickte. "Ja, Benben hat geweint", stimmte er ihr zu und Aida streckte ihre Arme aus. Sie klammerte sich um Bens Oberkörper und er hob sie mit aufs Bett. Sofort krabbelte Aida zu seiner Tasche und entdeckte das Album. "Fotos?" fragte sie neugierig und Ben nickte. Er hörte, wie Andrea schnaufend das Zimmer betrat. "Herrgott Ben, das tut mir leid", stiess sie hervor und sah Aida mit funkelnden Augen an. "Was hat Mama zu Thema, alleine die Treppe hinaufgehen gesagt?" fragte sie ihre Tochter ernst und Ben winkte ab. "Lass sie. Weisst du was? Ich behalt sie noch ein wenig hier und bringe sie dann ins Bett. Da komme ich mir nicht so unnütz vor!" Andrea stemmte die Hände in die Hüfte. "Du bist nicht unnütz Ben! Aber wenn du darauf bestehst. Lasse dir einfach nicht alles von ihr gefallen!" Ben nickte und Andrea wünschte ihrer Tochter eine gute Nacht. "Was macht Semir?" fragte Ben neugierig und Andrea seufzte. "Mit der Krüger telefonieren. Die Familie des Jungen ist vollkommen ausgerastet und gibt ihr die Schuld daran! Die sollten mal an ihre Erziehung denken!" Mit diesen Worten ging sie aus dem Raum.

"Aida mit BenBen Fotos gucken!" forderte Aida Ben auf und er sah sie an. "Solltest du eigentlich nicht ins Bett?" fragte er schnippisch und war froh, ein wenig lächeln zu können. "Neinnein! Aida nicht müde! Fotos gucken!" Ben seufzte. "Meinetwegen, kleiner Quälgeist. Aber zuerst macht sich Benben Bettfertig." Aida nickte und Ben tat, wie er es angekündigt hatte. Er zog sich um, setzte sich aufs Bett und platzierte Aida auf seinen Schoss. Er schlug das Album auf und gross war das Titelbild: "Ich und meine Freunde" zu lesen. Das Frontbild zeigte ihn, Semir, Andrea und Aida, bei ihrem gemeinsamen Ausflug zu Aidas Geburtstag. "Mama, Papa, Aida und Benben!" jauchzte Aida begeistert und Ben nickte. "Allerdings", stimmte er ihr zu und blätterte um. Nun begannen die Bilder aus Bens Kindheit. Ein Bild mit ihm und Adriano wurde sichtbar. Aida zeigte mit ihrem kleinen Fingerchen drauf und sah Ben verwirrt an. "Das..." Ben stockte, wie sollte er dem Mädchen erklären? "Das war ein guter alter Freund von mir", flüsterte er und Aida sah ihn bei dem Wort, "war", mit grossen Augen an. "Nicht mehr da?" fragte sie und Ben schüttelte mit dem Kopf. "Umgezogen?" fragte sie und Ben biss sich auf die Unterlippe. "So ähnlich. Er ist jetzt im Himmel Aida. Weisst du, was das ist?" Aida nickte. "Papa gesagt: Menschen dort, die lieb waren." Ben konnte ihr nur zustimmen und schniefte ziemlich. Langsam fragte er sich, ob sein Wasserverbrauch nicht langsam zu gross war.

Aida sah die wässrigen Augen von Ben und krabbelte zu ihm hinauf. "Benben nicht traurig sein", befahl sie beinahe und strich mit ihren zarten Händchen über Bens Gesicht. "Ach Aida", schluchzte Ben und das Mädchen klammerte sich an ihn, wie so ein kleines Äffchen. Sie spürte die Traurigkeit, die ihren Freund erfüllte und es tat ihr weh, ihn so zu sehen. "Tut mir leid kleines", stiess er hervor und Aida hüpfte vom Bett und tappste zu dem Schrank, neben Bens Bett. Dort öffnete sie eine Schublade und holte eine Packung Papiertaschentücher hervor. "Da", sagte sie und drückte sie Ben in die Hand. Aber nahm sie doch selbst noch, eines der Tücher und strich ihm damit zart über die Augen. "BenBen bald wieder fröhlich!" gluckste sie und machte das Album zu. "BenBen singen!" Ben zögerte. "Aida ich weiss nicht..." meinte er ehrlich und das Mädchen sah ihn mit grossen Augen an. "BenBen immer so schön singen!" Ben gab nach. "Was willst du denn?" fragte er und Aida lächelte. Sie öffnete das Album und zeigte nochmals auf Adriano. "Etwas für den Mann im Himmel!" meinte sie mit heller Stimme und Ben lächelte. Ihm fiel da etwas ein. "Komm kleines!" sagte er und Adia schmiegte sich an seine Brust. "Also, gut aufpassen!" meinte er und begann zu singen.

La Le Lu
nur der Mann im Mond schaut zu
wenn die kleinen Babys schlafen
drum schlaf auch du.
La Le Lu
vor dem Bettchen stehn zwei Schuh
und die sind genau so müde
gehn jetzt zur Ruh.
Dann kommt auch der Sandmann
leis tritt er ins Haus
sucht aus seinen Träumen
für dich den schönsten aus.

Als er fertig war, hörte er einen leisen, ruhigen Atem und sah, dass Adia eingeschlafen war. Vorsichtig hob er sie hoch und brachte sie ins Zimmer, er legte sie in ihr Ställchen und deckte sie zu. Es war schon erstaunlich, was für eine Wirkung Kinder auf jemanden hatte. Egal wie traurig man war, sie konnten einem ein Lächeln auf die Lippen zaubern. "Ich weiss schon, wieso Semir so stolz auf dich ist!" flüsterte er und küsste ihr aufs Haar. Da er nicht schlafen konnte, war es eh egal. Er beschloss, noch eine Weile bei ihr zu bleiben.
Als der Morgen anbrach, war Ben froh, zwei Stunden geschlafen zu haben. Auch wenn er gehofft hatte, dass dies ein böser Traum war. Doch er befand sich noch immer in Semirs Haus, das Album lag neben ihm aufgeschlagen und auf seinem Handy befand sich eine Nachricht. Obwohl er überhaupt keine Lust hatte sie zu lesen, öffnete er sie und sah sie sich an. Sie war von Francesca, Adrianos Mutter. Sie beschrieb darin, dass sich Ben keine Schuld geben müsste, Adriano wäre für eine gute Sache gestorben und sie war froh, hatte Ben ihn in die Erlösung begleitet. Gleichzeitig lud sie ihn zur Beerdigung ein, die in zwei Wochen angesetzt war. Zuletzt bat sie ihn noch um etwas. Und Ben musste ihr nun zurückschreiben. Ihr Anrufen, das konnte er nicht. Noch brachte er den Mut dafür nicht auf. Er konnte ihre Stimme noch nicht hören.
Es klopfte und Ben sah auf. "Herein?" bat er und Semir stand an der Türschwelle. "Morgen Partner", begrüsste er Ben und dieser winkte ins Zimmer, "Ich habe gesagt herein Semir und nicht: Bleib an der Türschwelle stehen." Semir lächelte leicht und setzte sich neben Ben. "Aida hat mir gerade erzählt, wie schön sie in den Schlaf gesungen wurde." Ben lächelte leicht und zuckte mit den Achseln. "Ich konnte eh nicht schlafen", sagte er und Semir seufzte. "Die ganze Nacht nicht?" Ben schüttelte mit dem Kopf. "Bis vorhin habe ich zwei Stunden geschlafen." Semir zeigte nach unten. "Wir haben Frühstück gemacht, willst du ein wenig?" Ben nickte. Auch wenn sein Gehirn nein sagte, der Magen knurrte und verlangte nach Nahrung. Sie standen auf und gingen nach unten. "Wie geht es der Chefin?" fragte Ben besorgt und zugleich ablenkend. Semir zog ein trauriges Gesicht. "Die Eltern des Jungen machen sie wirklich fertig! In ihrer Trauer geben sie nun der Krüger die ganze Schuld an allem!" Ben schüttelte fassungslos mit dem Kopf. "Die sollten auch mal überdenken, was sie falsch gemacht haben könnten! Ich habe richtig Mitgleid mit unserer Chefin!" Semir blieb am Fuss der Treppe stehen und zog ein verwirrtes Gesicht. "Das sagst du, der seinen besten Freund verloren hat?" Ben schluckte schwer und nickte. "Weisst du", begann er wieder heiser und drehte sich zu Semir um, "mein Freund ist wegen einer "guten Sache" gestorben. Krüger muss damit fertig werden, dass ihr Patenkind einen Amoklauf begannen hat, zwei Menschen auf dem Gewissen hat und in sie verliebt war. Dann musste er auch noch sterben und nun geben ihr die Eltern die ganze Schuld an der Misere. Ich weiss nicht wie es dir geht oder ob es an meiner Trauer liegt aber, ich denke die Chefin ist schlechter dran als ich!"



Ben sah, dass Semir etwas beschäftigte. Aber nicht der Satz, den er eben gesagt hatte. "Semir, was ist los?", fragte er direkt und Semir schluckte. "Ich...Ben, die Chefin hat uns freigegeben. Für drei Wochen. Wir sollen uns ausruhen. Besonders du, da du noch verletzt bist!" Ben zog eine Augenbraue hoch. "Das scheint dich aber nicht zu..." Dann schaltete Ben und ging auf Semir zu. "Setz dich!" befahl er und sie platzierten sich auf der Treppe. "Als Adriano starr zur Decke blickte und nicht mehr atmete, verfluchte ich mich, dass ich nichts tun konnte! Doch eins habe ich nicht verflucht", Semir sah Ben neugierig an, "dich als Partner zu haben. Du hast mich weiterermitteln lassen und ich darf nun eine Zeit bei euch sein, damit ich in meiner eigenen Wohnung nicht verhungere! Semir, ich will das weisse Tuch noch lange nicht schmeissen! Adriano ist nicht unseretwegen gestorben! Und wieso solltest du für mein Schicksal bezahlen und dir einen neuen Partner suchen müssen?" Semir klopfte vor Erleichterung Ben auf die gesunde Schulter. "Du weisst gar nicht, was für ein Stein mir vom Herzen gefallen ist. Komm her, ich muss es einfach tun!" Semir umarmte Ben und dieser begrüsste die Umarmung mit Freuden. Er spürte Semirs Glücksgefühl und wollte gerne, was davon haben. Sie lösten sich und gingen ins Esszimmer. Dort roch es lecker nach Ei, Toast und Marmelade. "Guten Morgen Ben", sagte Andrea sanft und umarmte ihn zur Begrüssung. "Na, geht's einigermassen?" Ben nickte leicht und setzte sich. "Willst du auch ein Spiegelei? Ich könnte dir eins machen!" Ben schüttelte mit dem Kopf. "Nein danke. Ein Stück Toast mit Marmelade reicht", meinte er und nahm sich sogleich ein Stück des Gebäcks. "BenBen!" kam es von hinten und jemand zupfte an Bens T-Shirt. Er sah nach unten und erblickte Aida. "Na kleine Maus?" begrüsste Ben sie und Aida zog ihn nach unten, um ihm einen dicken Schmatz auf die Backe zu geben.




"Sag' mal Ben, was hast du für heute geplant?" fragte Semir mit vollem Mund und erntete einen giftigen Blick von Andrea. "Keine Ahnung, ich will einfach ein bisschen raus. Sonst versauere ich noch hier!" Semir nickte und blickte zu Andrea. "Gehst du mit Aida heute zur Kinderkrippe?" Sie nickte. "Sehr gut. Hör zu Ben, da heute Fussball kommt, ist der Wald sicher sehr ruhig und gemütlich. Wollen wir einen Spaziergang machen?" Ben zuckte mit den Achseln. "Klingt gut", meinte er und war froh, dass Semir die Initiative ergriff. "Sehr gut. Allerdings werde ich heute über den Mittag dort bleiben. Ich wurde zum Küchendienst eingeteilt", mischte sich Andrea ein und Semir winkte ab. "Dann gehen wir was Essen, dass ist doch auch egal! Oder ich mach uns was. So schlecht koche ich nun auch wieder nicht!" meinte er und Andrea zog eine Augenbraue hoch. "Hör mal, ich möchte, dass Ben uns noch ein bisschen erhalten bleibt!" meinte sie sarkastisch und Semir zog eine beleidigte Fratze. Ben konnte nicht anders, aber er musste lachen. Es war kein Lautes aber, ein herzliches. Semir und Andrea sahen sich an und mussten miteinstimmen. Für einen kurzen Moment, war der ganze Schmerz vergessen.
"Sag mal Semir", begann Ben und sah Semir an, "wie war es eigentlich, als du Tom verloren hast. Ich meine, ihr wart ja auch beste Freunde!" Semir und Ben liefen durch den Wald und liessen die Sonnenstrahlen auf sich scheinen. Der Deutschtürke seufzte schwer. Alte Wunden wurden aufgerissen doch er wusste, dass Ben diese Informationen gut brauchen konnte. "Ich glaube, den Schmerz muss ich dir wirklich nicht erklären. Ein langes Kapitel deines Lebens, verschwindet einfach und du musst ein neues beginnen!" Ben nickte zustimmend und hielt sich an der verletzten Schulter. "Es ist, als wäre dir ein Teil deiner selbst herausgerissen worden..." Semir stimmte ihm zu. "Wie konntest du die Trauer überwinden?" Semir musste lächeln. "Bei Tom, sowie bei Chris, lernte ich kurz darauf jemand kennen, der mich den Schmerz vergessen liess." Semir sah Ben mit einem deutlichen Blick an und das Lächeln war nicht aus dem Gesicht zu kriegen. "Ben, man muss einfach nach vorne sehen. Bei Tom traff ich Chris, jemand mit dem ich mich nie richtig anfreunden konnte. Jedenfalls nicht so sehr wie bei Tom und nun, nach Chris Tod...treffe ich jemanden, bei dem ich denke, dass ich ihn wieder genau so mögen kann, wie meinen alten Partner." Bens Augen weiteten sich. Diese Worte aus Semirs Munde zu hören, damit hätte er nicht gerechnet. "Hilfst du mir, nach vorne zu sehen?" fragte Ben und Semir nickte. "Ich lasse dir so viel Zeit wie du willst. Denn ich weiss, du wirst mich auch nie hängen lassen!" Sie umarmten sich freundschaftlich und Ben flossen einige Tränen über die Wangen.

Kim Krüger sass in ihrer Wohnung und sah mit tränenüberströmten Gesicht ein Album an. Es waren Fotos von ihr und Stefan. Das Make-Up war verschmiert und sonst wirkte auch alles andere an ihr nicht mehr korrekt. Sie war ein Schatten ihrer selbst. Den Halt den sie suchte, fand sie nicht. Als es klingelte, ging sie zu Türe und blickte hindurch. Detlef, Stefans Vater! "Auch das noch!" murmelte sie und öffnete trotzdem die Türe. "Kim, ich , ich möchte mich für das Verhalten meiner Frau entschuldigen", meinte er reuig und sie liess ihn herein. "Nun ja, ein bisschen kann ich sie ja auch verstehen. Willst du was trinken?" Detlef nickte und Kim ging in die Küche. Sie bemerkte nicht, wie Detlef aus seinem Mantel einen Wattebausch und dieses in eine Flüssigkeit tunkte. Langsam folgte er ihr in die Küche. Schnell packte er sie von hinten und drückte den Bausch auf den Mund. Verzweifelt versuchte sich Kim zu wehren, doch sie wusste genau, was sie da einatmete. Chloroform! Ihre Umgebung begann sich zu schwärzen und als sie zu Boden ging, riss sie noch eine Tasse mit, die mit lautem Geschepper zu Boden ging. "Tut mir leid Kim, aber du musst nun büssen", murmelte Detlef und schleppte sie aus der Wohnung.

Semir und Ben waren bereits wieder zuhause, als Semir mit dem Kochen begann und Ben sich das Fussballspiel im Fernseher anschaute. Bisher stand es zwischen Köln und Bayern noch 0:0. "Bisher stinkt es jedenfalls nicht", scherzte Ben und ging in die Küche. "Nun ja", meinte Semir und schwang den Kochlöffel, "was kann man an Pasta gross falsch machen!" Ben konnte ihm nur zustimmen und öffnete den Kühlschrank. "Hast du noch n' Bier?" Semir nickte und wies auf das unterste Tablett, wo zwei Flaschen des Gerstengetränks standen. "Wollen wir uns heute Abend alle zusammen einen Film anschauen? Zum Beispiel, Schuh des Manitu?" Ben nickte. "Klingt nicht schlecht! Ich werde mich einfach bei der "Sterbeszene" umdrehen!" Semir lächelte und war froh, dass Ben auch noch lachen konnte und nicht in die totale Depression fiel. Er bereute also seinen Entscheid nicht. "Magst du lieber Carbonara, oder Tomatensosse?" Ben zuckte mit den Achseln. "Das was du magst!" Beide erschraken, als das Telefon klingelte und Ben ging ran. "Ben Jäger bei Gerkhans?" Es war Hotte und er erzählte Ben etwas, dass ihn sofort erschaudern liess. "Danke Hotte, wir kommen sofort!" Mit diesem Satz legte er auf und ging hektisch in die Küche. "Was ist los?" fragte Semir verwirrt und Ben sah ihn mit grossen Augen an. "Wir müssen los! Die Krüger ist entführt worden!"
Ben und Semir fuhren vor das kleine Haus, dessen Adresse Hotte genannt hatte. Im Eilschritt gingen sie hinein, wo Dieter und Hotte schon warteten. "Hey Jungs", begrüsste Hotte die Beiden bedrückt und das Klicken von Kameras war vernehmbar. "Zwischenbericht?" fragte Semir und Hotte nickte. "Ich machte mir sorgen um die Chefin und rief sie an, denn sie hatte versichert, dass sie Zuhause seie. Doch es nahm niemand ab..." "...da hat mich Hotte gebeten, ihn zu der Wohnung zu begleiten, denn er hatte aus der Akte die Adresse von ihr bekommen. Und da fanden wir alles so vor", beendete Dieter die Erzählung und nahm eine Beweistüte hervor. "Das fanden wir in der Küche." In der Tüte war ein Wattebausch. "Lass mich raten", begann Semir und nahm sie an sich, "Chloroform?" Dieter nickte. Ben sah sich um. Sein verletzter Arm hing schlaf hinunter, da die Wirkung der Schmerztabletten vom Morgen nachliess. "Habt ihr sonst noch was gefunden?" Besorgt schüttelte Hotte mit dem Kopf. "Nichts. Sie muss ihren Angreifer gekannt haben! Denn es gibt keine Einbruchsspuren!" Ben biss sich auf die Unterlippe und tippte Semir an. "Ich seh mich mal um!" verkündete er und Semir nickte.
"Keine Zeugen?" Wieder Köpfe, die sich schüttelten. "Nein, leider nicht!" Semir fuhr sich über das Gesicht. "Scheint, als ob unser "Urlaub" schon vorbei ist", meinte er und folgte Ben.


Dieser stand vor Kim Krügers Couch und hob mit der gesunden Hand das Album. Anscheinend trauerte sie genauso wie er. Man versuchte sich mit Fotos an die guten Zeiten zu erinnern. Doch sie hatte niemanden, an dem sie sich klammern konnte. "Semir?" Der Deutschtürke kam in den Raum. "Ihr ging es anscheinend sehr schlecht!" Semir nahm das Album entgegen und nickte. "Allerdings. Besonders, wenn die Familie des Jungen ihr so schwere Vorwürfe macht!" Ben sah auf den Tisch vor der Couch und erblickte einen kleinen Zettel. "Das ist meine Nummer!" sagte er erstaunt und erblickte daneben eine Trauerkarte. "Sie wollte sich anscheinend bei dir entschuldigen!" meinte Semir und seufzte. "Stimm' ich dir zu. Die Arme..." Beide sahen auf Bens Hosentasche, als es von dort aus klingelte. Ben nahm sein Handy hervor und sah auf den Display. "Unbekannte Nummer", meinte er skeptisch und Semir zuckte mit den Achseln. Neugierig nahm Ben ab. "Jäger?" begrüsste er seinen Anrufer und dieser begrüsste ihn zurück. "Guten Tag Herr Jäger. Ein Leidensgenosse, wie ich erfuhr!" Verwirrt zog Ben eine Augenbraue hoch und sah Semir an. "Ganz recht Herr Jäger. Wir beide müssen einen schrecklichen Verlust verarbeiten! Und wir wissen Beide, wer Schuld daran hat!" Ben hörte, wie das Handy an der Anderen Leitung bewegt wurde und das angsterfüllte Keuchen einer Frau wurde hörbar. "Herr Jäger, hören Sie nicht auf ihn!" forderte Kim Krüger auf und Ben hörte, wie ihr eine Ohrfeige verpasst wurde. Er zuckte. "Ich möchte Sie kennenlernen Herr Jäger!" Ben schaltete auf Lautsprecher, so dass Semir mithören konnte. "Wohin?" fragte er mit dunkler Stimme und Semirs Augen weiteten sich. "Kennen Sie die alte Lagerhalle, die sich im Westbezirk befindet? Sie ist stillgestellt!" Ben überlegte kurz. "Ja die kenn ich!"


"Sehr gut", säuselte der Anrufer. "Kommen Sie doch morgen! Sagen wir, um die 23.00 Uhr?" Ben atmete kurz durch. "Ich werde dort sein!" sagte er entschlossen und hängte auf. "Weisst du eigentlich, worauf du dich einlässt?" fragte Semir entsetzt und Ben lächelte. "Ich werde sicher nicht alleine dort hingehen!" Er legte Semir eine Hand auf die Schulter. "Du und die Anderen werden euch um das Gebäude stellen! Wir holen die Krüger da raus! Das hat sie einfach nicht verdient!" Semir konnte Ben nur zustimmen! "Also, dann haben wir bis Morgen Zeit! Wer glaubst du, steckt dahinter?" Ben sah Semir tief in die Augen. "Ich denke, dass wissen wir Beide!" Semir nickte. "Stefans Vater!" sagte er bestimmt. "Das ist nicht von der Hand zu weissen!" mischte sich Hotte ein und Ben nickte. "Ich kann mich auf euch verlassen oder?" fragte er und die Anderen gaben ihm Mut.
Ben näherte sich dem Lager, die Waffe im Schulterhalfter unter der Jacke versteckt. Die Lagerhallentür war offen und so trat Ben ein. Ein verzwicktes Gebäude. Überall waren Wände die in die Irre führten. "Hallo?" rief Ben laut und das Geräusche hallte immer wieder. "Ich bin hier!" verkündete er und lief immer weiter. Seine Schritte waren bedacht und leise. Irgendwas stimmte hier nicht und das spürte Ben genau. Ein kleiner, erstickter Schrei war zu vernehmen und Ben kannte die Stimme genau. "Krüger!" dachte er laut und rannte dem Geräusch nach. Und tatsächlich. Er fand seine Chefin in einer Ecke gekauert. Gefesselt und geknebelt. Sie sah furchtbar aus. Das Gesicht schneeweiss und das eine Auge war blau. An ihrer Stirn hatte sich ein furchtbarer blauer Fleck gebildet, der von einem Schlag herführen musste. Aus ihren Augen liefen die Tränen und ihr Haar war zerzaust und hatte Knoten gebildet. Ben zog behutsam das Klebeband vom Mund. "Sie dürften nicht hier sein!" keuchte sie entsetzt und sah Ben mit aufgerissenen Augen an. "Ob ich oder Semir ist doch egal! Hauptsache sie kommen raus!" erwiderte Ben und begann die Fesseln zu lösen. Doch dann hörte er etwas surren und dieses Surren kam immer näher. Schliesslich krachte ein Gabelstapler aus dem nichts hervor, hob seine Greifarme und drückte Ben gegen die Wand. Krüger schreite entsetzt und Ben stiess einen Schmerzenslaut aus, da er sich gerade mindestens von einer Rippe verabschieden musste. "Nicht schon wieder diese Nummer!" knirschte er und versuchte sich zu lösen. Doch vergeblich. Krüger wollte ihm zur Hilfe eilen, als das Entsichern einer Waffe zu hören war. "Denk nicht mal dran mein Schätzchen!" mahnte Stefans Vater, der in der Fahrerkabine sass.

"Du bist Wahnsinnig, Detlef!" stiess Kim entsetzt hervor und konnte ihren Blick nicht von der Mündung der Waffe wenden. Der Arm Detlefs zitterte, als sie diesen Satz sagte. "Ich bin wahnsinnig?" schrie er und sah zu Ben. "Haben Sie Kinder Herr Jäger?" fragte er mit trauriger Stimme und Ben schüttelte mit schmerzverrzertem Gesicht den Kopf. "Kennen Sie ein Kind, dass sie gern haben?" Unwiderruflich musste Ben an Adia denken und hörte tief in innerem, wie sie ihn wieder "Benben" nannte. "Ja", stiess er hervor und Tränen sammelten sich in Detlefs Augen. "Stellen Sie sich nun vor, dieses Kind würde sterben, wie würden Sie sich dann fühlen?" Ben sagte nichts. Die Luft war wie zugeschnürt, da der Druck auf der Brust sehr gross war. "Lass ihn gehen Detlef bitte! Du hast doch mich!", flehte Kim und dachte an ihr erstes Treffen mit Ben. Auch wenn sie sich danach nicht mehr so nahe kamen, dieser seltsame, komische Start in die Geschäftsbeziehung, machte diese doch besonders. "Und wieso sollte ich das tun?" schrie Detlef und hatte noch immer die Waffe auf sie gerichtet. "Er trägt genauso Schuld daran! Er hat schliesslich den Befehl zum Abschuss gegeben!"
"Nein! Das war ich!" Aus der Deckung kam Semir, die Waffe im Anschlag. "Waffe runter! Ansonsten ergeht es Ihnen genauso wie Ihrem Sohn!" Detlef sah Semir nicht mit erstaunten Augen an, sondern mit zusammengekniffenen, gemeinen Schlitzen. "Sie unterschätzen uns!" zischte er nur und das nächste was Semir vernahm, was Bens warnender Schrei. "Semir pass auf!"

Doch zu spät. Semir spürte einen heftigen Schlag in den Nacken und sackte benommen zu Boden. Dabei wurde ihm die Waffe aus der Hand gerissen und sofort die Mündung in den Hals gedrückt. "Danke Schatz!" sagte Detlef und Kim Krüger konnte es nicht fassen. Ihre beste Freundin. Sandra. Sie wirkte um Jahre gealtert, ungepflegt und von Hass getrieben. "Tut mir leid Kim", begann sie und drückte Semir an die Wand, "aber mein Sohn ist mir wichtiger!" Semir versuchte sich zu wehren, doch der Schlag hatte ihn so benommen gemacht, dass er kaum die Kraft hatte, sich zu wehren. "Du kannst dich entscheiden meine Kleine", begann Detlef und wies auf Ben. "Entweder rettest du dich und diesen komischen Gigolo da", dann wies er zu Semir, "oder du rettest ihn. Es liegt an dir!" Krüger atmete schnell ein und aus, sie spürte, wie sich ihr Herz verkrampfte und sich zu einem schmerzenden Klumpen bildete. "Bitte, ich.." stotterte sie doch Ben ergriff die Initiative. "Ich schlage Ihnen ein Geschäft vor", knirschte er hervor und Detlef sah ihn an. "Das wäre?"
"Sie können mich haben! Mit mir können Sie machen was Sie wollen. Mein Partner hat mich in Schutz genommen! Ihr Sohn ist Schuld an dem Tod meines besten Freundes. Vor Hass habe ich den Abschussbefehl erteilt! Ich wusste nicht, was ich tat!" Detlef schien Bens Lüge zu glauben. Kim hätte sie auch geglaubt, denn Ben lügte so eiskalt, dass man dieser Schwindel für wahr nehmen konnte. "Frau Krüger wollte Ihren Sohn schützen. Doch ich habe nicht überlegt!" Detlef sah Krüger mit grossen Augen an. "Ist das wahr?" schluchzte er und Ben sah sie mit einem vielsagenden Blick an. Sie mussten Semir daraus bringen. Er war der mit Familie. "Ja das stimmt", log sie dann mit Traurigkeit in der Stimme und Tränen sammelten sich in ihren Augen. "Lass ihn gehen!" zischte Detlef und Sandra liess Semir los. Dieser sackte in die Knie und Kim konnte ihn noch rechtzeitig auffangen. "Ben nein!" lallte Semir benommen und Ben lächelte. "Geht!" befahl er und Kim nickte. Sie stützte Semir und rannte mit ihm nach draussen. Tränen rannen über ihr Gesicht und sie wurde von SEK-Beamten empfangen, die Semir abnahmen. "Er braucht einen Arzt!" flehte Kim denn Sandra hatte Semir so hart an die Wand gedrückt, dass sich an der Schläfe eine schreckliche Platzwunde gebildet hatte. Der SEK-Beamte nickte und rief per Funk einen Krankenwagen. "Wo ist Ben?" stöhnte Semir und in diesem Moment fiel ein Schuss. Und für Kim Krüger vergingen die Sekunden so langsam, wie eine Stunde. Der Wind wehte durch ihr Haar und sie spürte, wie ihr ganzer Körper zu zittern begann. Dann ging alles ganz schnell. Die Füsse lösten sich vom Boden, rannten auf die Lagerhalle zu, während sie einem SEK-Beamte die Waffe aus dem Halfter zog. "Nein!" hörte sie noch jemanden schreien doch sie rannte. Die Luft brannte in ihren Lungen und das Organ drohte zu platzen. "Bitte nicht", hörte sie sich sagen und als sie in die Lagerhalle kam, stand nur noch Sandra aufrecht. Die Waffe auf Detlef gerichtet, der mit dem Kopf auf dem Lenkrad lag. Aus der Schläfe strömte Blut.


Ben, lag auf dem Boden. Aus dem Rücken strömte Blut und bildete eine kleine Blutlache. Das Gesicht leichenblass. Krüger richtete die Waffe auf Sandra. "Lass die Waffe fallen Sandra!" schrie sie. Doch was wie ein Befehl klingen sollte, klang eher wie ein verzweifeltes Flehen. Sie wollte nicht schiessen! Sie konnte doch nicht! "Wozu?" schluchzte Sandra und hielt sich die Waffe an die Stirn. "Alles ist vorbei!" "Nein!" Krüger wollte sie noch aufhalten doch zu spät. Sandre steckte die Waffe in den Mund und schoss. Wie einer Marionette, der die Fäden abgeschnitten wurden, sackte Krügers Freundin nach hinten und blieb liegen. Sie war tot. Krüger sackte in sich zusammen. Sie wirkte wie vom Körper verlassen. Eine leblose Puppe, deren Augen noch Tränen produzieren konnte. Sie konnte sich nicht mehr bewegen. "BEN!" hörte sie jemand hinter sich schreien und sah, wie Semir an ihr vorbeirannte. Hinter ihm, ein paar Sanitäter und SEK-Beamte.


Semir beugte sich über Ben, welcher bewusstlos war. "Ben bitte", flehte er und sah, dass auch Blut aus dem Bauch heraustrat. Ein Durchschuss. "Ben...wach auf..." Doch Ben regte sich nicht. Die Sanitäter stiessen ihn unsanft aus den Weg und begannen Ben zu versorgen. "Blutdruck sehr tief!" verkündete der eine und der Andere untersuchte Bens Augen. "Er steht unter Schock!" Semir lehnte sich an die Wand und sah dem Geschehen zu. Bens Brust wurde freigesetzt und die Wunden wurden notdürtig versorgt. Eine Atemmaske und eine Infusion wurden angelegt. Die Sanitäter hievten ihn mit einer Decke auf die Trage und der eine sah zu Semir. "Sind Sie sein Freund?" Semir nickte mit einem riesigen Kloss im Hals und ging den Sanitätern hinterher. Er nahm Bens Hand und drückte zu. "Warum hast du das getan, du Idiot?" flüsterte er und stieg mit in den Wagen ein, wo Ben Elektroden auf die Brust gesetzt wurden. Sofort war das Piepen des EKG's hörbar. "Sein Herz schlägt zu schnell." Semir sah auf. Der Arzt schien die Besorgnis in seinen Augen zu sehen. "Bei einem Schock ist das normal. Keine Sorge. Es..." Doch in diesem Moment wurde das regelmässige Piepen zu einem langezogenem. Semir schoss hoch. "Herzstillstand!" schrie der Arzt und Semir schüttelte mit dem Kopf. "Nein, Ben! BEN!"
"Wach auf, Schlafmütze", flüsterte ihm eine tiefe Stimme ins Ohr und langsam begann er die Augen zu öffnen. Es war hell. Die Sonne schien. In seine Nase stieg der Duft von frisch gemähtem Rasen und seine Augen erblickten den wunderschönen blauen Himmel. "Na komm schon!" Schliesslich waren die Augen offen und er sah, wie sich eine bekannte Person über ihn beugte. "Adriano?" fragte Ben verwundert und richtete sich auf. Er sah an sich hinunter. Keine Schmerzen, kein Blut, keine Trauer. Nur ein Gefühl der Leichtigkeit. Adriano grinste über beide Backen breit. Ben sah sich um. Es war die Wiese, auf die sie als Teenager gelegen haben und über den Tod und das Leben siniert hatten. "Bin ich tot?" fragte Ben ängstlich und Adriano zuckte nur mit den Achseln. "Das liegt ganz an dir Ben! Du hast den Hebel in der Hand!" Ben fühlte sich geborgen, an diesem Ort. So voller Erinnerungen, so voller Freude. "Willst du mich etwa mitnehmen?" Adriano lachte auf. Dieses herzliche Lachen! So voller Wärme und Liebe. "Vergiss es! Ich kann dich im Himmel nicht gebrauchen! Denn es gibt jemanden der dich im Hier und Jetzt braucht! Und ich glaube sogar, du weisst, wen ich meine!" Ben schluckte. "Semir!" stiess er hervor und seine Augen rissen sich ins Unermessliche auf. Er konnte Semir doch nicht alleine lassen! Sein Herz verkrampfte sich. Ein Herz, dass nicht schlug. "Ich muss zurück Adriano!" Adriano lächelte und umarmte Ben zärtlich. Freundschaftlich, so wie er es immer getan hat. Doch Ben wusste, dass dies die letzte Umarmung war. Für immer. Er begann bitterlich zu weinen. Nun musste er entgültig Abschied nehmen. "Ich bin froh, sind dir meine Worte so sehr ans Herz gewachsen Ben aber, du verdienst es noch nicht, für einen geliebten Menschen zu sterben. Denn du kennst diesen noch zu wenig! Und er braucht dich!" Ben schämte sich, Adrianos schönen Anzug den er trug, mit seinen Tränen zu nässen doch dem Deutschitaliener, schien dies nichts auszumachen.



"Lade auf 200!" verkündete der Arzt und hielt die eisernen Blöcke des Wiederbelebungsgeräts auf Bens Brust. Der Oberkörper schoss in die Höhe und blieb dann wieder regungslos auf der Trage liegen. Semir hatte Bens Hand noch immer fest gedrückt. "Bitte, bitte nicht", stiess er hervor und legte seinen Kopf an Bens Hand. "Bitte, bitte Ben, du musst wieder kommen!" flüsterte er und spürte, wie die Verzweiflung ihn zu zerbersten drohte. "Ben, du bist doch kein Weichei!" Noch immer erfüllte das langezogene "Piep" den Raum und schmerzte in Semirs Ohren. Dieser grausame Ton von Tod und Ende. Er wollte ihn einfach nicht wahrhaben. Auch der Arzt nicht. Unermüdlich fuhr er mit Herzmassage und Stromstössen weiter. Ihm war schon Adriano gestorben, mit seinem besten Freund, würde ihm das nicht noch einmal passieren.
Semir konnte sich einfach nicht mit dem Gedanken abfinden, wieder jemanden zu verlieren. Er wollte es einfach nicht wahrhaben. Würde sich Ben nun in die Reihe der Verstorbenen eingliedern?




"Ich bin völlig mit dir einverstanden Ben!" Ben löste sich von Adriano und sah ihn mit tränenerfüllten Augen an. "Du musst zurück. Du musst Semir helfen. Du brauchst ihn, er braucht dich!" Ben nickte und wusch sich mit dem Handrücken die Tränen aus den Augen. "Ich danke dir für alles Adriano! Ohne dich, wäre ich nicht der, der ich bin!" Adriano winkte ab. "Du wärst so oder so was geworden Ben. Auch ohne mich!" Nocheinmal umarmten sie sich und Ben flüsterte nochmals ein dankbares "Danke!" Bevor alles in Dunkelheit versank. Er sah nur noch Adriano der ihm zuwinkte und ging. Schliesslich war alles schwarz.




Semir und der Arzt erschraken, als es wieder piepte und Bens Brustkorb sich stockend hob. "Wir haben ihn wieder!" jauchzte der Arzt und klopfte auf die Scheibe, zur Fahrerkabine. "Und nun ein bisschen Gas! Wir müssen sofort ankommen! Drück mal auf die Tube!" Der Fahrer nickte und trat das Gaspedal unwirkürlich durch. So dass er die Autofahrer auf der Strasse zwingen musste, ihm den Weg freizumachen. Semir glaubte, dass sein Herz vor Erleichterung beinahe zerspringen würde. Er fühlte, wie eine Träne die Wange hinunter lief und wie der Arzt ihm auf die Schulter klopfte. "Ihr Partner ist ein Kämpfer Herr Gerkhan!" Dann hielt er ihm eine Mullbinde hin. "Bitte pressen sie das auf die Wunde!" Semir nickte und tat wie ihm befohlen. "Ich wusste, dass du es schaffst!" flüsterte er Ben ins Ohr und dachte gar nicht an die bevorstehende Operation, seinem schmerzenden Kopf oder dem Benommenheitsgefühl, dass sich breit gemacht hatte.
Langsam wurde es hell und dieses neutrale weiss tat Ben in den Augen weh. In seine Ohren drang ein regelmässiges Piepen. Immer wieder. Piep, Piep. Unendlich. Das Zeichen, dass er lebte. Er hatte es also geschafft. Jedoch fühlte er sich matt und schwach und sein ganzer Körpern war wie Blei. Auf seinen Wangen herrschte ein Druck, der bis zur Nase drang und Ben wusste was das war. Eine Nasenkanüle. Anscheinend hatte es schlimmer um ihn gestanden, als das er vermutet hatte. Neben ihm hörte er ein ratzendes, knatterndes Geräusch. Es war leise und kaum erkennbar. Ben drehte langsam seinen Kopf. Ein beinahe umögliches Unterfangen. Das komische Geräusch, dass er zuerst nicht unterordnen konnte, war ein Schnarchen! Ein gewöhnliches Schnarchen. Und dieses kam von Semir. Dieser hatte die Arme verschränkt aufs Bett gelegt, den Kopf darauf gebettet und war eingeschlafen. Ben lächelte. Auf Semirs Stirn klebte ein überdimensionales Pflaster und auf dem Tischchen neben dem Bett, waren lauter Kaffeebecher aufgereiht worden. Anscheinend wollte Semir wach sein, wenn Ben wieder zu sich kam. Doch anscheinend war die Müdigkeit einfach zu stark.Langsam hob Ben seine Hand, in der er ebenfalls eine Kanüle stecken sah, die ihn mit Blut versorgte und legte sie sanft auf Semirs Schulter. Doch nichts. Semir musste so tief schlafen, dass er dies nicht bemerkte. "Er ist die ganzen zwei Tage aufgewesen!" hörte er eine Stimme sagen und erblickte Andrea, der die Erleichterung ins Gesicht gemeiselt war. "Gott Ben", schluchzte sie hervor und wollte schon Ben umarmen, hatte aber Angst wegen der Schläuche. Doch Ben ergriff die Initiative und strich Andrea über den Oberarm, so gut es eben ging. Sie tat es ihm gleich. "Semir hat die ganze Zeit wache gehalten. Man konnte seinen Blick nicht von den Geräten nehmen. Ich hätte, glaube ich, nackt in dieses Zimmer kommen können, er hätte es nicht gemerkt." Ben konnte nichts erwidern. Seine Stimme war wie abgestorben. Er war einfach noch zu schwach.


"Da wäre noch jemand für dich. Ich wusste nicht, ob sie rein dürfe." Verwirrt zog Ben eine Augenbraue hoch. "Sie hat sich mit dem Namen "Francesca Scolari" vorgestellt. Sie wartet draussen." Ben nickte und Andrea stand auf, sie ging zur Türe, öffnete sie und winkte die Besucherin herein. Francesca, immer noch genauso schön wie damals, als Ben sie als Kind traf, ging mit verweinten Augen auf ihn zu und strich ihm übers Haar. "Mio Bambino!" schluchzte sie und küsste Ben auf die Stirn. "Ich habe mir solche Sorgen gemacht! Ich habe es in den Nachrichten gesehen! Herrgott! Ich bin geplatzt vor Sorge!" Ben war verwundert. Sie liess kein einziges Wort über Adriano fallen. Er war ihr im Moment anscheinend wichtiger. Denn vor zwei Jahren, hatte Francesca schon ihren Mann verloren. Lungenkrebs. Das lange, unbeschwerte Rauchen hatte seinen Tribut gezollt.
"Ich bin so froh! Mein Ben!" Über die Jahre, war Francesca wie eine Mutter für Ben geworden, hatte sie doch immer seine und Adrianos Wunden versorgt, wenn die Jungen mal wieder Mist gebaut hatten. "Du bist aschfahl." Sie fuhr langsam ihre Hand zum Bauch, wo der dicke Verband zu spüren war. Auch haftete sie ihren Blick auf das Pflaster, dass über die Schusswunde an der Schulter geklebt war, dass durch das lose Krankenhaushemdchen zu sehen war. "Ich wollte nicht schon wieder jemanden verlieren!" schluchzte sie und begann bitterlich zu weinen. Ben versuchte sich aufzurichten, fiel aber wieder mit schmerzverzerrtem Gesicht ins Kissen zurück. Andrea verstand und nahm die Frau an sich. Sie drückte sie an sich. Schliesslich war sie auch Mutter und wollte sich gar nicht vorstellen wie das wäre, sein Kind zu verlieren.
"Kommen Sie, wir gehen was trinken okay? Ben braucht Ruhe", meinte sie und Francesca nickte. "Selbstverständlich. Das ist lieb von ihnen!" Zusammen gingen sie aus dem Raum und machten die Türe hinter sich zu.


Langsam schien Semir aufzuwachen, denn der Körper räkelte sich und die Schulter begannen, sich zu spannen. Ben versuchte es noch einmal. Er öffnete den Mund. "Aufmachen Schlafmütze", krächzte er und Semir schoss hoch. "Was, wie, wo?" stiess dieser entsetzt und sah Ben mit grossen Augen an. "Oh! oh! Oh ich hab's verpasst!" zischte er wütend und umarmte Ben zärtlich. Das wütende Gesicht war schnell verschwunden und ein Lächeln, hatte sich auf sein Gesicht gezaubert. "Ich dachte echt, ich müsste mir einen neuen Partner suchen!" Ben spürte, wie Semir bebte. "Danke, dass du mir das erspart hast." Ben lächelte und "schmiegte" sich an Semir. Mit Adriano ging zwar ein alter und enger Freund, doch er hatte eigentlich schon lange jemanden, der Adrianos Platz einnehmen konnte. Eine Vaterfigur, die immer sich um ihn kümmerte, so sehr es Ben auch manchmal nervte. Doch Semir meinte es nur gut und in dieser Situation, wurde Ben dies bewusst.
"Warum hast du das auch getan, du blöder Idiot?" Semir löste sich von Ben und sah ihn mit ernsten Augen an. "Ein Freund", begann Ben mit leiser Stimme und legte sich wieder ins Bett, "hatte mir mal gesagt: "Ich habe keinen Angst vor dem Tod. Doch für eine geliebte Person zu sterben, scheint mir der ehrsamste Tod, den es gibt." Als ich dich da so benommen und hilflos sah, wusste ich, was er meinte." Semir wusste genau, wer Ben meinte. Denn in den Augen seines Partners hatten sich ungewollt, wieder Tränen gebildet. Eine, konnte sich sogar einen Weg über das Gesicht und die Nasenkanüle machen. "Du hast ihn gesehen nicht war?" Ben verzog das Gesicht und weinte. Semir hatte schon öfters von diesen "Nahtoderfahrungen" gehört und schloss nie aus, dass dies tatsächlich passierte. Und er wusste, dass Ben nun klar wurde, dass er für immer "Lebewohl" gesagt hatte. Semir strich ihm sanft über die Schulter. Nichts grosses, in einem solchem Moment, würde dies auch affig wirken. Genau, wie er es bei Saskia getan hatte.
"Wir haben uns hier versammelt, um Abschied von unserem treuen Sohn, Freund und Lehrer, Adriano Scolari zunehmen. Er war ein Mann voller Mut, Liebe und Aufrichtigkeit." Ben konnte seinen Blick nicht von dem Sarg wenden. Er wusste, dass Adriano da drinnen lag. Leichenblass, das Leben von diesem Körper gegangen. Gekleidet im schwarzem Hemd und ebensofarbiger Jeans stand er da. Er wusste, dass Adriano nicht wollte, dass Ben nur um ihm zu gefallen, einen auf Formell machen würde. Adriano im Smoking - ja, Ben - nein! Ben Hatte die Hände aufeinandergelegt. Die typische Position vor einem ausgehobenen Grab. Neben ihm hatte sich Francesca, an ihm gelehnt. Sie hatte absichtlich mit der Beerdigung gewartet, bis Ben wieder einigermassen genesen war. Das Wetter passte überhaupt nicht zu der sonstigen Atmosphäre. Die Sonne schien, keine Wolke trübte den Himmel und sogar ein warmer Wind durchzog das Land. Der Pfarrer sprach seine Phrasen, ohne halt. Er hatte eine eisige Stimme. Ben mochte sie nicht.
Als der Pfarrer mit der Predigt zuende war, wurde der Sarg angehoben und die Studenten wurden gebeten, die Beerdigung nun zu verlassen. Sie hatten gesammelt, um sich an der Beerdigung mit Blumen und Finanzierung zu beteiligen. Francesca war ihnen dankbar.
Der Sarg wurde allmählich in das Grab hehoben und als dies geschehen war, gab man der Familie und Ben Zeit, Abschied zu nehmen. Francesca hatte eine blutrote Rose in der Hand und lies diese ins Grab fallen. Sie mochte diese Tradition mit der Erde nicht. Lieber gab sie Adriano etwas auf den Weg, was sie passend fand. Und es war eine Rose, die Adriano ihr als letztes geschenkt hat.



Als die restlichen Scolaris, ein paar Onkeln, Cousins und Tanten, mit ihren persönlichen Dingen fertig war, wollte Francesca sich langsam zum "Leichenschmaus" begeben. Sie drehte sich um. "Willst du wirklich nicht mitkommen Ben?" fragte sie und Ben schüttelte mit dem Kopf. Dabei zeigte er auf seinen Bauch. "Ich habe immer noch Schmerzen. Ich kriege nichts runter!" Francesca kannte den wirklichen Grund. Und deshalb nickte sie. Sie entfernte sich mit ihren Verwandten und als Ben niemanden sah, griff er langsam hinter den Hals und zog seine Kette ab. Er schritt auf das Grab zu und liess sie langsam gut. "Ich hoffe", begann er mit einem traurigen Lächeln, "sie steht dir im Himmel genauso gut wie mir!" Mit diesen Worten liess er sie fallen. Mit einem leisen "kling" landete sie auf das schwarze Holz und verschwand.
"Arivederci...mio amigo", flüsterte Ben und sah auf. An einem Baum hatte sich Semir angelehnt. Genauso schwarz gekleidet wie Ben. Ben spürte schon wieder die Tränen aufkommen. Er entfernte sich vom Grab und ging auf Semir zu. "Weisst du was ich jetzt gebrauchen könnte?" Semir sah Ben an. "Ich bin sicher, du wirst es mir gleich sagen", sagte er mit sanfter Stimme und Ben legte einen Arm um seinen Partner. "Ein Kölsch mit meinem besten Freund!" Semir lächelte verlegen. "Kannst du denn mich bei diesem Titel nennen?" Ben nickte bestimmt. "Wenn nicht dich, wer dann?"



Semir zog Ben mit sich und grinste. "Ich kenne ein gutes Lokal! Und da läuft gerade Köln gegen den schweizer Verein YB! Das müssen wir uns ansehen!" Ben nickte und hastete Semir hinterher. Er ignorierte jeden Schmerz, jede Trauer. Nach vorne sehen, lautete die Initiative!
Sie bemerkten nicht, wie sie jemand beobachtete und lächelte. "Du kannst mich loslassen Ben!" flüsterte sie und der Wind bliess langsam durch dessen Haar. "Nun kann ich gehen!" Mit diesen Worten verschwand Adriano Scolari für immer in dieser Welt. Er war weg, doch nicht vergessen! In Semirs und Bens Freundschaft würde er immer weiterleben. Und das wusste er. Sein Tod war nicht sinnlos. Er war unerwartet, aber nicht sinnlos.
Es gab Leid. Kim Krüger stand ohne jemanden da. Doch auch sie beschloss, nach vorne zu sehen. Sie liess sich zum ersten Mal von Dieter und Hotte einladen. Ein Bier trinken. In einer schönen Schenke. Unbemerkt von Fussball. Nur mit den beiden älteren Herren. Die Manieren zeigte.
Der Tod ist niemals sinnlos. Er ist geplant. All dies sollte so laufen. Ob man will - oder nicht!



ENDE

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13.07.2009 - Die Geschichte "Alte Zeiten" wurde hinzugefügt.